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Österreich-Ungarn gegen wen?

von Meret Baumann / 14.06.2016

Mit Österreich und Ungarn treffen zwei einstige Großmächte des Fußballs aufeinander. Der Ruhm ist längst verblasst, doch die Rivalität lebendig wie eh und je.

Der Witz ist sehr alt und nicht mehr besonders originell, doch als die Auslosung der EM im Dezember die Nachbarn an der Donau derselben Gruppe F zuwies, war er endlich wieder einmal angebracht. „Es spielt Österreich – Ungarn.“ „Schön! Gegen wen?“

Einige schreiben diese Reaktion dem vor fünf Jahren verstorbenen Otto von Habsburg zu, dem ältesten Sohn des letzten Kaisers der Doppelmonarchie und damit Kronprinz bis zu deren Untergang 1918. Belegt ist dies jedoch nicht und wahrscheinlich ebenso wenig wahr, denn auch als die Länder noch eine politische Einheit bildeten, gab es nie eine gemeinsame Mannschaft. Im Gegenteil: Die Rivalität der Teams machte ihre Paarungen erst zum größten Klassiker, den Europas Fußball zu bieten hat. 136 Mal spielte Österreich bisher gegen Ungarn. Gegen die Schweiz, den zweithäufigsten Gegner, wurden dagegen nur 42 Matches ausgetragen. Weltweit trafen nur Argentinien und Uruguay häufiger aufeinander.

Das Hoch des Donaufußballs

Die erste Partie der Länder der Doppelmonarchie fand schon 1902 statt, wenige Jahre nur, nachdem der Fußball von England aus in den Donauraum gebracht worden war. Es handelte sich um das erste Länderspiel zweier nichtbritischer Mannschaften überhaupt, das allerdings erst im Nachhinein als solches gewertet wurde. Vor 114 Jahren galt die Partie noch als Städtewettkampf Wien gegen Budapest. Ausgetragen wurde er bei „günstigem Wetter und gutem Besuch“, wie das Wiener Tagblatt schrieb, im Prater, unweit des heutigen Ernst-Happel-Stadions, der Heimstätte der österreichischen Nationalmannschaft. Gleich 5:0 siegten die Wiener.

Um die nationale Ehre

Es war der Beginn einer Tradition. In der Regel zweimal jährlich wurde das Derby Cisleithanien gegen Transleithanien in der Folge ausgetragen, abwechselnd in Budapest und in Wien – nicht einmal unterbrochen vom Ersten Weltkrieg, obwohl wichtige Spieler an die Front befehligt wurden. Vor allem in Ungarn ging es in den Matches nicht nur um den sportlichen Wettkampf, sondern um die nationale Ehre, empfanden viele das Herrscherhaus in Wien trotz dem sogenannten Ausgleich von 1867 als Unterdrücker. Entsprechend ruppig geführt waren teilweise die Partien.

Während des Kriegs und unmittelbar danach waren für Österreich ohnehin nur Partien gegen Ungarn, die neutrale Schweiz und nach Kriegsende zunächst die Achsenmächte möglich. Andere Länder boykottierten die Mannschaft. England versuchte die neu entstandene Republik sogar aus der FIFA zu drängen. Dazu kam es nicht. Vielmehr erlebte der in Österreich, Ungarn und der Tschechoslowakei gespielte „Calcio danubiano“ (Donaufußball), wie ihn die Italiener bezeichneten, in der Zwischenkriegszeit ein Hoch und galt als Wegbereiter des schönen Spiels mit ungarischen Kurz- und tschechischen Steilpässen. Ungarn stand 1938 im Final der WM, an der Österreich bereits Teil der „großdeutschen Mannschaft“ war. 1954 hätte das „goldene Team“ um Ferenc Puskas mit dem Titel gekrönt werden sollen. Ungarn galt als klarer Favorit. „Die Einzigen, die wir fürchten, sind die Österreicher“, sagte Puskas vor dem Turnier. Das deutsche „Wunder von Bern“ zerstörte die Träume, Ungarn musste sich mit dem zweiten Platz begnügen, Österreich mit dem dritten.

Aufstieg und Niedergang der Nationalteams Österreichs und Ungarns erfolgten oft parallel und spiegeln die Geschichte. Die blutige Niederschlagung des Ungarn-Aufstands 1956 bereitete der Glanzzeit des magyarischen Fußballs ein jähes Ende, viele talentierte Spieler flüchteten ins Ausland. Es ist gleichzeitig das Ende des Donaufußballs. Auch Österreich konnte nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen. Das änderte nichts daran, dass es in der Folge fast jährlich zu einem Duell der Nachbarn kam. Dabei bedeutete das WM-Qualifikationsspiel im Frühling 1985 eine weitere Wegmarke der Geschichte. Ungarn war die Reise in den Westen nur unter sehr strikten Voraussetzungen erlaubt, doch in der „lustigsten Baracke“ des Ostblocks wurde das mit der Zeit immer großzügiger gehandhabt. Rund 5.000 ungarische Fans reisten zu jener Partie nach Wien und machten sie zu einem Heimspiel – ein Hauch von 1989 im Hanappi-Stadion. Nicht einmal drei Jahre später wurde in Ungarn der sogenannte Weltreisepass eingeführt, der freies Reisen erlaubte. Fortan bevölkerten Ungarn häufig die Wiener Einkaufsstraßen.

Ein Sieg gegen die „Schwager“

Ungarn gewann das Spiel 3:0 und qualifizierte sich zum letzten Mal für ein großes Turnier. Gleichzeitig markierte die Partie vor über 30 Jahren auch das letzte Pflichtspiel im Derby gegen den Nachbarn. Österreich nahm zwar an der WM 1998 in Frankreich und als Gastgeber mit der Schweiz an der EM 2008 teil, blieb jedoch an den Turnieren sieglos. Selbst das letzte Freundschaftsspiel der Teams liegt mittlerweile zehn Jahre zurück, es fand im August 2006 statt, Ungarn gewann 2:1.

Faymann und Orbán

Dass es nun am Dienstag nach erstmaliger Qualifikation für ein großes Turnier nach langer Durststrecke zu einem Kräftemessen der Erzrivalen kommt, ist wiederum aus politischen Gründen von besonderer Brisanz. In der Flüchtlingskrise des letzten Jahres haben der inzwischen zurückgetretene österreichische Bundeskanzler Werner Faymann und Ungarns Regierungschef Viktor Orbán nicht nur einen gänzlich anderen Ansatz verfolgt, sondern auch Unfreundlichkeiten ausgetauscht, die in einem deplacierten Nazi-Vergleich Faymanns gipfelten. Das bilaterale Verhältnis ist auf einen Tiefpunkt gefallen, wie es nach der Wende kaum vorstellbar war. Inzwischen ist Österreich in der Asylpolitik auf einen harten Kurs geschwenkt, was Orbán mit Genugtuung erfüllt. Mindestens ebenso gern sähe er, der ein großer Fußballfan ist und den Sport auf teilweise fragwürdige Weise fördert, in Bordeaux einen Sieg seines Teams. Ungarn führt in diesem ewigen Duell mit 66 Siegen, während Österreich nur 40 Spiele gewann. An der Euro ist Österreich jedoch klarer Favorit. Das Team des Schweizer Trainers Marcel Koller verlor in einer schweren Qualifikationsgruppe nie, Ungarn rutschte trotz leichter Gruppe nur dank der Barrage ins Feld. So gilt für Ungarn, dass ein Sieg gegen die „Schwager“, wie die Österreicher seit der Monarchie genannt werden, besonders süß schmecken würde.