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Abgeschmiert – Wie Norwegen sich des sinkenden Ölpreises wegen neu erfindet

von Niels Anner / 19.06.2016

Noch vor zwei Jahren war an der norwegischen Westküste alles möglich: Ein Porsche, ein Tesla, Ferien in der Südsee, ein Traumhaus am Wasser und ein schnittiges Motorboot gehörten für viele zum Standard. Möglich war das dank der Öl- und Gasindustrie, die Norwegen innert vier Jahrzehnten von einem einfachen Agrarstaat in eines der reichsten Länder der Welt verwandelte. Seit Jahren steht es an der Spitze der Ranglisten über die höchste Lebensqualität. Alle glaubten an eine sichere Zukunft, niemand sorgte sich. Doch jetzt hat der drastisch gesunkene Ölpreis sehr vieles verändert, was gerade junge Norweger für gegeben ansahen. Eine Wirtschaftsführerin in Bergen, neben Stavanger das zweite Zentrum für die Ölförderung, sagt es so: „Der Siegesrausch, der uns auch verwöhnt, unkritisch und träge gemacht hat, ist vorbei.“

Wegen des weltweiten Überangebots hat das Öl seit 2014 zeitweise 70 Prozent an Wert verloren. An der erfolgsverwöhnten Westküste Norwegens ist es deshalb zu Massenentlassungen gekommen. Jede zehnte der 300 000 Stellen, die in Boom-Zeiten direkt oder indirekt an der Öl- und Gasindustrie hingen, sind bisher verschwunden. Pessimistische Experten glauben, in den nächsten Jahren seien zwei Drittel dieser Jobs in Gefahr. Der Sektor, der 20 Prozent der Wirtschaftsleistung und über die Hälfte der Exporte Norwegens ausmachte, wankt. Die Milliardeninvestitionen der Ölkonzerne brachen ein, sie dürften in diesem Jahr um 40 Prozent tiefer liegen als 2015. Rund die Hälfte der 41 Bohrplattformen in der norwegischen Nordsee sind bereits oder werden im Verlauf des Jahres stillgelegt. Versorgungsschiffe liegen unbenutzt in den Häfen. Die Arbeitslosigkeit ist an der Westküste in einigen Gemeinden von unter 2 auf gegen 6 Prozent angestiegen, unter Jungen sogar auf 10 Prozent; landesweit liegt sie bei 4,7 Prozent. Auch Maschinenbauer, Handwerker, Restaurants und Hotels haben spürbar Kunden verloren, und die Reallöhne sinken.

Studentin mit Eigentumswohnung

Die wenigen Ökonomen, die früh vor der Abhängigkeit vom Öl warnten, galten als Störenfriede auf der Party. Für Studienabgänger mit Spezialisierung für die Ölbranche habe es noch vor kurzem Einstiegslöhne von umgerechnet 150 000 Franken gegeben, erzählt Malin Eriksen. Sie hatte schon als Studentin in Stavanger eine feste Stelle auf einer Bohrplattform und einen Lohn, mit dem sie problemlos eine Hypothek für eine eigene Wohnung erhielt. Doch seit 2014 hat die 25-Jährige gleich zweimal eine Stelle in der Ölindustrie verloren. In ihrem Jahrgang im Wirtschaftsstudium mit Schwerpunkt Öl und Gas hat niemand einen Job. Es ist sogar schwierig geworden, eine Stelle an einer Kasse zu bekommen. Wer kann, zieht deshalb weg. Eriksen hat in Stavanger aber ihre Wohnung, die an Wert verliert.

Der Absturz kam schneller und heftiger als erwartet. Die meisten wollten ihn lange nicht wahrhaben, sagt Anne-Lise Heggland, die eine lange Karriere in der Erdölindustrie hinter sich hat. Zuletzt war sie Finanzmanagerin bei einem Konzern, der Ölplattformen betreibt. „Wir warfen mit Geld um uns, im Privaten wie im Geschäftlichen“, sagt Heggland. „Die Ölfirmen holten die guten Leute mit überzogenen Löhnen zu sich. Jeder Büroangestellte verdiente in der Industrie deutlich mehr als das Personal im Gesundheitswesen.“ Dadurch seien auch die Unterschiede in der Gesellschaft deutlich geworden: Lehrer und Krankenschwestern konnten sich in Stavanger keine Wohnungen mehr leisten.

Doch dank der Ölindustrie lief die gesamte Wirtschaft wie geschmiert. Der aus den Öleinnahmen gespeiste norwegische Staatsfonds wuchs mit 860 Milliarden Dollar zum größten der Welt an. Das Land verfügt über eine weltweit einzigartige Strategie für den nachhaltigen Umgang mit den Gewinnen aus dem Ölgeschäft. Die Gelder sind vor allem zur langfristigen Finanzierung des Wohlfahrtsstaates gedacht, doch die Regierung kann mit den Erträge des Fonds auch Haushaltslöcher stopfen.

