Christoph Ruckstuhl

Offener Brief an Präsident Erdogan: Die Grossen sprechen

von Angela Schader / 12.09.2016

Erneut wurden in der Türkei prominente Intellektuelle aufgrund dubioser Vorwürfe inhaftiert. Die Antwort war ein Protestbrief, dessen Unterzeichnerliste sich wie ein Palmarès des Geisteslebens liest.

Genug ist genug. Nachdem am 10. September zwei weitere führende türkische Autoren aufgrund von absurd anmutenden Vorwürfen festgenommen worden waren, unterzeichneten binnen Tagesfrist über fünfzig international bekannte Literaturschaffende und Intellektuelle einen offenen Brief an die Regierung. Sie erwähnen in dem Schreiben auch seit längerem inhaftierte Berufskollegen, darunter die Schriftstellerin Asli Erdogan; besonders aber reagieren sie auf die eingangs erwähnte Verhaftung des Romanciers und Journalisten Ahmet Altan und seines Bruders, des Wirtschaftswissenschafters, Autors und Kolumnisten Mehmet Altan. Die beiden wurden am frühen Samstagmorgen in Haft genommen, weil sie – so der Anklagepunkt – im Rahmen einer Fernsehsendung unmittelbar vor dem Putschversuch „unterschwellige Botschaften“ ausgesandt haben sollen, um Sympathien für die Umstürzler einzuwerben.

Die Autoren des Schreibens sind klug genug, sich deutlich von den Putschisten zu distanzieren und der Regierung ein hartes Durchgreifen in solcher Lage zuzubilligen. Es sei verständlich, schreiben sie, dass man einen zeitlich begrenzten Notstand ausgerufen habe: „Aber der gescheiterte Coup sollte nicht zum Vorwand für eine Hexenjagd im Stil McCarthys werden; ebenso wenig darf der Notstand unter weitgehender Missachtung der Grundrechte, der Beweisregeln oder gar des gesunden Menschenverstands durchgesetzt werden.“

Die Liste der Unterzeichnenden liest sich wie ein Palmarès des Geisteslebens. Die Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk und J. M. Coetzee sind darunter, die enigmatische Erfolgsautorin Elena Ferrante, der couragierte Enthüllungsjournalist Roberto Saviano und akademische Schwergewichte wie Wolf Lepenies und Mark Lilla; profilierte literarische Namen wie Alberto Manguel, Rick Moody, Breyten Breytenbach, A. L. Kennedy und John Berger und viele mehr. Man wünschte bloss, dass die Türkei sich die Ehre eines solchen Schreibens auf andere Art verdient hätte.