Yannis Kolesidis / EPA

Flüchtlingskrise in Griechenland

Neue Idomenis überall

von Ivo Mijnssen / 31.05.2016

Die Räumung Idomenis hat einen Schandfleck getilgt, aber keine Probleme gelöst. Die fehlende Kommunikation der griechischen Behörden erschwert zudem den Helfern die Arbeit.

Stolz verkündete die griechische Regierung letzte Woche die gewaltfreie Räumung des Flüchtlingslagers in Idomeni und wurde dafür auch von der EU ausgiebig gelobt. Nun zeigt sich, dass der vermeintliche Triumph zumindest vorläufig ein Pyrrhussieg war: Idomeni mag leer und die besetzten Bahngeleise nach Norden mögen wieder frei sein – doch die Bewohner zogen in andere „wilde“ Lager um oder vegetieren in offiziellen Auffangzentren unter bedenklichen Bedingungen vor sich hin. Bereits am Freitag schlug das UNO-Flüchtlingswerk (UNHCR) Alarm; man sei ernsthaft besorgt über die Bedingungen in den offiziellen griechischen Flüchtlingslagern.

Umsiedlung ohne Koordination

Zahlreiche Bewohner von Idomeni seien in verlassenen Lagerhäusern und Fabriken untergebracht worden, schreibt das UNHCR. Dort hätten die Behörden Zelte nebeneinander aufgestellt, ohne Lüftung und praktisch ohne sanitäre Anlagen – und dies bei Temperaturen von gegen dreißig Grad. Der Geruch in vielen Lagern sei unerträglich, bestätigt auch eine von der NZZ befragte Helferin. Familien, die Idomeni aus Sicherheitsüberlegungen verlassen hätten, seien aus den offiziellen wieder in „wilde“ Lager zurückgekehrt, derart schlecht seien die Zustände.

Auch Médecins sans Frontières (MSF) kritisiert die Art und Weise der Umsiedlung scharf – obwohl sie wie das UNHCR die Schliessung Idomenis begrüßt. „Die Menschen werden nicht darüber informiert, wohin sie gefahren werden, das ist absolut inakzeptabel“, sagte Michele Telaro, MSF-Projektkoordinator in Idomeni, vor wenigen Tagen. Auch die Hilfsorganisationen wurden nicht über Details informiert, was ihre Arbeit, vor allem die medizinische Versorgung der Menschen, stark erschwert.

Offenbar geschah der Abtransport auch ohne Rücksicht auf die Nationalität der Asylsuchenden. Deshalb sitzen nun Tausende von Menschen unterschiedlicher Ethnien auf engstem Raum aufeinander. Bereits in den letzten Monaten kam es wegen ethnischer Spannungen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, auf welche die Behörden mit einer räumlichen Trennung der Gruppen reagierten. Diese wurde nun wieder aufgehoben. Die Behörden befürchten deshalb laut Medienberichten eine Zunahme der Gewalt; am Sonntag verletzte eine Gruppe Kurden einen Syrer bei einer Messerstecherei.

Noch schwerer wiegt die Tatsache, dass im Zuge der Räumung Tausende von Migranten verschwunden sind: Nur 3.700 der 8.500 ehemaligen Bewohner Idomenis wurden umgesiedelt. Wo sich die anderen befinden, weiß niemand. Behörden und Helfer spekulieren, einige hätten sich zu Fuß in die offiziellen Lager begeben, während andere sich weiterhin in der Region aufhielten. Sie gingen in die anderen, schon länger bestehenden „wilden“ Lager, etwa rund um Polykastro, oder harren in den Wäldern aus. Viele verstecken sich vor der Polizei, da sie kaum Aussicht auf Asyl haben und da die Behörden dem Vernehmen nach diese Woche auch die Räumung der Lager um Polykastro planen. Informiert haben sie darüber nicht.

Langsame Hilfe aus Europa

Die Räumung von Idomeni zeigt, dass der griechische Staat zwar erfolgreich punktuell polizeilich einschreitet, aber völlig damit überfordert ist, die fast 54.000 Migranten im Land menschenwürdig unterzubringen. Klar ist, dass dies für die winzige griechische Asylbehörde einer Herkulesaufgabe gleichkommt. Andererseits ist die Zahl der Asylsuchenden im Land seit Inkrafttreten des Flüchtlingsabkommens zwischen der EU und der Türkei stabil, und auch die Probleme in Idomeni waren absehbar. Es ist unklar, ob es den Griechen an Kapazitäten fehlt, sie eine Abschreckungsstrategie verfolgen oder die missliche Lage die Folge von beidem ist.

Einen kleinen Silberstreifen am Horizont bietet immerhin die Aussicht, dass die EU-Staaten endlich Ernst machen mit ihren Hilfszusagen. So sprach die EU-Kommission im Mai mehr als 80 Millionen Euro an Beiträgen für die griechischen Asylbehörden, die Polizei und Hilfsorganisationen. Auch kommen die Mitgliedsländer nach langer Verzögerung ihren personellen Verpflichtungen etwas besser nach: Es fehlen zwar weiterhin Übersetzer und Frontex-Personal, doch bei den Asyl- und Justizbeamten übertreffen die Zusagen inzwischen die Forderungen der europäischen Institutionen. Von gesamthaft 2.452 angeforderten Personen sind nun 1.460 fest zugesagt. Bis sie in Griechenland ankommen, wird allerdings weitere wertvolle Zeit verstreichen. Gegenwärtig sind erst 251 ausländische Experten vor Ort.