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Kroatien

Neue Kraft als kroatische Königsmacherin

von Andreas Ernst / 09.11.2015

Die kroatische Rechte hat die Wahlen gewonnen. Eigentliche Siegerin ist aber die neue Partei Most, in deren Händen das Schicksal der nächsten Regierung liegt.

Die kroatischen Parlamentswahlen vom Sonntag sind mit einer kleinen Sensation zu Ende gegangen. Zwar hatte die „patriotische Koalition“ unter Führung der rechten HDZ am meisten Stimmen gemacht und wird voraussichtlich 59 der insgesamt 150 Sitze im Parlament, dem Sabor, besetzen. An zweiter Stelle folgt die linksliberale Koalition der SDP mit 56 Sitzen. Ein solches Resultat war erwartet worden. Die Überraschung aber ist die vor knapp drei Jahren gegründete Most (Brücke), die sich aus einer lokalen Protestpartei zur drittstärksten Partei emporgeschwungen hat. Ohne sie wird es in Kroatien keine neue Regierung geben.

Umworbene Most

Die einzige Alternative wäre eine große Koalition zwischen HDZ und SDP. Dafür scheinen nicht nur die ideologischen Gräben zu tief, sondern auch die persönlichen Ressentiments zwischen dem konservativen Tomislav Karamarko und dem Sozialdemokraten Zoran Milanović zu groß. Noch in der Wahlnacht begannen die großen Parteien ihre Avancen gegenüber Most und lobten deren Vertreter als gute und vernünftige Leute. Most selber hält sich bedeckt. Man sei bereit zu Verhandlungen. Es werde aber keine Regierung geben, die nicht das Reformprogramm der Partei umsetze. In dessen Zentrum steht eine umfassende Dezentralisierung des Landes, der Abbau der öffentlichen Verwaltung und eine grundlegende Reform der Justiz.

An der Spitze von Most steht Božo Petrov, ein 36-jähriger Arzt und Psychiater aus dem dalmatinischen Hinterland. Vor drei Jahren siegte er in einer Kampfwahl gegen einen langjährigen Dorfkönig und krempelte als Gemeindepräsident die Verwaltung des Fleckens Metković um. Er reduzierte die Gehälter der Angestellten, kündigte Günstlingsverträge, senkte Repräsentationskosten und brachte die Finanzen ins Lot. Darauf erhöhte er die Löhne, aber nicht mehr auf das alte Niveau. Aus den ideologischen Grabenkämpfen zwischen der Linken und Rechten hielt er sich konsequent heraus und hat heute das Image eines anpackenden, etwas hölzernen Pragmatikers, der sowohl Wähler aus dem SDP- als auch dem HDZ-Milieu anzieht.

Kroatiens Wiederaufbau

Die Zeit für einen Neubeginn sei gekommen, sagte Petrov in der Wahlnacht. „Wir werden liefern, was wir versprochen haben“, rief er seinen Parteifreunden zu. Das öffentliche Interesse stehe fortan über den politischen Spielchen. „Wir brauchen die besten Leute aus dem ganzen Land, um Kroatien wieder aufzubauen. Wir werden Opfer bringen müssen, ohne zu kalkulieren, und schmerzhafte Entscheidungen treffen.“ Ab jetzt stehe nicht mehr das Private, sondern das Gemeinwohl im Zentrum.