Bram Janssen / AP

Flüchtlinge in der Türkei

Neue Heimat Istanbul

von Inga Rogg / 15.04.2016

Zehntausende von Syrern wollen von der Türkei nach Europa. Aber es gibt auch viele, die in eine Zukunft in der Türkei investiert haben. Sie sind nicht nur eine Last für das Land – sie bringen auch Ideen und Initiative mit.

Ein von Bäumen beschatteter Platz. In Pastelltönen gestrichene alte Häuser. Kleine Läden, in denen Händler historische Drucke, Taschen, Schals und Souvenirs feilbieten. Im Istanbuler Stadtteil Fatih – einem der ältesten Quartiere der Stadt, das sonst von eher tristen Billigbauten aus den sechziger und siebziger Jahren dominiert wird – hat Samer Alkadri einen Treffpunkt für die Gestrandeten der Kriege geschaffen. Bomben und Artilleriegeschosse haben ihre Existenz zerstört, nicht aber ihre Sehnsüchte und Träume.

Der Treffpunkt heißt „Pages“. Es ist eine Buchhandlung in einem sorgsam restaurierten Holzhaus, das in einer Sackgasse nahe dem Platz zwischen windschiefen, halb verfallenen Holzhäusern dunkelgrün leuchtet. Das „Pages“ zieht junge Kulturschaffende und Aktivisten gleichermaßen an. Die meisten von ihnen stammen wie Alkadri aus Syrien.

Unter den mehr als 3000 Titeln, die er in seiner Buchhandlung führt, finden sich ins Arabische übersetzte Klassiker der Weltliteratur wie George Orwells „1984“ oder Gabriel García Márquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“. Besonders gefragt ist der autobiografische Roman „Die Muschel“, in dem Mustafa Khalifa die Qualen und Erniedrigungen in einem berüchtigten syrischen Gefängnis literarisch verarbeitet hat. Wem das Geld für den Kauf von Büchern fehlt, kann sie gegen eine kleine Gebühr ausleihen oder hier lesen, wie die beiden jungen Männer, die in einer Ecke vornübergebeugt an einem niedrigen Tisch sitzen und sich eifrig Notizen machen.

Bereits die dritte Flucht

„Es gibt so viele Talente“, sagt Alkadri. „Man muss ihnen nur eine Chance geben.“ Aber diese in Istanbul zu finden, ist für junge Syrer, die kein Türkisch können und um das tägliche Überleben kämpfen, nicht leicht. Deshalb stellen sich auch im „Pages“ viele die Frage, die fast alle Syrer umtreibt, die in die Türkei geflohen sind: Weiterziehen in Richtung Europa oder bleiben? Die Antwort auf die Frage ist seit dem Abkommen zwischen Brüssel und Ankara noch drängender geworden.

Die EU hat der Türkei drei Milliarden Euro Hilfe zur Unterstützung der Flüchtlinge und Visafreiheit für türkische Staatsbürger in Aussicht gestellt, damit sie gegen Schlepperbanden vorgeht und ihre Westgrenze dicht macht. Demnächst sollen NATO-Kriegsschiffe die Seeroute zwischen der Türkei und Griechenland überwachen, um den regen Verkehr von oft lebensgefährlichen Schlepperbooten zu unterbinden. In Seenot geratene Flüchtlinge sollen selbst dann aufs türkische Festland zurückgebracht werden, wenn sie sich bereits in griechischen Hoheitsgewässern befinden.

Trotz schlechtem Wetter haben in den ersten beiden Monaten dieses Jahres bereits mehr als 120.000 Personen die gefährliche Überfahrt nach Griechenland gemacht. Arbeit, Bildung und die Aussicht auf Einbürgerung nach ein paar Jahren seien die wichtigsten Motive für die Flucht nach Europa, sagt Alkadri. Er sei sich sicher, dass mindestens ein Fünftel der Syrer in die Türkei zurückkehre, wenn sie ihnen das garantiere. Für sich selbst hat der 42-Jährige die Frage entschieden. „Ich habe mich in Istanbul verliebt – das Meer, die kleinen Straßen, die Menschen“, sagt er.

