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„Österreich kennt keine Grenzen in Sachen Scheußlichkeit“

Gastkommentar / von Tuna Bozalan / 13.09.2016

Es war ein turbulenter Sommer, nicht nur für die Türkei generell, sondern auch für die österreichisch-türkischen Beziehungen. Dabei wissen viele gar nicht, was in der Türkei so alles über Österreich gesagt wird.

Während der letzten Wochen sorgten nur wenige Länder für mehr Schlagzeilen innerhalb der türkischen Medienlandschaft als Österreich. Hierbei kam insbesondere dem Live-Ticker von krone.tv am Wiener Flughafen große Bedeutung zu. Zunächst sorgte die Meldung „Mit Türkei-Urlaub unterstützt man Erdogan“ für Empörung, und einige Wochen später kam die Falschmeldung „Türkei erlaubt Sex mit Kindern unter 15 Jahren“. Außerhalb Österreichs fand diese Meldung große Resonanz, sogar die schwedische Außenministerin Margot Wallström kritisierte daraufhin die türkische Regierung. Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu ließ nicht lange auf eine Antwort warten. Ihm zufolge handelte sich eine Verleumdungskampagne, die in Österreich begann und in weiterer Folge auch Schweden erreicht habe. Seine Aussage, wonach Österreichs ein Zentrum des Rassismus und der Islamophobie sei, sorgte hierzulande für entsprechendes Aufsehen.

Dann kam es letzte Woche zu einem erneuten Eklat, der hierzulande untergegangen ist. Ein Flugzeug von British Airways, das eigentlich von Istanbul nach London fliegen sollte, musste aufgrund eines technischen Defekts in Wien notlanden. Aufgrund von Schengen-Richtlinien durften die türkischen Fluggäste den Flughafen nicht verlassen. Unter den Passagieren war auch ein Journalist des türkischen staatlichen Rundfunks. Er machte kurzerhand ein Video und veröffentlichte es auf Twitter. In dem Video beklagte sich eine betroffene Passagierin, dass sie und ihre Mitreisenden als Bürger zweiter Klasse behandelt wurden. In der türkischen Twittersphäre verbreitete sich das Video wie ein Lauffeuer und wurde über 20.000 Mal geteilt, die Empörung war entsprechend groß.

Neben diesen Ereignissen sind es auch Aussagen österreichischer Politiker, die die türkischen Medien beschäftigen.

Besonders viel Aufmerksamkeit bekommen österreichische Wortspenden zu den EU- Beitrittsverhandlungen. Nationalbank-Governeur Nowotnys Aussage, dass die Türkei „keine Chance auf eine Vollmitgliedschaft habe“, wurde von der türkischen Nachrichtenplattform A-haber mit den Worten „Österreich kennt keine Grenzen in Sachen Scheußlichkeit“ betitelt. Österreich verbreite die Lüge von der türkischen Armut, zwischen der Person Nowotny und dem Staat Österreich wurde darin übrigens nicht weiter unterschieden.

Auch Alexander Van der Bellens Aussage, derzufolge es keinen Sinn habe, über die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zu reden, wurde in der türkischen Medienlandschaft thematisiert. Unter anderem die Zeitung Sabah, die zu den „big players“ am Markt gehört und Erdoğan besonders nahe steht und auf ihrer Webseite die Schlagzeile „Unverschämte Worte! So brachte er seine Türkenfeindlichkeit zum Ausdruck.“ brachte. Ich kenne selbst türkischstämmige Menschen, die deswegen nun doch nicht für Van der Bellen stimmen werden, sondern daheim bleiben wollen.

Es sind aber nicht ausschließlich die regierungsnahen Medien, die negativ über Österreich berichten: Auch die auflagenstarke Zeitung Sözcu, die als regierungskritisch gilt und der größten Oppositionspartei, der CHP, nahesteht, berichtete gleich mehrmals über Österreich. Auf ihrem Twitter Account (mit etwa einer Million Followern) betitelte die Zeitung die Beendung der österreichisch-türkischen Kooperation in der antiken Großstadt Ephesos mit den folgenden Worten: „Eine archäologische Antwort auf die Unverschämtheit: Wir haben sie alle rausgeschmissen.“

Aus Sicht der österreichisch-türkischen Beziehungen ist das Ende der Zusammenarbeit in Ephesos ganz besonders traurig. Die Kooperation währt ganze hundert Jahre, und das Österreichische Archäologische Institut leistete den Löwenanteil bei der Ausgrabung dieses UNESCO-Weltkulturerbes.

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern betrachten türkische Medien Österreich nicht als kleines, unwichtiges Land. Ganz im Gegenteil, es steht momentan im Fokus, und alles deutet alles darauf hin, dass sich das in naher Zukunft nicht ändern wird.

Die türkische Berichterstattung scheint in Österreich allerdings weitgehend unterzugehen, weshalb ihr Einfluss auf Teile der Diaspora in Österreich nicht wahrgenommen wird. Diese hat schon seit langem einen starken Bezug zu den Medien innerhalb der Heimat. Falls wir verstehen wollen, wie Türken in Österreich denken und wer sie wie beeinflusst, gilt es, der türkischen Berichterstattung Beachtung zu schenken. Holzauge, sei wachsam.

Tuna Bozalan, geboren in Istanbul, seit einem Vierteljahrhundert Wiener, studiert Kultur- und Sozialanthropologie sowie Politikwissenschaften an der Universität Wien. Twitter: @thetunaphish