Rodi Said / Keystone

Neue Front im Syrien-Krieg: Kurdisches Roulette

Meinung / von Daniel Steinvorth / 23.08.2016

Die syrischen Kurden durften sich lange Zeit als Profiteure des Bürgerkrieges fühlen. Mit der türkisch-russisch-syrischen Annäherung aber hat der Wind gedreht.

Eigentlich sahen die Kurden bisher wie die natürlichen Profiteure des Syrien-Krieges aus. Welche andere Konfliktpartei konnte schon behaupten, sowohl von den USA wie von Russland umgarnt zu werden und mit dem Asad-Regime eine Art Übereinkunft gefunden zu haben? Von den Amerikanern als wichtigste Alliierte gegen den «Islamischen Staat» geadelt, von den Russen unterstützt, um gegen die Türkei zu sticheln, und von Damaskus weitgehend in Ruhe gelassen, durften Syriens Kurden schon von einem eigenen Staatsgebilde träumen. Im März riefen die linke Partei der Demokratischen Union (PYD) und ihre Verbündeten ihre föderale Region «Rojava-Nordsyrien» aus. Wer die USA und Russland hinter sich weiss, scheint weder eine erboste Türkei zu fürchten, die jeden Ansatz von kurdischer Eigenstaatlichkeit verhindern will, noch auf die Kritik der syrischen Opposition eingehen zu wollen. Diese lehnt eine Teilung Syriens in jeglicher Form kategorisch ab.

Seit vergangener Woche ist der Burgfrieden zwischen den Kurden und dem syrischen Regime allerdings zerstört. Zum ersten Mal griff Asads Luftwaffe kurdische Stellungen an, nachdem es in der nordöstlichen Stadt Hasaka zu Zwischenfällen gekommen war. Je nach Perspektive sollen diese von kurdischen Milizionären oder von Regierungssoldaten provoziert worden sein. In Hasaka kontrolliert ein Truppenteil der syrischen Armee die Innenstadt, während ringsum die Volksverteidigungseinheiten der PYD das Sagen haben – ebendiese Koexistenz brachte den Kurden vonseiten der syrischen Opposition stets den Vorwurf ein, mit Asad gemeinsame Sache zu machen. Um ihr eigenes Militärpersonal vor Ort zu schützen, setzten die USA daraufhin Jagdflugzeuge in Bewegung, worauf sich die syrischen Kampfjets über Hasaka zurückzogen. Eine direkte militärische Intervention der Amerikaner gegen Asad – auch dies ein Novum im syrischen Bürgerkrieg.

Was aber war der Auslöser für die neue Konfrontation? Die letzten Einheiten des Regimes aus Nordsyrien zu vertreiben, liegt zwar im Interesse der Kurden, wäre zum jetzigen Zeitpunkt aber eine riskante Entscheidung – jetzt, da Asad militärisch und diplomatisch Oberwasser hat, da er auf eine Kooperation mit den Kurden immer weniger angewiesen ist und sich früher oder später auf die Rückeroberung aller Landesteile konzentrieren dürfte. Zudem wäre da noch die Türkei, die nach dem Besuch von Präsident Recep Tayyip Erdogan in Moskau nicht nur ihre Beziehungen zu Wladimir Putin kitten will, sondern auch versöhnliche Signale nach Syrien sendet. Für eine Übergangszeit, sagte der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim, sei man bereit, Bashar al-Asad als Machthaber zu akzeptieren. Angesichts der Autonomiepläne der Kurden erscheint der syrische Despot plötzlich nicht mehr ganz so schlimm. Über die Gefechte in Hasaka wird man in Ankara nicht unglücklich gewesen sein.

Wollen die USA ihren türkischen Verbündeten nicht weiter verärgern und keine weitere Eskalation in Syrien riskieren, könnten auch sie bald vor die Wahl gestellt werden. Werden die Kurden dann einmal mehr von ihren «Freunden» im Stich gelassen?