Für den Maler, Grafiker und Verleger, der mit seinen halblangen Haaren und den Bändchen am Arm auch in einem der trendigen Istanbuler Szenelokale zu Hause sein könnte, ist es bereits die dritte Flucht. Er war acht Jahre alt, als das syrische Regime in seiner Geburtsstadt Hama einen Aufstand der Muslimbrüder niederschlug und große Teile der Stadt dem Erdboden gleichmachte. Die Familie floh nach Damaskus, wo Alkadri Kunst und Grafikdesign studierte und später einen Verlag gründete. Dann kam der Aufstand. Alkadri war gerade auf einer Buchmesse im Ausland, als ihn im Sommer 2012 sein Vater anrief und ihm sagte, der Geheimdienst sei in seinem Büro aufgetaucht. „Ich wusste, was das bedeutet.“

Gemeinsam mit seiner Frau, einer bekannten Kinderbuchillustratorin, und den beiden Töchtern zog er nach Amman. Langweilig nennt er die jordanische Hauptstadt. Ein Jahr hielt er es aus, dann zog er an den Bosporus, vor knapp neun Monaten machte er dann das „Pages“ auf. Im obersten Stock gibt es einen Raum für Kinder, wo sie lesen, malen und spielen können. „Wenn ich schon im Exil leben muss, dann hier“, sagt Alkadri. „Istanbul ist eine Mischung aus Damaskus und dem Westen. Du kannst hier zur Moschee gehen, aber auch trinken, wenn dir danach ist.“

„Faule Türken, fleißige Syrer“

Im Gegensatz zu Alkadri würde Abdul Malik aus dem ostsyrischen Hasaka viel dafür geben, könnte er nach Europa. Doch sein Vater will nicht. Der alte Herr ist fromm und hat Angst, seine beiden Töchter könnten von westlichen Sitten verdorben werden. Und so bleibt Abdul Malik nichts anderes übrig, als zwölf Stunden für umgerechnet weniger als 20 Franken am Tag und das sieben Tage die Woche zu schuften. In einem billigen Kebab-Restaurant serviert er das Essen und räumt die Teller ab. Wenn er krank ist, gibt es keinen Lohn. Trotzdem nennt er seinen Chef einen „guten Patron“, weil dieser ihn im Krankheitsfall nicht gleich entlässt und ihn noch nie gedemütigt habe. Abdul Maliks prekäre Lage könnte sich ändern, wenn das kürzlich verabschiedete Gesetz über Arbeitsbewilligungen umgesetzt wird. Dann könnten Arbeitgeber Syrer ganz legal beschäftigen, müssten sie versichern und könnten sie nicht von einem Tag auf den anderen vor die Tür setzen.

In Aksaray, wo sich das Billiglokal befindet, schuften viele Syrer unter ähnlichen Bedingungen wie Abdul Malik. „Die Syrer sind fleißig und arbeiten hart“, sagt Abdullah Bugrahan. Der Uigure ist selbst Flüchtling. Vor 18 Jahren kam er aus China nach Istanbul, um zu studieren. „Die Türkei ist zwar nicht perfekt, aber sie ist trotzdem viel freier als China.“ Deshalb ist er geblieben, wurde türkischer Staatsbürger, gründete eine Familie und arbeitete sich empor. Neben zwei Import- und Exportfirmen betreibt er seit ein paar Monaten an der großen Ausfallstraße von Aksaray ein Lokal für uigurische Spezialitäten. „Ich habe Türken ein Drittel mehr als den gesetzlichen Mindestlohn geboten. Trotzdem habe ich niemanden gefunden.“ Jetzt beschäftigt er zwei Syrer in der Küche. „Die Türken sind faul. Es gibt genug Arbeit, aber sie hocken lieber in Cafés herum und erwarten, dass sich die Regierung um sie kümmert.“

Klein-Syrien am Bosporus

Obwohl der Uigure die Syrer in den höchsten Tönen lobt, hofft er, dass sie die Türkei bald wieder verlassen. „Sie sind unsere Gäste, und als Muslime müssen wir uns um sie kümmern“, sagt er. „Aber ich hoffe, dass der Krieg bald zu Ende ist und sie nach Hause zurückkehren können.“ Wie Bugrahan denken viele in der Türkei. Dass sich ihr Wunsch erfüllt, ist freilich unwahrscheinlich.

