Reuters

Terror ohne Explosion

Paris rätselt über eine Bombenattrappe

von Andreas Rüesch / 08.09.2016

Der Fund eines mit Gasflaschen vollgepackten Autos bei der Pariser Kathedrale Notre-Dame hat Schwächen der französischen Terrorabwehr offengelegt. Nach einer jungen Islamistin wird weiter gefahndet.

Zwei Stunden lang stand ein verdächtiges Auto im Herzen von Paris, nur ein paar Schritte von der Kathedrale Notre-Dame und der Polizeipräfektur entfernt, bis die Sicherheitskräfte endlich eingriffen. Das Fahrzeug trug keine Nummernschilder, seine Warnblinkanlage war eingeschaltet, im Innenraum lag eine grosse Gasflasche. Als die Polizei das Fahrzeug aufbrach, entdeckte sie im Kofferraum sechs weitere volle Gasflaschen. Ausserdem kamen Dokumente mit Texten auf Arabisch zum Vorschein. Doch eine Sprengvorrichtung fehlte; das Ganze wirkte wie eine Bombenattrappe.

Junge Jihadistin auf der Flucht

Der mysteriöse Vorfall, der sich am Sonntagmorgen ereignete und erst am Mittwoch in der breiten Öffentlichkeit bekanntwurde, sorgt in Frankreich für grosse Aufregung. Angesichts der Umstände der plumpen Aktion könnte man vermuten, dass eine Polizeiabteilung die Reaktionsfähigkeit der Sicherheitskräfte testen wollte. Doch die bisherigen Ermittlungsergebnisse deuten auf einen düstereren Hintergrund.

Das Fahrzeug gehörte einem Mann, der am Sonntag der Polizei das Verschwinden seiner 19-jährigen Tochter gemeldet hatte, versehen mit der Warnung, sie habe sich radikalisiert und wolle sich dem nahöstlichen Jihad anschliessen. Laut der Zeitung „Le Point“ war die Frau dem französischen Geheimdienst schon zuvor als Sicherheitsrisiko bekannt. Nach ihr wird nun gefahndet, bisher jedoch ohne Erfolg.

Festgenommen wurden hingegen vier Personen, unter ihnen ein Paar aus dem persönlichen Umfeld der jungen Frau. Die beiden werden ebenfalls der islamistischen Szene zugerechnet. Nach unbestätigten Meldungen befand sich dieses Paar auf der Flucht nach Spanien, als es in Südfrankreich gefasst wurde. Vermutet wird, dass es diese beiden Leute waren, die das Auto im Zentrum von Paris parkierten.

Mangel an Polizisten

War das Ganze ein Probelauf für einen islamistischen Anschlag inmitten einer Touristenzone und in der Nähe eines der bekanntesten Symbole des christlichen Abendlands? Die bisher durchgesickerten Ermittlungsergebnisse lassen noch keine klaren Schlüsse zu. Sicher ist, dass der Vorfall die Terrorängste in Frankreich weiter schürt und die Behörden nicht im besten Licht erscheinen lässt.

Die Bürgermeisterin des betreffenden Arrondissement, Florence Berthout, beschwerte sich in einem Brief an den Polizeipräfekten bitter darüber, dass es möglich war, ein Auto „in völliger Illegalität während mehr als zwei Stunden zu parkieren“, und dies trotz mehreren Telefonanrufen eines Ladenbesitzers an das Polizeikommissariat. Der Fall zeige, dass in dem täglich von Tausenden von Touristen und Studenten frequentierten Fünften Arrondissement ein eklatanter Mangel an polizeilichen Mitteln herrsche, schrieb die Politikerin, ein Mitglied der bürgerlichen Oppositionspartei Les Républicains.

Nach dem brutalen Angriff zweier Jihadisten auf eine Kirche bei Rouen Ende Juli kann in Frankreich kein Zweifel an der Gefährdung christlicher Gotteshäuser mehr bestehen. Im Mai hatte der Leiter des Inlandgeheimdiensts DGSI, Patrick Calvar, zudem davor gewarnt, dass dem Land eine Terrorkampagne mit Fahrzeugbomben an belebten Plätzen drohen könnte. In Frankreich gilt weiterhin der Ausnahmezustand, der den Sicherheitsbehörden ausgeweitete Befugnisse verleiht.

Hollande ruft sich in Erinnerung

Der rätselhafte Fall in Paris, der nach Einschätzung der Behörden jedenfalls einen terroristischen Hintergrund hat, beschert der Regierung unangenehme Schlagzeilen – und dies ausgerechnet in einem Moment, da Präsident François Hollande sich der Bevölkerung wieder als ernstzunehmenden Anwärter auf weitere fünf Jahre an der Staatsspitze empfehlen möchte. Hollande hat für den Donnerstag eine Rede mit dem Titel „Die Demokratie im Angesicht des Terrorismus“ angekündigt.

Hollande will zwar erst im Dezember seine Entscheidung über eine weitere Kandidatur bei den Wahlen vom nächsten April bekannt geben. Aber nach Ansicht von Beobachtern möchte er jeden Eindruck vermeiden, dass er von parteiinternen Rivalen mit präsidialen Ambitionen – Arnaud Montebourg, Benoît Hamon und Emmanuel Macron – beiseite gedrängt werden könnte. Allerdings hat soeben eine neue Umfrage ergeben, dass sich 88 Prozent der Franzosen keine weitere Kandidatur ihres Staatschefs wünschen.