Bundesarchiv, Wegmann, Ludwig

„Nie ist das eine so gefährlich wie das andere“

von Alexander Kluge / 11.11.2015

Einer seiner Amtsvorgänger, der Freiherr von Stein, mehr als 100 Jahre älter, hätte Helmut Schmidt als einen FESTEN MANN bezeichnet, einen Charaktermenschen. Das wäre bei diesem Vorgänger im Regierungsamt die höchste Anerkennung gewesen. Mit Helmut Schmidt hat Deutschland einen seltenen und großen Mann verloren. 

Der Stenograf des Parteitags kommentiert eine Rede von Helmut Schmidt (aus: Die Patriotin)

Entscheidungsreiche Nacht

Szene während des Besuchs des Bundeskanzlers Schmidt bei Präsident Carter

Zu Ehren des deutschen Bundeskanzlers Schmidt war nach dem Dinner im Rosengarten des Weißen Hauses die Vorführung einer Operette von Sullivan vorbereitet. Die Gäste und ihre Frauen, der Präsident, einige Senatoren und Stiftungspräsidenten saßen auf den in die Gartenanlage gerückten Sesseln dem kleinen Orchester und den Sängern gegenüber. Das war örtlich eng. Die hochsommerliche Abenddämmerung versank in einer lang hin­gezogenen Abblende des Lichts. Viele Besucher der Veranstaltung wünschten sich eine klare Entscheidung zwischen dem Restlicht der Sonne und dem elektrischen Licht.

Außerhalb dieser winzigen Sphäre, in welcher der regierende Zirkel den Abend ver­brachte, ereigneten sich zur gleichen Stunde dramatische Vorgänge.

In New York brach die Stromversorgung zusammen. In den Hochhäusern erloschen millionenfach die Lichter. Für Stunden blieben Menschen in den Fahrstühlen eingeschlos­sen. Der Gouverneur des Staates New York rief den Notstand aus. Einige Zeit war unklar, ob ein Attentat oder ein Versagen von Fernleitungen, zur Katastrophe aufgeschaukelt, die Ursache des Ausfalls war. Die Nachricht davon wurde durch Boten über die schmale Gras­narbe zwischen Orchester und erster Sitzreihe an den Assistenten rechts vom Präsidenten überbracht und dann von Mund zu Ohr an diesen übermittelt.

„Nie ist das eine so gefährlich wie das andere“

Schon wenig später, noch bevor die Sänger in das witzig gemeinte Potpourri des Finales einstimmten, trat unpassend eilig der Sicherheitsberater des Präsidenten in die Szene, knie­te zu Jimmy Carters Füßen nieder und konferierte in dieser Haltung (Brzezinski ist ein hochgewachsener Mann) über einen neuen gefährlichen Tatbestand (die Umsitzenden erfuhren den Grund und den Inhalt des Gespräches erst später); in der See vor Nordkorea habe ein Schußwechsel mit einem US-Kriegsschiff stattgefunden; auch ein sowjetisches Schiff sei beteiligt gewesen. Die Frage war, ob dies eine Provokation darstellte, die eine mi­litärische Antwort erforderte. Im Sinne einer möglichen Kriegsauslösung sei es ebenso ge­fährlich, auf Schüsse einer nicht vollständig identifizierten Seite zu antworten, so Brzezinski zum Präsidenten, wie Schwäche zu zeigen und gerade dadurch eine Eskalation zu bewirken. Es bleibe sich also, erwiderte der Präsident, fast gleich, was man mache, denn riskant sei es in jedem Fall. Das gebe es nicht, antwortete der Bundeskanzler vorlaut, der mitgehört hatte, nie sei das eine so gefährlich wie das andere, es gebe stets etwas Drittes. Die Antwort eile, warf der Sicherheitsberater ein, jedes zusätzliche Wort oder Argument verbrauche Zeit. Solle man lieber falsch entscheiden als Zeit vergeuden? Das fragte der Präsi­dent unwillig.

Der Präsident, den die Musik nicht interessierte, tat vor den Gästen dennoch so, als höre er zu. Zu keiner der an ihn herangetragenen dringlichen Fragen konnte dieser Herrscher in der gegebenen Situation etwas beitragen. Jedenfalls enthielt die Operette von Sullivan aus dem Jahr 1929 keine Hinweise für die Beantwortung irgendeiner politischen Frage. Einen Augenblick prüfte Carter, ob er sich aus dem Sessel erheben und in den Räumen des Weißen Hauses seine Mitarbeiter einberufen solle. Das wäre als Unterbrechung des Pro­gramms ein dramatischer Schritt gewesen, bereits eine Vorentscheidung darüber, daß eine Reaktion des US-Präsidenten anstehe. Nun kam, von drei Militärs überbracht, noch die Nachricht, daß US-Angehörige im Iran zusätzlich zu den dort von den Behörden belager­ten Insaßen der Botschaft in Gewahrsam genommen worden seien. Auf der nahöstlichen Seite des Planeten war es zu diesem Zeitpunkt heller Tag. Ereignisse stürmten heran, wäh­rend sich Amerika schlafen legte.