In den engen Straßen nahe der Metrostation von Aksaray sieht man sie: die Syrer, die sich mit Rucksäcken, Taschen und kleinen Kindern im Arm bereitmachen für die Fahrt an die Küste, um dort in ein Boot in Richtung Griechenland einzusteigen. Andere haben sich dafür entschieden, in eine Zukunft in der Türkei zu investieren. Rund um die Metrostation haben Syrer in den letzten Jahren Läden und Restaurants eröffnet, die mit zweisprachigen arabisch-türkischen Reklametafeln um Kundschaft werben. An Sonntagabenden, wenn sich die türkischen Händler verzogen haben, gehört der Platz vor der Metrostation syrischen Straßenverkäufern, die Spielzeug, Taschen und Klamotten aus chinesischer oder türkischer Billigproduktion anbieten.

In einer Nebenstraße hat Mohammed Rihawi vor kurzem einen kleinen Supermarkt eröffnet. Vor eineinhalb Jahren waren er und seine Familie aus Aleppo geflohen, weil sie nicht mehr wussten, wie sie noch überleben sollten. „Unser Haus lag an der Frontlinie, auf der einen Seite war das Regime, auf der anderen die Freie Syrische Armee. Als ich mit meinem Bruder und seinem achtjährigen Sohn hinausging, um nach Essbarem zu suchen, schossen sie auf uns“, sagt der hagere 41-Jährige. „Ein Kind sollte so etwas nicht erleben. Da sind wir gegangen.“

Ein halbes Jahr lang lebte die Familie von Ersparnissen ihres Brautmodengeschäfts, und Rihawi überlegte, ob er sich dem Treck nach Deutschland, wo inzwischen zahlreiche Freunde und Verwandte leben, anschließen solle. „Zum Glück ist nichts daraus geworden“, sagt er heute. „Inzwischen bereuen es viele, sie waren blauäugig, haben geglaubt, dass in Deutschland Milch und Honig fließen. Hier ist es hart, aber der Lebensstil und die Kultur sind ähnlich wie die unsere.“

Ärzte arbeiten als Spüler

So beschloss Rihawi, sein Geld nicht in die Flucht, sondern in einen Laden in einer Shoppingmall zu investieren. Aber das Geschäft lief nicht, nach einem halben Jahr musste er wieder schließen. Wieder stand er ganz am Anfang. „Es war deprimierend. Aber was soll man tun? So ist das Leben eben. Man darf nicht aufgeben.“ Rihawi gab nicht auf. Als ihm ein Bekannter von dem Laden in Aksaray erzählte, schlug er zu. Das Sortiment ist fast ausschließlich auf syrische Kundschaft ausgerichtet: Die Gewürze, der Kaffee, die Seifen, die Papiertücher, fast alles kommt entweder direkt aus Syrien oder ist von syrischen Firmen in der Türkei produziert. Nur das Gemüse stammt von türkischen Bauern. „Ja, ich habe Geld verloren. Aber es geht aufwärts, von Tag zu Tag wird es besser. Unsere Wohnung hier ist nicht so schön und groß wie unser Haus in Aleppo, aber es geht uns gut. Was will man mehr?“

Ähnlich wie Rihawi hat auch Abu Islam aus Damaskus sein Geld in eine Zukunft in der Türkei investiert. Nach vier Jahren im schwedischen Exil ist er reumütig an den Bosporus zurückgekehrt. Das Wetter, aber auch die Mentalität hätten ihm in Schweden nicht zugesagt, sagt der Mittdreißiger, der lässig eine Mütze in die Stirn gezogen hat. Gemeinsam mit einem Partner hat er in Istanbul gerade ein zweites Restaurant eröffnet. „Die Türkei behandelt uns wie ihre eigenen Bürger, manchmal sogar besser. Nur um die armen Leute müsste sich die Regierung besser kümmern. Dass Kinder betteln müssen und Ärzte als Spüler arbeiten, sollte nicht sein.“

Im „Pages“ packt ein Musiker seine Gitarre aus und stimmt ein populäres Lied an, das die Schönheit von Damaskus besingt. Spontan gesellt sich eine junge Frau zu ihm und stimmt mit heller Stimme in das Lied ein. Leise lächelnd blickt ihnen Alkadri zu. „Istanbul ist mir zur zweiten Heimat geworden“, sagt er. „Aber sobald das Regime gestürzt ist, kehre ich zurück.“ Das müssten wir unbedingt schreiben, sagt er mit Nachdruck: Nicht wenn der Krieg vorbei sei, sondern wenn das Regime gestürzt sei. In drei Stunden sei er zu Hause, so lange dauere es mit dem Taxi vom Platz an der berühmten Chora-Kirche zum Flughafen und von dort mit dem Flugzeug nach Damaskus. „Istanbul ist schön. Nur Damaskus ist noch schöner.“