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Politische Korrektheit: Der falsche Kampf

Meinung / von Bernhard Schinwald / 14.01.2016

Die politische Korrektheit verhindert eine offene Debatte über die Gefahren der Flüchtlingskrise. Doch die Kritik an der sprachlichen Sitte verkommt immer öfter zum Selbstzweck. Der Konflikt ist der Sache nicht dienlich – im Gegenteil.

Kommentatoren slowakischer Zeitungen wundern sich seit Tagen über die Reaktionen ihrer deutschen Kollegen auf die Übergriffe, die sich in der Silvesternacht in Köln ereignet haben. Die Deutschen seien politisch zu korrekt und könnten damit die Dinge nicht beim Namen nennen. Es herrsche eine naive „Subkultur der Gutmenschen“.

In einigen deutschen Redaktionen dürfte diese Kritik auf Unverständnis gestoßen sein – weniger wegen der Kritik an sich als vielmehr wegen der Wortwahl. Das Wort diffamiere „Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd“. „Gutmensch“ ist seit Dienstag als Unwort des Jahres 2015 geächtet.

Quod erat demonstrandum.

Gemeingefährliche politische Korrektheit

Wer die Debatte der letzten Wochen in den deutschen Zeitungen mitverfolgt, wird die Kritik aus der Slowakei nicht von der Hand weisen können. Wenn die Ereignisse in Köln aus Angst vor Verallgemeinerung nicht als Problem in der Integration von Flüchtlingen beschrieben wird, obwohl die Sachlage evident ist, ist das ein Problem. Wenn aus ähnlichen Ängsten nicht auf mögliche terroristische Gefahren hingewiesen werden darf, wenn selbst anerkannte Experten den Flüchtlingsstrom als nützliches Instrument für den IS erkennen, grenzt das sogar an Gemeingefährdung.

Die politische Korrektheit hat die Eigenschaft, wichtige Debatten ins Ungefähre zu verwischen. Manchmal aber kann sie auch entlarvend sein. Dann nämlich, wenn die Kritik daran zum Selbstzweck verkommt und als Vorwand zur Umsetzung der eigenen Agenda genommen wird.

Vom ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán über die FPÖ bis hin zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump bildete sich in den vergangenen Wochen eine globale Front gegen die politische Korrektheit. Die Kritik an der politischen Korrektheit geriert sich dabei zum zentralen Argument etwa gegen die aktuelle Flüchtlingspolitik der deutschen Bundeskanzlerin. Ohne die überzogene sprachliche Sitte, so das Argument, wären die Gefahren offensichtlich. Niemand würde sich dann noch gegen das Hochfahren der alten Grenzen oder eine Einführung von Aufnahmeobergrenzen aussprechen.

Diese Argumentation ist ebenso unsachlich wie die politische Korrektheit an sich.

Agendagetriebene Kritik

Wer für eine humanitäre Haltung in der Flüchtlingsfrage keine andere Erklärung hat als die Geiselhaft der politischen Korrektheit, verrät mehr über sich selbst als über die Menschen, die er beschreibt. Er muss damit nicht zwangsweise ein Menschenverachter sein, dem das Leben der Flüchtlinge gleichgültig ist. Er ignoriert jedoch Argumente, die durchaus für diese Haltung sprechen – Argumente, die zeigen, wie schwer und vergebens das Hochfahren von Grenzen oder die Einführung von Flüchtlings-Obergrenzen sind. Er vernachlässigt aber auch sachliche Einwände gegen die Flüchtlingspolitik der deutschen Bundeskanzlerin.

Ähnlich wie die Verfechter der politischen Korrektheit nehmen sich ihre agendagetriebenen Kritiker damit die Möglichkeit, die Dinge beim Namen zu nennen. Und ähnlich wie die Verfechter der politischen Korrektheit die Gegner der aktuellen Flüchtlingspolitik provozieren, können die Argumente der Kritiker die Flüchtlinge selbst provozieren.

Wenn etwa der ungarische Publizist und Mitbegründer der Orbán-Partei Fidesz Zsolt Bayer demonstrativ die politischen Korrektheit hinter sich lässt, nur um Flüchtlinge als „nordafrikanische und arabische Tiere“ und „Hyänen“ zu bezeichnen, ist das nicht nur ein Angriff auf die Geschmacksnerven politischer Schöngeister, sondern auch auf die Würde der Flüchtlinge. Wenn unter dem Deckmantel des Kampfs gegen die politische Korrektheit Flüchtlinge gewissermaßen zu Freiwild erklärt werden, kann das Aggressionen schüren und letztlich in Radikalisierungen enden.

Ganz nebenbei führt die mutwillige Kritik an der politischen Korrektheit letztlich auch die notwendige Kritik an der politischen Korrektheit ins Absurde und provoziert nur die entsprechenden Gegenreaktionen unter ihren Verteidigern, womit sachliche Lösungen noch weiter in die Ferne rücken.

Von der Wirklichkeit in die Rhetorik

Die Flüchtlingskrise ist die größte Herausforderung für die europäischen Gesellschaften seit Jahrzehnten – mit dem Schutzgebot für kriegsgeschundene Flüchtlinge und der logistischen Aufgabe, einen unkontrollierten Strom der Massen zu bewältigen auf der einen Seite und mit den gefährlichen Komplikationen, dem sozialen Sprengstoff, von der gesellschaftlichen Integration bis hin zu möglichen terroristischen Gefahren auf der anderen Seite. Diese Krise wird sich weder mit schnellen noch mit komplikationsfreien und schon gar nicht mit einfachen Maßnahmen lösen lassen. Nicht jetzt, und auch nicht in den nächsten Jahren.

Umso wichtiger ist es, in der Frage um die richtigen Lösungen einen kühlen Kopf zu bewahren und die Gefahren beim Namen zu nennen. Die Debatte von der Wirklichkeit in die bl0ße Rhetorik zu verschieben und am Wesen der politischen Korrektheit nach Lösungen zu suchen, ist mindestens so kontraproduktiv wie die politische Korrektheit selbst. In einer akuten Krisensituation, die komplizierte Lösungen verlangt, nützen Vereinfachungen dieser Art nichts und niemandem.