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Knapp ein Jahr in Bayern

„Nicht mehr Flüchtling, endlich Einwohner sein“

von Stephanie Lahrtz / 08.09.2016

Menschen, die vor einem Jahr nach Deutschland kamen, berichten über ihre Erlebnisse hier. Es ist ein Leben in der Schwebe. Mit viel Hilfe – und viel Warten.

„Deutschland ist ein gutes Land, hier ist es sicher“, sagen Talal (19) und Tarik (17) aus Syrien. Man hört die Dankbarkeit in ihren Stimmen, sieht die Erleichterung in ihren dunklen Augen. Talal floh letzten Oktober vor der Einberufung in die Armee und kam einen Monat später in München an. Tarik wurde mit 14, als die Bombenangriffe in der Umgebung immer häufiger wurden, von der Mutter auf den Weg nach Deutschland geschickt. Sein Vater war von einer Autobombe zerfetzt worden. Tarik hing mehr als zwei Jahre in der Türkei fest, putzte gegen Kost und Logis das Haus eines kinderlosen Ehepaars in Istanbul, jobbte in Izmir in Restaurants, bis er die Gebühren für die Schlepper verdient hatte und letzten Oktober mit einem der Flüchtlingszüge in München ankam.

Ohne Deutsch läuft wenig

Auch Ahmad (17) aus Afghanistan, Alireza (28) und sein Neffe Pouya (17) aus Iran berichten von persönlichen Bedrohungen durch die Taliban oder die iranische Geheimpolizei. Alle Befragten sind seit letztem Spätherbst in Bayern, wohnen heute in Augsburg, München oder Garmisch. So unterschiedlich die Herkunft und so individuell die Fluchtgründe und der -verlauf sind, so ähnlich sind ihre Gefühle und Hoffnungen. Alle betonen, dass sich die gefährliche Flucht schon deshalb gelohnt habe, weil man hier ohne Angst durch die Strassen gehen könne.

„Infos sind wichtiger als Kleidung.“ Ahmad, 17 Jahre, aus Afghanistan

Doch das löst nicht alle Probleme. Die Asylbewerber fühlen sich oft einsam. Nicht alle können mit ihrer Familie kommunizieren, manche wissen, dass die Verwandten tot sind. Ausser zu freiwilligen Helfern, den Mitarbeitern von Behörden und Sozialdiensten der Caritas und anderer Organisationen haben sie wenig Kontakt zu Deutschen. Sport ist oft das erste Bindeglied. „Wir gehen zweimal die Woche zum Fussballtraining im nahe gelegenen Verein“, berichten drei Afghanen vor einer Münchner Gemeinschaftsunterkunft. Ablehnung oder gar böse Worte von Deutschen, das hat noch keiner der Befragten erfahren. Man fühlt sich willkommen. „Mich stört, dass viele Deutsche immer denken, alle Flüchtlinge seien arm und rückständig“, sagen der Syrer Talal und der Iraner Pouya unisono.

„Das Hauptproblem für jegliche Kontakte, für Jobs und Ausbildung, ist die Sprache. Ohne minimale Deutschkenntnisse oder etwas Englisch geht praktisch nichts“, erklärt der junge Afghane Ahmad. „Zudem muss man schnell kapieren, dass die Deutschen Pünktlichkeit und Einsatzbereitschaft erwarten.“

„Ich will kämpfen, Etappe für Etappe.“ Tarik, 17 Jahre, aus Syrien

Aber zu den Träumen der Neuankömmlinge gehört nicht nur das Überleben, alle wollen ein richtiges Leben, eine selbstverdiente und selbstgestaltete Existenz. Nicht mehr Flüchtling, sondern normaler Einwohner sein, wie Pouya es formuliert. Die aus gebildeten und gutsituierten Familien Stammenden streben eine Berufsausbildung oder ein Studium an. „Deutschland ist schliesslich bekannt für seine guten Bildungsmöglichkeiten“, meint Talal noch auf Englisch. Sobald er Deutsch kann, will er im kommenden Jahr eine Ausbildung zum Prothesenmacher und Orthopädiemechaniker beginnen.