Die rechtsbürgerliche Regierung reagierte langsam, als es bergab ging. Doch nun kommt jenes mit dem Staatsfonds erwirtschaftete Polster zum Tragen, das Norwegen verglichen mit anderen Ländern krisenfester macht. Die öffentliche Hand investiert in Infrastruktur und Forschung – und findet wieder qualifizierte Arbeitskräfte. „Die Leute sind bescheidener geworden, die Erwartungshaltung der Jungen ist tiefer“, erklärt Mette Saetre. Die Wirtschaftschefin der Regionalverwaltung in Bergen ist verantwortlich für staatliche Programme zur Umstellung: Arbeitslose Ingenieure sollen Jobs in anderen Branchen wie der boomenden Fischzucht oder dem Schiffbau finden. Immerhin haben die Exporte, etwa von Fisch, zugelegt, da sich die norwegische Krone abschwächte.

Elektrovelo statt Ölindustrie

Neue Exportindustrien müssen aber zuerst aufgebaut werden. „Norwegen will in grünen Energien aufholen – eigentlich ist die Krise eine große Chance für uns“, sagt Saetre, räumt aber ein, dass der Wandel komplex sei. Ihre Abteilung koordiniert Umschulungsprojekte und den Bedarf an Arbeitskräften, verteilt öffentliche Gelder für Startups und Projekte mit grüner Technologie wie Windkraft, bei der Norwegen trotz seiner langen, windigen Küste weit im Rückstand ist.

Konsequent hat sich Anne-Lise Heggland umorientiert. Die Ölmanagerin hat das Angebot einer freiwilligen Kündigung mit Abgangsentschädigung angenommen. Jetzt ist die 52-Jährige mit ihrem Mann daran, ein neuartiges Elektrovelo zu entwickeln, eine Art vierrädriges Liegevelo mit Dach. Gerade an der regnerischen Westküste, glaubt sie, habe das Gefährt namens Podbike großes Potenzial – zumal viele in Stavanger in Zukunft aus finanziellen Gründen auf den Zweitwagen verzichten müssten und der öffentliche Verkehr ungenügend sei. „Es soll ein Elektrovelo werden, das an den im Stau stehenden Tesla-Limousinen vorbeifährt“, sagt Hegglands Mann Per Hassel Sörensen, der als Ingenieur für alles Technische hinter dem Projekt steht.

In seiner Kellerwerkstatt stehen Funkanlagen, zerlegte Elektromotoren, an der Wand hängen Computermäuse, fein säuberlich aufgereiht. Seit seiner Jugend tüftelt Hassel. Bei verschiedenen Firmen entwickelte er Instrumente, stets für die Ölindustrie – bis er es sich anders überlegte. Heute spricht der 54-Jährige von einem „großen Bluff“: Die Industrie behaupte, die Ölproduktion sei sicher und löse die Energieprobleme der Welt. Ihre Verantwortung für den Klimawandel wolle sie aber nicht anerkennen. Neue Zahlen zeigen, dass Norwegens CO2-Emissionen im vergangenen Jahr wegen der Ölförderung angestiegen sind – obschon das Land international ehrgeizige Klimaziele propagiert. Doch grüne Kritiker sind in Norwegen klar in der Minderheit, trotz Krise und Umstellung. „Die Forderung, die Ölproduktion zurückzufahren oder auf neue Ölfelder zu verzichten, kommt dem Fluchen in der Kirche gleich“, sagt Per Hassel.

Von einem Ausstieg will die Wirtschaftschefin der Region Bergen nichts wissen. „Die Welt ist abhängig vom Öl – und Norwegen auch. Wir können uns keinen Stopp leisten“, sagt Mette Saetre. Und auch die Studentin Malin Eriksen hat sich zwar mangels Zukunftsperspektiven für eine neue Ausbildung zur Lehrerin eingeschrieben. Trotzdem bleibt ihr größter Wunsch ein Job in der Ölindustrie. In der Branche ist aber klar, dass in Zukunft wesentlich billiger produziert werden muss. Der Druck auf die hoch spezialisierten Bohr- und Servicefirmen wird kaum abnehmen.

Die Grundhaltung der Mehrheit an der Westküste ist weiterhin das Prinzip Hoffnung – dass es eines Tages wieder aufwärtsgehen wird. Man freut sich über den leichten Anstieg des Ölpreises seit einigen Monaten. Die Regierung hat sich im Mai über die Proteste von Umweltorganisationen hinweggesetzt und neue Bohrlizenzen in der arktischen Barentssee vergeben. Zudem verspricht man sich viel vom Fördergebiet Johan Sverdrup südwestlich von Stavanger, wo riesige Ölvorkommen verhältnismäßig einfach zugänglich sind. Das ist sogar bei einem tiefen Ölpreis lukrativ.