Reuters/Peter Klauzner

Österreich am Katzentisch

von Erich Aschwanden / 02.06.2016

Zur Primetime gibt es in den europäischen TV-Anstalten viel Lob für die schweizerischen Ingenieure und Politiker. Ein Missgeschick von Bundesrat Didier Burkhalter blieb unbemerkt. 

Um sich seiner selbst zu vergewissern, ist es für ein kleines Land wie die Schweiz wichtig zu wissen, wie man vom Rest der Welt wahrgenommen wird. Nach der pompösen Eröffnung des Gotthardbasistunnels vom Mittwoch kann man aufatmen: La Suisse existe und organisiert würdige Feiern.

Stillstehende Züge

Diesen Eindruck erhielt, wer sich am Ende des historischen Tages von den Primetime-Sendungen der nachbarlichen TV-Anstalten informieren ließ. Mit zum Teil hintergründigen Beiträgen wurden die Zuschauer in Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich über die Bedeutung des Jahrhundertbauwerks für Europa aufgeklärt. Wobei man sich allerdings auf TF 2 minutenlang stillstehende SNCF-Züge ansehen musste. Erst dann gab es etwas Fahrendes aus der Schweiz zu sehen. Angesichts der dramatischen Streik-Bilder ist es erstaunlich, dass es der französische Staatspräsident François Hollande überhaupt rechtzeitig in die Schweiz geschafft hat.

Burkhalters Missgeschick

Naturgemäß legten die ausländischen Journalistinnen und Journalisten die Prioritäten etwas anders als die einheimischen Medienschaffenden. So war das spektakuläre Lochkleid von Bundesrätin Doris Leuthard kein Thema. Ohnehin war die Verkehrsministerin nur auf ARD kurz zu sehen, ohne dass die Zuschauer über den Symbolgehalt der bundesrätlichen Garderobe aufgeklärt worden wäre.

Für die europäischen TV-Stationen kein Hingucker: Leuthards Lochkleid
Credits: Samuel Golay/Keystone

Von in- und ausländischen Medien zunächst unbemerkt, blieb der Fauxpas von Bundesrat Didier Burkhalter. Erst am Tag danach vermeldete „20 Minuten“, dass sich Burkhalter beim Aussteigen aus dem Extrazug in Pollegio den Fuss verstaucht hat. Die ausländischen Staatsgäste blieben dank der umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen allesamt unverletzt.

Stattdessen konnten selbst ausgewiesene Kenner der heimischen Politszene noch etwas lernen. Oder haben Sie gewusst, dass unser Bundespräsident mit zweitem Vornamen Niklaus heißt? Der Einblender mit dem Namen „Johann Niklaus Schneider-Ammann“ sprengte beim französischen Sender TF 2 auf jeden Fall beinahe den Bildschirm.

Tunnel made in Austria

Im Brennpunkt standen jedoch vor allem die eigenen Potentaten. So schaffte es RAI Uno ein Kurzinterview mit Premierminister Matteo Renzi zu liefern, obwohl dieser nicht als Grenzgänger, nur als absoluter Kurzaufenthalter ins Tessin gefahren war und nach der Tunnelfahrt gleich wieder gen Süden verschwand.

Kein vom Schweizer Fernsehen geführtes Interview mit ihrem neuen Bundeskanzler hatten die Österreicher. Im Viererabteil mit Schneider-Ammann, Merkel, Hollande und Renzi hatte es keinen Platz für Christian Kern. Unbeantwortet ließ der ORF auch die Frage, an welchem Katzentisch der Regierungschef unseres östlichen Nachbarlandes die Fahrt durch den Tunnel erlebt hat.

ARD und ZDF produzierten zwar spektakuläre Videos und Grafiken, mussten aber auch zerknirscht eingestehen, dass es mit dem Bau der Zufahrtsstrecken vor allem in Deutschland harzt.

Des öfteren wurde in Deutschland die Frage gestellt, warum denn im eigenen Land Großprojekte wie der Berliner Flughafen, der Bahnhof Stuttgart 21 oder die Hamburger Elbphilharmonie zu einer Serie von Pech und Pleiten werden.

Auftrumpfen konnten dagegen die Österreicher. In einem Hintergrundbeitrag zeigte der ORF, dass der Gotthardtunnel in der „Neuen österreichischen Tunnelbauweise“ errichtet wurde. So neu ist diese auch nicht mehr, stammt sie doch aus den 1960er-Jahren. Sie ermöglicht es, dass weniger Ausbruchmaterial entsteht. Doch immerhin reichte es um von einem „Exportschlager made in Austria“ zu sprechen.