Alireza, der in Iran ein Bekleidungsgeschäft, Häuser und Autos besass, will sich schnell wieder etwas erarbeiten und niemandem auf der Tasche liegen. Er hat ein zweiwöchiges Praktikum in einem Garmischer Bekleidungsgeschäft absolviert, sucht nun nach einer Ausbildungsstelle. Pouya will Ingenieur werden. Er besucht seit kurzem die Realschule, will in zwei Jahren seinen Abschluss machen.

„Wenn man was werden will, muss man was riskieren.“ Talal, 19 Jahre, aus Syrien

Informatiker und Koch

Ahmad und sein Altersgenosse Tarik aus Syrien hatten das Glück, als Minderjährige in Deutschland anzukommen. So kamen sie sofort in eine Wohngruppe der Jugendhilfe in Augsburg mit sozialpädagogischer und anderer Betreuung, sie mussten weniger als einen Monat auf Sprachkurse warten, Ahmad hat bereits einen Mittelschulabschluss gemacht. Beide haben am 1. September bereits mit einer Ausbildung begonnen. Ahmad lernt Fachinformatik, Tarik Koch. Beide sprechen gut Deutsch. An ihnen sieht man, dass mit intensiver Hilfe sowie sehr viel Lerneifer und Ehrgeiz auch nach kurzer Zeit schon wichtige Schritte zur Realisierung von Träumen in einem neuen Leben getan werden können.

Bei über 18-Jährigen hakt es jedoch deutlich öfter. Viele von ihnen wohnen noch immer mit meist über 100 anderen Asylbewerbern in einer Halle mit Trennwänden in Kopfhöhe, ohne jede Privatsphäre. Oder in ehemaligen Pensionen auf dem Land, weitab von Schulen und Jobs. Erwachsene müssen zudem bundesweit derzeit oft monatelang auf offizielle Deutsch- und Integrationskurse warten. Vielerorts geben nun ehrenamtliche Helfer in den Unterkünften ersten Deutschunterricht. Trotzdem sind viele Asylbewerber zu täglich stundenlanger Untätigkeit verdammt, im besten Fall organisieren ehrenamtliche Helfer einige Freizeitangebote.

Doch nicht jeder Asylbewerber nimmt die diversen Angebote und Kurse wahr. Manche sind noch zu traumatisiert, andere haben keine Lust, fünfmal die Woche morgens für den Deutschkurs aufzustehen. Gerade Personen aus bildungsfernen Schichten verstehen nicht, dass sie nicht gleich Arbeit finden, sondern erst eine nicht besonders üppig bezahlte Ausbildung absolvieren sollen. Helfer schätzen, dass ungefähr die Hälfte der Neuankömmlinge tatkräftig das eigene Schicksal in die Hand nimmt, lernt und sich anpasst.

Mangelndes Engagement stört nicht nur die Betreuer. Die ehrgeizigen Flüchtlinge schimpfen über „die faulen anderen“. „Wir können oft erst abends um zehn Uhr lernen, weil viele Bewohner in der Unterkunft abends laute Partys machen“, kritisieren Pouya und Alireza, die seit Dezember in Deutschland leben. Nach Massenunterkunft und einigen Umzügen wohnen sie nun in einem früheren Hotel. Beide können bereits sehr gut Deutsch.