Gibt es irgend etwas, was Sie beunruhigt, Mister President?

fragte Bundeskanzler Schmidt höflich. Nicht der Rede wert, antwortete der Präsident. Noch aber hing der Un­ruhestifter Brzezinski, ganz in seinem konspirativen Element, in Ohrnähe des Präsidenten und sprach auf ihn ein. Für die Gäste war die Situation unklar. In Sullivans Operette ging es um eine Millionärstochter, die sich nicht zu einer Scheidung von einem Jungen in Brooklyn durchringen konnte, der von einem Intriganten beschuldigt worden war, ihr untreu gewesen zu sein. Wie die Sängerin klagend vortrug, stand es nicht fest, ob er eine andere liebte oder nur sie – wie er wiederholt ihr versprochen hatte. Das blieb bis zum Ende der Aufführung das Problem.

aus: Stefan Moses und Alexander Kluge. „Le Moment Fugitif“, Nimbus Verlag

FILM: Schmidt Ankunft bei Honecker

In meinem Film VERMISCHTE NACHRICHTEN besucht Helmut Schmidt erstmals Erich Honecker in der Schorfheide.

Die Nordpolarstellung

Hinflug nach Kanada. Bundeskanzler Helmut Schmidt lehnte sich zum Fenster und deu­tete auf die Eislandschaft, die sich rechts bis zum Horizont erstreckte. Dazu gibt es neuer­dings eine Planung, sagte er kurz angebunden. Wir sprachen noch eben über die Winter­schlacht von Stalingrad. Deshalb komme ich darauf. Es existiert eine NATO-Planung, fuhr der Kanzler fort, die sich auf die Regionen des Nordpols, die Eislandschaft über dem Nordmeer bezieht. Wer diesen Bereich des Planeten militärisch in Besitz nehmen kann, fasst jeden Gegner, der sich in den mittleren Breiten bewegt, in die Flanke. Das sei der neueste Schlieffen, so die NATO-Planer.

Es ist ein verrücktes Vorhaben, sagte der Kanzler

Die NATO-Planer waren auf diese Konzeption gekommen aufgrund geheimdienstlicher Nachrichten von sowjetischer Seite. Das sei ein charakteristischer Treibsatz für Planungen, kommentierte der Kanzler: Wenn wir es nicht machen, werden es die anderen tun. „Ist diese Sache nicht geheim?“, fragte ich. Insofern nicht, antwortete der Kanzler, als jeder intel­ligente Mensch, der einen Globus vor sich hat, diesen Gedanken fassen kann. Es ist keine patentierbare Idee. Aber doch geheim, wenn es darum gehe, ob die Idee zu einem Plan wird? Es ist ein verrücktes Vorhaben, sagte der Kanzler und wies durch das Fenster auf die wüste weiße Weite: In der Ferne ein dunstigblauer Horizont, in der Nähe waren unregel­mäßige, felsige Strukturen zu sehen. Einen Vorteil, fuhr der Kanzler fort, sehen die Strate­gen darin, daß es sich um ein Gefechtsfeld handelt, in dem die Truppe keine Zivilisten vorfindet. In der Tiefe des Nordmeeres muß man Vorratslager anlegen, fügte er hinzu, un­terseeisch, auch die Tarnung bereite in einem solchen Gelände Schwierigkeiten. Eher ein bewaffnetes Gefangenenlager für die eigene Truppe? Ja, eher ein Kessel, in dem man sich freiwillig einigelt.

Diese NATO-Planung wurde später aufgegeben. Wie aber die in der Evolution erworbe­nen Eigenschaften ohne äußere Anwendung lange Zeit liegenbleiben und sich zugleich durch Mutationen fortentwickeln, um dann als neue Anpassungen hervorzutreten, so füh­ren Akten und gespeicherten Datenmassen in der Brüsseler Zentrale ein aktives, verborge­nes Leben. Die Idee des Flankenvorstoßes aus der Region des Nordpolarmeers (wie von einem fremden Himmelskörper) führte politgenetisch zu Richard Perles Planung des SDI-Projekts, eines Angriffs auf jeden Punkt der Erde mit Hilfe lasergesteuerter Projektile aus dem Orbit.

SAURE VORMITTAGSSTUNDE. In der Nacht ist in Polen das Kriegsrecht ausgerufen worden.

Während des Gesprächs mit Helmut Schmidt hatte die Maschine die Westküste Grön­lands erreicht, und nach beiden Seiten, Süden und Norden also, war dunkles Wasser zu se­hen, von kleinen Eisblöcken wie von miniaturisierten Segelschiffen belebt. Eine Dunst­wand im Westen, auf welche die Maschine zuflog. Nicht besonders eindrucksvoll, sagte der Kanzler. Ihm war das Bild, auch beengt durch den Fensterrahmen, nicht einheitlich genug, jedenfalls schien ihm dieser Teil der Erdoberfläche unbrauchbar, sowohl in militärischer als auch in seemännischer und in industrieller Hinsicht. Zu kalt, zu wässerig. Auch dräng­te es ihn zu den anderen Begleitern des Fluges, zu denen er sich jeweils auf eine halbe Stun­de zu einem Gespräch setzte. Bis Ottawa wollte er mit allen gesprochen haben.

Stefan Moses und Alexander Kluge. Le Moment Fugitif, Nimbus Verlag