Eduardo Munoz / Reuters

UN-Generalsekretär

Osteuropa scheitert an der Kleinstaaterei

von Ivo Mijnssen / 07.10.2016

Eigentlich hätte die neue Uno-Generalsekretärin aus Osteuropa stammen sollen. Doch diplomatisches Ungeschick und die Geopolitik brachten die Kandidaten aus der Region zu Fall.

Eigentlich war der Anspruch der Osteuropäer auf den Posten des Uno-Generalsekretärs unbestritten. Als einzige der fünf Ländergruppe in der Uno hatten sie noch nie das Spitzenamt inne. Dieses Mal hätte es klappen sollen, und die Bedingungen waren gut: es fehlte weder an fähigen Kandidaten noch an internationaler Unterstützung. Doch es sollte einmal mehr nicht sein. Sage und schreibe sieben der zehn Kandidaten, die Anfang Oktober noch im Rennen waren, stammten aus Osteuropa – doch keiner landete auf dem Spitzenplatz.

Zu viele Köche

Die schiere Zahl der Kandidaten ist der erste Grund für den Misserfolg. Statt als Ländergruppe geeint aufzutreten, verzettelte man sich. Die Reaktion des Serben Vuk Jeremic, der hinter António Guterres auf Platz zwei kam, fasst das Problem zusammen: „Wir können stolz auf das Resultat sein – zweiter Platz auf der Welt und erster in Osteuropa“, erklärte er. „Wir haben viel zur Verbesserung der Sichtbarkeit und des Rufs unseres Landes beigetragen“, fügte Jeremic hinzu.

Damit hat er nicht unrecht, übersieht aber, dass seine Aufgabe gerade nicht darin bestand, sich als serbischer Patriot zu profilieren, sondern als Integrationsfigur über die Grenzen des Landes und der Region hinaus. Daran scheiterte Jeremic – er hatte als Aussenminister und Präsident der Uno-Generalversammlung vor allem mit seiner harten Haltung gegenüber einer Unabhängigkeit und Uno-Mitgliedschaft Kosovos auf sich aufmerksam gemacht. Dadurch hatte er sich die Gegnerschaft und wohl auch ein Veto der Amerikaner gesichert, seine Kandidatur war deshalb eigentlich aussichtslos. Seine engen Beziehungen zu Moskau schadeten ihm vor dem Hintergrund der Eiszeit zwischen Russland und den USA, welche die Wahl überschattete, zusätzlich.

Unwürdige Posse

Eine ähnlich fatale Kombination aus geopolitischem Tauziehen und Kleinstaaterei brachte auch die beiden Bulgarinnen Irina Bokowa und Kristalina Georgiewa. Bokowa war als Favoritin gestartet; sie verfügte über Erfahrungen in der Uno-Bürokratie, galt als Kandidatin mit guten Beziehungen zu Moskau und Washington und schien den Anspruch einzulösen, dass die Zeit gekommen war für die erste Uno-Generalsekretärin der Geschichte. Im Sommer setzte aber eine Medienkampagne gegen sie ein, deren Hintergrund höchst undurchsichtig bleibt und ihr auf schmaler Faktenbasis Korruption sowie eine grosse Nähe zu Putin vorwarf.

Da Bokowa auch in den Hearings nicht zu überzeugen vermochte, ersetzte sie der bulgarische Ministerpräsident Bojko Borisow Ende September kurzerhand durch die EU-Kommissarin Kristalina Georgiewa, die aber wiederum zu eng mit westlichen Institutionen verbandelt war, um für Russland akzeptabel zu sein. Auch die Hintergründe dieser Entscheidung sind unklar, doch es war die Rede von Druck aus Deutschland und von bulgarischen Oligarchen. Jedenfalls unterminierte die Affäre jegliche Glaubwürdigkeit der Bulgarinnen und warf nebenbei auch ein unschönes Schlaglicht auf den Umgang der männlichen politischen Führer des Landes mit seinen Kandidatinnen. Borisow löste mit seinem dilettantischen Vorgehen auch eine innenpolitische Krise aus, die bei weitem nicht ausgestanden ist.

Gespaltene Ländergruppe

Das diplomatische Ungeschick der Osteuropäer darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Region gerade aufgrund ihrer Uneinigkeit in der Uno vergleichsweise ein Leichtgewicht ist. Dass sie noch nie einen Generalsekretär stellte, ist vor diesem Hintergrund kein Zufall, und es hätte vieles zusammenkommen müssen, damit es dieses Mal geklappt hätte. Der fehlende gemeinsame Wille und die peinliche Politposse in Bulgarien bedeutet, dass Osteuropa nun wohl mindestens noch einmal ein Jahrzehnt warten muss.