Die ersehnte und von den Schleppern versprochene neue Existenz, die lässt auch knapp ein Jahr nach der Ankunft für viele weiter auf sich warten. In Bayern haben seit Oktober 2015 insgesamt 24 000 Flüchtlinge eine Praktikums-, Ausbildungs- oder Arbeitsstelle gefunden. Letztgenannte allerdings meist in temporären Aushilfsjobs. Unsere Gesprächspartner lassen alle durchblicken, dass sie sich das nicht so langwierig vorgestellt hatten mit dem Geldverdienen. Sie sagen das vorsichtig, durchsetzt mit Dankesworten an ihre vielen Helfer. Alle wissen, dass die Ressourcen in Deutschland, seien es Geld, Wohnungen, Kurse oder auch Zeit für Hilfen, endlich sind. Gerade die sehr engagierten Ankömmlinge haben Angst, dass „die anderen“ ihnen etwas davon wegnehmen. Verteilungskämpfe schwelen nicht nur zwischen Deutschen und Asylbewerbern, sondern auch unter diesen.

Zwischen Bangen und Hoffen

Mögen auch viele schon recht gut Deutsch sprechen, über einen Schul-, Ausbildungs- oder Arbeitsplatz verfügen – so richtig angekommen ist noch keiner. Alle treibt die Angst um: Darf ich bleiben? Während das für Syrer praktisch sicher ist, leben Afghanen zwischen Bangen und Hoffen, bekommen oft nur kurzfristige Duldungen, was eine reguläre Arbeit erschwert. Noch wurde keinem unserer Gesprächspartner der Asylantrag bewilligt. Das ist allerdings ihr allergrösster, alle einender Wunsch. Neuer Schub für die deutsche Gesellschaftslz. München ⋅ Vor einem Jahr klatschten die Menschen am Münchner Hauptbahnhof nicht nur Tausenden abgekämpfter Flüchtlinge zu. Rund 4000 Personen organisierten sich zudem buchstäblich über Nacht, verteilten Essen, Getränke und Kleidung, sammelten Schlafsäcke und Decken via Facebook. Das Engagement dauerte in reduzierter Form bis in den Dezember hinein. Denn auch als Passau ab Mitte September zur Verteilstation für Ankömmlinge wurde, strandeten Flüchtlinge noch in München – zum Beispiel auf dem Weg von der einen zur anderen Unterkunft. „Im September haben vor allem jüngere Berufstätige, oft in ihrem Urlaub oder nachts, sowie Studenten vor Semesterbeginn im Schichtbetrieb gearbeitet“, berichtet Marina Lessig, die damals die Arbeit der Ehrenamtlichen in ganz München koordinierte. „Es kamen Leute, die sofort anpacken wollten, um Bierbänke oder Kleiderkisten zu schleppen, um Brote zu schmieren.“ Seit Januar habe sich die Lage grundsätzlich gewandelt, erklärt Lessig, die für die Caritas tätig ist. „Jetzt geht es um langfristige Unterstützung bei der Integration, also um Hausaufgabenhilfe, Deutschkurse oder die Organisation von Freizeitangeboten. Derzeit engagieren sich vor allem Teilzeitbeschäftigte, Schüler, Hausfrauen und Rentner in der Flüchtlingshilfe.“ Nicht nur Lessig ist überzeugt, dass der Einsatz am Münchner Hauptbahnhof das ehrenamtliche Engagement auch über die Stadtgrenzen hinaus grundsätzlich verändert hat. „Früher klagten viele Organisationen und Vereine über zu wenig Ehrenamtliche. Doch seit letztem Herbst wissen wir, dass es ganz viele hilfsbereite Bürger gibt. Aber sie wollen sich nicht in den oft doch recht hierarchischen Strukturen altbekannter Vereine mit Satzungen und sturen Regeln engagieren, sondern ihre eigenen Ideen umsetzen.“ Darauf hätten die Organisationen und Vereine nun reagiert, sie seien offener und flexibler geworden. Auch habe man erkannt, wie wichtig die Betreuung von Ehrenamtlichen sei, sowohl in psychologischer als auch in organisatorischer Hinsicht. Viele Menschen seien mit den oft grausamen Erlebnissen der Flüchtlinge überfordert, andere sähen nicht, wo welche Hilfe benötigt werde. „Der Einsatz am Hauptbahnhof war ein Weckruf und hat der Gesellschaft Schub gegeben“, sagt Lessig.