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Flüchtlingskrise

Neue Tragödien auf dem Mittelmeer

von Andrea Spalinger / 31.05.2016

In den letzten Tagen sind über 700 Bootsflüchtlinge ertrunken. 14.000 wurden auf hoher See gerettet und nach Italien gebracht. In Rom schaut man dem Sommer mit mulmigem Gefühl entgegen.

Auf dem Mittelmeer sind in den letzten Tagen deutlich mehr Migranten ums Leben gekommen, als bisher angenommen wurde. Laut dem UNO-Flüchtlingshilfswerk sind mindestens 700 Flüchtende ertrunken. Zwei Bootsunglücke waren bereits bekannt gewesen. Nach übereinstimmenden Berichten von Überlebenden ist am Donnerstag aber noch ein weiteres Schiff mit über 600 Personen an Bord untergegangen.

Ein Schleuser verhaftet

Der motorlose Fischkutter habe im Schlepptau eines anderen Schiffes Libyen verlassen, erzählten Bootsflüchtlinge Helfern in Italien. Als es plötzlich voll Wasser gelaufen sei, habe der sudanesische Schleuser die Schlepp-Leine kappen lassen und das kleinere Boot sei gekentert. 25 Personen konnten sich auf das größere Schiff retten, 79 wurden später von Hilfskräften geborgen. Hunderte weitere sind jedoch ertrunken, unter ihnen viele Frauen und Kinder. Der Schleuser wurde nach seiner Ankunft in Sizilien verhaftet. Er ist allerdings wohl nur ein kleiner Fisch.

Die steigenden Opferzahlen sind damit zu erklären, dass libysche Schlepperbanden immer seeuntüchtigere Boote losschicken. Voll gepfercht mit Flüchtenden schaffen es diese meist nur knapp bis in internationale Gewässer, bevor sie in Seenot geraten. Außerdem ist die Zahl der Flüchtenden stark angestiegen. Über siebzig Gummiboote und zehn Kutter sind vergangene Woche von Sabratha, Zuwara und Stränden nahe Tripolis Richtung Europa aufgebrochen.

Mindestens 200.000 weitere Migranten warten laut der Internationalen Organisation für Migration auf die Überfahrt. Sie zahlen für den lebensgefährlichen Trip bis zu 2.000 Euro und die Phantom-Regierung in Libyen ist schlicht nicht in der Lage, das florierende Geschäft zu unterbinden. In den letzten Tagen sind zudem auch wieder mehr Boote aus Ägypten angekommen, wo sich die kriminellen Schlepperbanden offenbar neu organisiert haben.

Im laufenden Jahr sind über 40.000 Ankömmlinge in Italien registriert worden. Das sind zwar etwas weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, die starke Zunahme in den letzten Tagen ist laut der Küstenwache aber höchst beunruhigend. Letzte Woche haben italienische und europäische Rettungskräfte insgesamt über 14.000 Flüchtende nach Italien gebracht. Wenn es in diesem Takt weitergehe, seien bald alle Rekorde gebrochen, warnen die Behörden.

In Griechenland sind im selben Zeitraum nur noch 180 Personen angekommen. Mit der Schließung der Balkanroute und der Rückschaffung von Migranten in die Türkei haben Experten eine Verlagerung des syrischen Flüchtlingsstroms nach Italien befürchtet. Eine solche ist allerdings noch nicht auszumachen. Derzeit kommen vor allem Nigerianer, Gambier, Somalier und Eritreer über die Mittelmeer-Route.

Hilferuf an Brüssel

Die Regierung von Matteo Renzi sieht dem Sommer mit Sorge entgegen. Ankömmlinge werden mittlerweile relativ konsequent registriert. Das heißt, sie können nicht mehr so leicht untertauchen und Richtung Nordeuropa weiterreisen. Die Aufnahmezentren sind aber bereits überfüllt. Asylverfahren dauern in Italien lange. Mit den meisten Herkunftsstaaten gibt es zudem keine Rücknahmeabkommen. Das heißt, Abgewiesene können nicht so leicht ausgeschafft werden. Innenminister Alfano hat Brüssel aufgefordert, solche Abkommen mit afrikanischen Ländern zu schließen, da Italien bilateral nicht genug Druckmittel habe. Zudem fordert er von der EU mehr Engagement in Libyen, um den Flüchtlingsstrom einzudämmen.

Das Thema Migration hat innenpolitisch einige Sprengkraft. Es tobt bereits ein heftiger Streit um die Verteilung der Asylbewerber. Die rechtspopulistische Lega Nord wirft Renzi vor, nicht genug zu tun, um Flüchtlinge von Italien fernzuhalten. Man werde sich die Invasion illegaler Einwanderer nicht mehr bieten lassen, poltert deren Chef Salvini. Zumindest in Norditalien erhält er dafür Applaus. Alfano hat die Kommunen dort wiederholt aufgefordert, mehr Plätze für Asylbewerber zu Verfügung zu stellen. Der Süden und die Hauptstadt Rom leisteten diesbezüglich sehr viel mehr als der Norden, kritisiert er.