Sedat Suna / EPA

Flucht in die Türkei

Neuer Exodus aus Syrien

von Marco Kauffmann Bossart / 08.02.2016

Der syrische Bürgerkrieg sorgt für zehntausende Flüchtende aus Aleppo. Die Türkei leistet auf der syrischen Seite der Grenze humanitäre Nothilfe für Flüchtlinge aus Syrien. Präsident Erdoğan betreibt damit strategische Interessenpolitik. NZZ-Korrespondent Marco Kauffmann Bossart berichtet aus Kilis. 

In der Ferne steigt schwarzer Rauch aus umkämpften syrischen Dörfern in den grauen Himmel auf. Vögel zwitschern, über den matschigen Lehmboden watscheln schnatternde Gänse. Von einer Anhöhe außerhalb der türkischen Grenzstadt Kilis erhält man einen Eindruck von der Komplexität des Bürgerkriegs, der im Nachbarland tobt. Das Gebiet direkt gegenüber kontrollieren Rebellen der Freien Syrischen Armee, einige Kilometer weiter östlich beginnt das Kalifat des Islamischen Staats, und auf dem Berg Parsa gegen Westen hin halten kurdische Einheiten die Stellung.

Geschlossenes Eisentor

Der Belagerungsring, der sich immer dichter um Aleppo zieht, hat innerhalb der letzten Tage Zehntausende in die Flucht Richtung Türkei getrieben. Der Gouverneur der türkischen Provinz Kilis, Süleyman Tapsiz, sprach am Samstag von 30.000 bis 35.000 neuen Schutzsuchenden an der Grenze; am Vortag war noch von 20.000 Vertriebenen die Rede gewesen. Nach Schätzungen des Gouverneurs marschieren weitere 70.000 Menschen Richtung Türkei.

Weil die Truppen des syrischen Machthabers Bashar al-Asad offenbar ein Stück der Verbindungsstraße nach Kilis zurückeroberten, müssen die Flüchtlinge lange Umwege in Kauf nehmen. An der türkischen Grenze gibt es indes kein Weiterkommen mehr. Am wichtigsten Grenzübergang, Öncüpinar, ist das braune Eisentor am Sonntagnachmittag geschlossen. Geöffnet wird es nur für türkische Hilfskonvois, die Mahlzeiten und Baumaterial auf die syrische Seite liefern. Hin und wieder rast eine Ambulanz über die lange Gerade nach Kilis.

Im Widerspruch dazu hatte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu am Samstag noch angekündigt, sein Land halte an der Politik der offenen Türen für syrische Flüchtlinge fest, auch in Reaktion auf Mahnungen der Europäischen Union. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan revidierte diese Position indes am Sonntag. Man werde die Gestrandeten dann einreisen lassen, wenn es keine andere Wahl mehr gebe – ohne zu erläutern, was er damit genau meint. Eine Sonderbehandlung scheint es für Turkmenen zu geben, eine turkstämmige Minderheit in Syrien.

Die türkische Hilfsorganisation IHH hat schon vor der jüngsten Großoffensive in Aleppo auf der syrischen Seite der Grenze Container-Lager errichtet. Sie reichen bei weitem nicht mehr aus. Im Materiallager beim Grenzübergang Öncüpinar berichtet der Pressebeauftragte der IHH, Burak Karacaoğlu, innerhalb weniger Tage habe man zusätzlich 200 Zelte für 1.200 Personen aufgestellt. Auch die genügen nicht.

Karacaoğlu zückt sein Handy und zeigt Fotos von Kindern, die in Decken eingewickelt im Freien auf dem Boden schlafen, obwohl heftige Niederschläge über der Region niedergehen und die Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt liegen. Andere Flüchtlinge suchen Schutz unter Olivenbäumen.

Im Lagergebäude der IHH stapeln sich Mehlsäcke. In der Großküche nebenan werden täglich 100.000 Brote gebacken und danach ins kriegsgeschüttelte Nachbarland geliefert. Das staatsnahe Hilfswerk musste sich schon mehrfach gegen Vorwürfe wehren, es fraternisiere mit islamistischen Kreisen. Trotz heftigen Dementis sind die Vorwürfe nicht ganz entkräftet.

Mit der Hilfsaktion entlang der Grenze reaktiviert Ankara seine Idee eines humanitären Korridors auf syrischem Boden. Westliche Länder standen diesem Vorhaben von Beginn an skeptisch gegenüber. Zum einen ist es kaum möglich, Kriegsflüchtlinge dort ohne ein beträchtliches Militärengagement wirksam zu schützen. Zum anderen könnte Ankara versucht sein, sich in einem Gebiet einzunisten, wo sich auch kurdische Milizen – die Hauptfeinde der türkischen Regierung – bewegen.

Einschläge auf Pausenplatz

In Kilis, der türkischen Grenzstadt, erzählt der syrische Gemüsehändler Firat, dass er in der Nacht auf Samstag die Familie seines Bruders in die Türkei geschmuggelt habe. 1000 Dollar für acht Personen kostete der illegale Übertritt. Firat, ein filigraner Mann in den Dreißigern, verkauft unter einer blauen Plane Spinat, Rüben, Zwiebeln und vieles mehr. An dem Stand arbeiten seine drei anderen Brüder mit.

In den zwei Jahren, seit Firat aus dem syrischen Dorf Hayyen nach Kilis geflüchtet ist, hat die Stimmung gegenüber den Migranten gedreht. Rund 130.000 Syrer leben in einer Stadt mit ursprünglich 95.000 Einwohnern, wo vor dem Krieg der Schmuggel mit Tee, Elektrogeräten, Schafen, Zierfischen und Zigaretten blühte. Wurden die Zuzügler nach Kriegsbeginn mit offenen Armen empfangen, macht sich jetzt Unmut wegen Bettlern breit. Dazu kommen Sorgen um die öffentliche Ordnung und gestiegene Mieten.

Erst vor wenigen Wochen schlug zudem auf einem Schulhausplatz in Kilis eine Rakete aus Syrien ein. Eine Angestellte wurde auf der Stelle getötet, ein Mädchen erlag seinen Verletzungen im Spital. Die Opferzahl wäre viel höher gewesen, wenn der Beschuss zur Pausenzeit erfolgt wäre. Vielen in der Stadt wurde spätestens da bewusst, dass der Krieg näher und näher an die Türkei heranrückt.

Auf der Anhöhe außerhalb von Kilis lässt sich beobachten, wie die Türkei ihren Grenzschutz massiv ausbaut. Eine drei Meter hohe Betonmauer riegelt einen Abschnitt ab, der auf der Gegenseite vom Islamischen Staat beherrscht wird. Dutzende zusätzliche Betonblöcke stehen für die Montage bereit. Die Mauer verstärkt die metertiefen Gräben entlang der Grenze, die Flüchtlinge und auch Dschihadisten bis vor kurzem ohne Schwierigkeiten überwinden konnten.