Susannah George / Keystone

Kampf gegen den IS in Syrien

Obama zwischen allen Stühlen

Meinung / von Andreas Rüesch / 30.08.2016

Der türkische Einmarsch in Syrien hat die USA in eine Zwickmühle gebracht. Mit ihrer Parteinahme für Ankara brüskieren die Amerikaner die Kurden, ihre bisher besten Verbündeten in Syrien.

Zwei Jahre nach Beginn ihrer Militäroperation gegen die Terrormiliz IS sind die USA von ihrem Ziel noch immer weit entfernt: Das syrisch-irakische „Kalifat“ befindet sich zwar an vielen Fronten in der Defensive, aber es ist noch längst nicht zerschlagen, wie dies Präsident Obama einst versprochen hatte. Der neue Leiter der amerikanischen Operation, General Townsend, hat für die Vertreibung des IS aus seinen Hochburgen Rakka und Mosul ein weiteres Jahr veranschlagt – und auch diese Prognose enthält wohl einigen Zweckoptimismus. Obama wird das Problem mit anderen Worten seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin weiterreichen.

Im Laufe dieser beiden Jahre hat sich die Aufgabe ständig weiter kompliziert. Die Schuld daran trägt Washington zu einem erheblichen Teil selber. Statt genügend eigene Truppen zu stellen, die Ausbildung von moderaten Rebellen zu forcieren und die regionale Diplomatie zu verstärken, sandte die Administration Obama von Anfang an Signale der Unentschlossenheit aus. Das so entstandene sicherheitspolitische Vakuum machte sich Russland mit seiner Intervention aufseiten Präsident Asads zunutze. Moskaus Luftwaffe schränkt nicht nur die Bewegungsfreiheit der Amerikaner über Syrien ein, sondern hat auch wiederholt proamerikanische Rebellengruppen bombardiert – mehr als Proteste aus Washington hat sie nicht zu befürchten.

Im Laufe dieser beiden Jahre hat sich die Aufgabe ständig weiter kompliziert. Die Schuld daran trägt Washington zu einem erheblichen Teil selber.

Jetzt ist der syrische Kriegsschauplatz nochmals unübersichtlicher geworden. Neben ungezählten Rebellengruppen, dem IS, dem libanesischen Hizbullah, syrischen, russischen, iranischen, amerikanischen und (auf dem seit 1967 besetzten Golan) israelischen Truppen stehen seit vergangener Woche auf dem Boden des zersplitterten Landes auch noch türkische Einheiten. Der mit Panzern, Artillerie und Luftangriffen lancierte Vorstoss des Nato-Landes nach Nordsyrien erfolgte vordergründig mit der Unterstützung Washingtons, aber in Wirklichkeit ist es keineswegs eine Entwicklung nach amerikanischem Wunsch. Pläne für eine türkisch kontrollierte Pufferzone westlich des Euphrat waren in Washington lange Zeit auf Widerstand gestossen. Aber Amerikas Einfluss in Ankara ist in jüngster Zeit aus zwei Gründen geschwunden: Zum einen sind den „Säuberungen“ im türkischen Militär nach dem gescheiterten Putsch viele Verbindungsleute der USA zum Opfer gefallen. Zum andern ist sich Präsident Erdogan seit seiner Versöhnung mit dem Kreml sicher, dass die in Nordsyrien operierende russische Luftwaffe den türkischen Einmarsch nicht behindern wird.

Protürkischen Rebellengruppen ist es dank türkischer Schützenhilfe in kurzer Zeit gelungen, den vom IS kontrollierten Landkorridor an der türkischen Grenze auf die Hälfte zu verkleinern. Das ist auch aus amerikanischer Sicht ein Erfolg. Aber nun gerät Washington in eine Zwickmühle. Statt alle Kräfte gegen den IS zu bündeln, verwickeln sich verschiedene von den USA unterstützte Rebellengruppen in Kämpfe untereinander. Auf der einen Seite sind dies die in der türkischen Offensive eingesetzten Rebellen aus dem Umkreis der Freien Syrischen Armee, auf der anderen Seite die von Kurden dominierten Syrian Democratic Forces. Das Pentagon hat diese Kämpfe scharf kritisiert, aber bisher nicht stoppen können. Der Fall illustriert, wie den Amerikanern selbst im „eigenen“ Lager die Kontrolle immer mehr entgleitet.

Den Kurden ist es zu verdanken, dass das Terror-Kalifat einst bei Kobane seine erste grosse Niederlage erlitt.

Um den Konflikt zu entschärfen, hat das Weisse Haus die Kurden zum Rückzug hinter den Euphrat aufgefordert. Es tat dies aus Rücksicht auf Erdogan, für den ein Kurdenstaat in Syrien das üblere Schreckgespenst ist als der IS. Aber die Amerikaner lassen damit einen anderen Partner im Regen stehen – die Kurden, die sich auf dem syrischen Schlachtfeld bisher als ihre besten Verbündeten erwiesen hatten. Ihnen ist es zu verdanken, dass das Terror-Kalifat einst bei Kobane seine erste grosse Niederlage erlitt und sich in Nordsyrien nicht weiter ausbreiten konnte. Die Kurdenmilizen sind auf absehbare Zeit auch die Einzigen, die eine Offensive gegen die IS-Hauptstadt Rakka anführen könnten.

Nach monatelangen erbitterten Kämpfen gelang den Kurden mit amerikanischer Luftunterstützung kürzlich die Einnahme der strategisch wichtigen IS-Hochburg Manbij. Wenn sie nun von Washington lapidar aufgefordert werden, diese Stadt und weitere Gebiete westlich des Euphrat an andere, arabische Rebellen abzutreten, so ist dies eine ungeheure Brüskierung. Aus kurdischer Sicht entpuppen sich die USA damit als Verbündete, auf die kein Verlass ist. Weshalb sollten sie künftig noch bereit sein, für die Amerikaner die Kohlen aus dem Feuer zu holen? Für den weiteren Verlauf des Kampfs gegen den IS sind dies keine guten Vorzeichen.