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Neuer UNO-Generalsekretär António Guterres: Ein Mann für Dialog und Klartext

von Nina Belz / 06.10.2016

Der frühere Hochkommissar für Flüchtlinge soll künftig die UNO führen. António Guterres ist ein Mann des Dialogs, der aber auch harte Worte nicht scheut.

„Nur die Schlepper und die Schmuggler haben es bis jetzt verstanden, mit der Flüchtlingskrise umzugehen“, bemerkte António Guterres im Januar dieses Jahres mit bissiger Ironie. Er warf der Europäischen Union vor, in dieser Frage versagt zu haben, plädierte aber auch für ein „globales Megaprogramm“ zur Aufnahme von Flüchtlingen, deren Drama er allzu gut kennt. Von 2005 bis 2015 war António Guterres als Hochkommissar für Flüchtlinge viel an der humanitären Front unterwegs. Nun soll der 67-jährige Sozialist aus Portugal bei den Vereinten Nationen die Nachfolge von Generalsekretär Ban Ki-moon antreten.

Als Bewerber hatte Guterres drei Handicaps. Erstens sollte, nach einem Rotationsprinzip, möglichst eine Figur aus Osteuropa dieses Amt übernehmen, zweitens vorzugsweise eine Frau. Und drittens spricht Guterres, obwohl er als ein Mann des Dialogs gilt, oft einen für einige wohlhabende Länder missliebigen Klartext. Er hat dennoch sämtliche Anhörungen bestanden und sechs Probeabstimmungen im Sicherheitsrat allesamt klar gewonnen. Er hatte als Vorteil auch die lange UNO-Erfahrung. „Immer wenn ich António Guterres in einem Koordinationsgremium gehört habe, schien es mir klar, dass hier der künftige Generalsekretär spricht“, sagt der österreichische Diplomat Thomas Stelzer, der in New York mehrere Jahre lang als Berater von Ban Ki-moon wirkte, gegenüber der NZZ.

Leistungsausweis in Portugal

Die innenpolitische Laufbahn von Guterres, der 1949 in Lissabon zur Welt kam, aber im abgelegenen Distrikt Castelo Branco aufwuchs, begann bald nach dem Sturz der Diktator im Jahr 1974. Als Vertreter einer gemässigt linken Linie führte der bekennende Katholik von 1992 bis 2002 den Partido Socialista und von 1995 bis 2002 die Regierung. Er sagte der sozialen Ausgrenzung den Kampf an und startete eine Offensive in der Bildung, die er als seine „Leidenschaft“ pries. Guterres setzte auf Verständigung und verblüffte Skeptiker, indem er mit einer populären Minderheitsregierung eine volle Amtszeit von vier Jahren (1995–1999) überstand und dem Land zu Ansehen verhalf. Als er antrat, war Portugal unter den Aspiranten für die Startgruppe des Euro ein Außenseiter.

Unter Guterres, der sich gut mit Helmut Kohl verstand, wurde das Land dennoch zum Mitbegründer der Währungsunion, trotz starken Erhöhungen der Sozialausgaben – ein Kurs, der sich jedoch nicht als nachhaltig erweisen sollte. Als Portugal 2000 den EU-Vorsitz führte, zählte der Elektroingenieur zu den Vordenkern der „Lissabon-Strategie“. Ausgerechnet aus diesem Südland kam der Ruf, die EU mit Wissen und Innovation zum führenden Wirtschaftsraum der Welt zu machen, ohne ihr Sozialmodell aufzugeben. Guterres profilierte sich als Mann mit Weitblick, der ohne Manuskript druckreife Reden hielt, vor allem in privater Runde aber auch viel Humor an den Tag legte. Im Jahr 1999 wurde Guterres zum Vorsitzenden der Sozialistischen Internationalen gewählt. Schon bald verblasste aber sein Stern daheim. Ihm fehlte allzu oft der Mut zur Konfrontation. Als er im Dezember 2001 zurücktrat, bekam er vorgeworfen, vor einem mittlerweile wieder zu hohen Haushaltsdefizit zu flüchten.

Katholik und Sozialist

Schon als Ministerpräsident sah sich Guterres mit Kriegen und humanitären Dramen in ehemaligen portugiesischen Kolonien konfrontiert. Gegen den Bürgerkrieg in Angola, der erst 2002 enden sollte, konnte Portugal zwar wenig ausrichten. Nicht zuletzt mit viel diplomatischem Geschick gelang es aber, endlich dem indonesisch annektierten Osttimor den Weg zur ersehnten Unabhängigkeit zu verhelfen. Guterres engagierte sich aber auch in den Diskussionen über die Reform der Vereinten Nationen, die Leistung von Entwicklungshilfe und die Schulden armer Länder. Für Generalsekretär Kofi Annan diente er als Berater für soziale Fragen in Brasilien.

In Portugal hofften viele Genossen lange auf ein Comeback des schlagfertigen Politikers. Er sollte Anfang 2016 als Kandidat für das Amt des Staatspräsidenten antreten, wollte aber höher hinaus. Für Portugal ist seine Wahl zum UNO-Generalsekretär zweifellos ein diplomatischer Erfolg.