AFP / ARIS MESSINIS

Bootsunglück im Mittelmeer

Noch immer fehlen Informationen

von Beat Bumbacher / 20.04.2016

Am Montag hatten Berichte über ein neues Bootsunglück im Mittelmeer für Aufsehen gesorgt, bei dem Hunderte von Flüchtlingen ertrunken sein sollen. Doch ob sich die Katastrophe wirklich in dieser Form ereignet hat, ist nach wie vor unklar.

Den Anfang hatte am Montag eine Meldung des arabischen Dienstes der britischen BBC gemacht. Unter Berufung auf nicht näher genannte ägyptische Quellen wurde dort berichtet, dass bei einer Schiffskatastrophe zwischen Ägypten und Italien mehr als 400 Migranten ums Leben gekommen seien. Insgesamt vier Boote mit Flüchtlingen an Bord sollen im Mittelmeer gekentert sein. Diese Meldung verbreitete sich anschließend weltweit über alle Nachrichtenkanäle.

Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella sprach von einer „neuen Tragödie“, die sich auf See ereignet habe, und nannte auch gleich die Zahl von mehreren hundert Todesopfern. Der italienische Außenminister Paolo Gentiloni erklärte bei einem EU-Außenminister-Treffen in Brüssel, es sei sicher, dass sich im Mittelmeer wieder Schlimmes abgespielt habe. Unklar blieb dabei aber, auf welche Informationen sich die beiden bei ihren Aussagen stützten. Denn die italienische Küstenwache konnte diese Angaben über das Unglück ebenso wenig bestätigen wie das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR oder die Internationale Organisation für Migration (IOM). „Es ist wirklich ein Mysterium. Wir können das Unglück weder bestätigen noch dementieren“, sagte der IOM-Sprecher in Italien am Dienstag.

Niemand kann bestätigen

Dasselbe galt für die Küstenwachen Griechenlands, Libyens und Ägyptens. Auch die Sprecherin der EU-Mission Frontex wusste gegenüber den Medien zur neuen Bootskatastrophe im Mittelmeer nichts zu sagen. Sie verwies ihrerseits auf die ägyptischen Behörden. In Kairo erklärte aber das Außenministerium gegenüber der Nachrichtenagentur AP am Dienstag, dass man über keine Informationen verfüge. Die genauen Umstände des Unglücks blieben damit weiter unklar. Weder erhielt die Öffentlichkeit gesicherte Informationen darüber, wo die Katastrophe sich ereignet hatte, noch wie viele Boote darin involviert waren, noch die Zahl der Schiffsinsassen und der Todesopfer oder der Geretteten. Auf Facebook kursierte für einige Zeit zwar ein Video, das die Bergung von Leichen und die Rettung von Schiffbrüchigen zeigte. Dessen Echtheit ließ sich aber nicht überprüfen und es wurde inzwischen von Facebook wieder entfernt.

Zahlen aus Somalia

Laut BBC stammten die meisten der betroffenen Bootsinsassen aus Somalia, ein weiterer Teil aus Eritrea und Äthiopien. Darin könnte ein Hinweis für den Ursprung der Meldungen über die hohe Opferzahl liegen. Denn es war der somalische Regierungssprecher, der gegenüber der Nachrichtenagentur DPA erklärte, auf den verunglückten Booten seien rund 500 Migranten gewesen, von denen knapp die Hälfte aus Somalia beziehungsweise aus Somaliland stammen würden. Mit ihnen habe man Funkkontakt gehabt, der jetzt abgebrochen sei. Seine Quellen dafür nannte er nicht, doch seine Angaben wurden danach überall zitiert.

Der somalische Präsident Hassan Sheikh Mohamud bestärkte diesen Eindruck noch, indem er in einer Mitteilung verlauten ließ: „Dieser Unfall, bei dem viele unserer jungen Männer laut Berichten ums Leben kamen, hat uns sehr schockiert.“ Eine somalische Nachrichten-Website namens Goobjoog publizierte später ein in Griechenland gemachtes Interview mit einem angeblichen Überlebenden des Schiffsunglücks, der behauptete, dass sich rund 500 Personen auf seinem Boot befunden hätten, von denen nur 24 gerettet worden und danach auf die griechische Insel Karpathos gebracht worden seien.

Die BBC berichtete am Dienstag ihrerseits von 41 Überlebenden eines Bootsunglücks im Mittelmeer, die in die griechische Hafenstadt Kalamata gebracht worden seien. Nach diesen Angaben soll es sich aber um Boote mit rund 240 Migranten gehandelt haben, die von Libyen und nicht von Ägypten aus in See gestochen seien. Aber auch die BBC fügte dieser Nachricht den Satz bei, dass es für die Schiffskatastrophe selber keine offizielle Bestätigung etwas der griechischen Marine oder Küstenwache gebe.

Eigendynamik entwickelt

Diese doch sehr verwirrende Nachrichtenlage muss keineswegs heißen, dass sich nicht wirklich ein höchst tragisches Ereignis zugetragen hat. Man wird zum Beispiel abwarten müssen, ob sich auf offener See in den nächsten Tagen Spuren finden lassen werden. Der Vorfall zeigt jedoch eine ausgeprägte Eigendynamik in der Entwicklung der Nachrichtenlage bei gleichzeitigen beträchtlichen Mängeln in der Faktenlage. Mit eine Rolle hat dabei möglicherweise die Tatsache gespielt, dass sich vor genau einem Jahr eine der bisher schlimmsten Havarien von Flüchtlingsbooten ereignet hatte, bei der tatsächlich über 700 Personen ums Leben gekommen waren.