Pedro Nunes / Lusa / EPA

Viel Gastfreundschaft – wenig Andrang

Portugal wartet ungeduldig auf Flüchtlinge

von Thomas Fischer / 06.06.2016

Portugal ist bereit, Flüchtlinge aufzunehmen, sogar mehr als von der EU vorgeschrieben. Von Abwanderung betroffene Orte wittern eine Chance für einen neuen Aufschwung.

In Österreich und Deutschland mag der Zustrom von Flüchtlingen manches Unbehagen ausgelöst haben. In der portugiesischen Kleinstadt Penela, die rund 200 Kilometer nördlich von Lissabon am Fuße einer trutzigen Burg schlummert, ist davon wenig zu spüren. An Neugier und Ungeduld der Bevölkerung erinnert sich Avelino Santos, Leiter der Gesamtschule am Ort. „Wann kommen die Flüchtlinge nun?“, hätten Leute gefragt, bis der von einer massenhaften Abwanderung gezeichnete Ort im letzten November endlich 20 Neuankömmlinge begrüßen konnte.

Kopftuch und Internet

Sie gehören zu vier Familien – drei aus Syrien und eine aus dem Sudan –, die Penela aufnahm, und zwar im Rahmen eines Programms unter Federführung des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge. Penela und die Nachbargemeinde Miranda do Corvo könnten viel mehr Flüchtlinge aufnehmen, gerade auch im Rahmen des jüngsten Programms der EU zur Verteilung von 160.000 in Griechenland und Italien gestrandeten Migranten. Groß ist die Gastfreundschaft, die Gäste jedoch sind rar. Zahlreicher waren bisher die Medienleute aus Portugal und Deutschland, Großbritannien, Belgien, Schweden und der Schweiz, die sich für das vor Ort entwickelte Pilotprojekt zur Integration interessierten.

Belal Bilal, 22 Jahre alt, stammt aus dem Sudan, wo sein Vater im Krieg starb, und lebte acht Jahre in einem Flüchtlingslager in Ägypten, ehe er nach Penela kam. Im Sudan blieben seine Mutter und drei Geschwister. Er selbst teilt nun mit seiner 70-jährigen Großmutter und zwei zwölfjährigen Zwillings-Geschwistern – ein Mädchen, ein Knabe – eine geräumige Wohnung in einem rot gestrichenen Neubau mit 48 Appartements, aus öffentlichen Mitteln erbaut. Wegen der Wirtschaftskrise fanden sich für die Hälfte der Wohnungen jedoch keine Bewohner – bis die ersten Flüchtlinge nach Penela fanden.

Zu Belals Nachbarn zählt die gleichzeitig eingetroffene Familie des 38-jährigen Sameer Ghayloun mit Frau Souzan, die Kopftuch trägt und sich erste Informationen über Portugal im Internet gesucht hat, und drei Kindern. Sameer will an der Universität von Coimbra, 30 Kilometer entfernt, seinen Abschluss als Chemieingenieur anerkennen lassen. Er kann in Penela auf umfassende Unterstützung zählen.

Weil Portugal abseits der Flüchtlingsrouten liegt, wurde auch Penela von keiner Welle überrascht. „Wir haben schon im Januar 2014 mit den Planungen für die Aufnahme von Flüchtlingen begonnen“, sagt die 47-jährige Nataliya Bekh, die das Projekt zur Integration am Ort leitet. Sie kennt viele Probleme, die sich Migranten stellen, aus persönlicher Erfahrung.

Bekh kam im Jahr 2003 aus ihrer Heimat in der Ukraine nach Portugal, wo ihr Mann ein Jahr zuvor als Migrant eine Arbeit auf dem Bau gefunden hatte. In der Ukraine war sie Lehrerin. In Portugal spezialisierte sie sich auf die Integration von Zuwanderern. Ihr 26 Jahre alter Sohn hat in Portugal gerade sein Medizinstudium abgeschlossen. Nataliya ist gedanklich aber auch bei ihrem Bruder, der den Streitkräften in der Ukraine angehört und im Grenzgebiet zur Krim stationiert ist.

Penela und Miranda do Corvo könnten insgesamt 200 Flüchtlinge aufnehmen und unterbringen, versichert die Ukrainerin. Sie brächten junges Blut in die Gemeinden, in denen die Krise und die Landflucht ihre Spuren hinterlassen haben. Soweit die Flüchtlinge guten Willens kämen, seien sie willkommen, meint eine ältere Frau im Gespräch. Ein ebenfalls schon ergrauter Mann hinterfragt derweil die Fähigkeit zur Aufnahme von Flüchtlingen, wo doch so viele Portugiesen keine Alternative zur Emigration gesehen hätten.

Ronaldo und Orangen

Die Zusammenarbeit von Behörden des Zentralstaats mit der Gemeinde und einer lokalen Stiftung kommt den Flüchtlingen in praktisch allen Lebenslagen zugute. Sie bekamen vollständig eingerichtete Wohnungen, in denen sie weder Miete noch Rechnungen für Strom oder Wasser bezahlen müssen. Alle Familienmitglieder, von den Kindern im Vorschulalter bis zur Großmutter des jungen Belal, bekommen Sprachunterricht. Auf dem Schulhof beteiligen sich zwei syrische Mädchen mit Kopftüchern ganz ungeniert am Fußballspiel. Als Mittlerin in soziokulturellen Fragen fungiert eine junge Tunesierin.

Der aus Syrien stammende Mahmoud Kataan, dessen Frau Aya – wie Nataliya Bekh stolz erzählt – in Portugal schwanger geworden ist und das vierte Kind erwartet, lässt ein Bandscheibenleiden behandeln. Im überschaubaren Ambiente wird mit individueller Begleitung versucht, alle Leute auch beruflich zu integrieren. Von Portugal wissen viele Menschen im arabischen Raum nur, dass der Fußballstar Ronaldo von dort kommt und dass der Name des Landes ihrem Wort für Orangen ähnelt. So sagt es Rui Marques, Leiter der Plataforma de Apoio aos Refugiados. Es handelt sich um ein Forum von über 300 Organisationen, Unternehmen und Gemeinden, die sich der Integration von Flüchtlingen widmen.

Von der Aufnahme in diesem relativ armen europäischen Land träumen die meisten Flüchtlinge erst einmal nicht. Im Migration Policy Index, der die Politik von 38 westlichen Staaten – unter ihnen alle EU-Länder und die Schweiz – für die Integration von Ausländern vergleicht, belegt Portugal aber den zweiten Rang, betont Marques. Als nationaler Kommissar für Migration hat er im vergangenen Jahrzehnt diese Politik beratend mitgestaltet.

Als wirtschaftliches Schlaraffenland für Zuwanderer gilt Portugal natürlich nicht. Offiziell lebten im Jahr 2014 fast 400.000 Ausländer im Land, knapp vier Prozent der Bevölkerung. Ein gradueller Rückgang gegenüber dem Spitzenwert von 454.000 im Jahr 2009 ist aber nicht nur auf eine gesunkene Attraktivität des Krisenlandes zurückzuführen, sondern auch auf Einbürgerungen.

Wenig und doch viel

Portugal, so unterstreicht Marques, ist offen für die Aufnahme weiterer Flüchtlinge, namentlich auch aufgrund der EU-Vereinbarung zur Verteilung von Flüchtlingen aus Griechenland und in Italien, und er bedauert, dass die Verteilung der Flüchtlinge nicht funktioniert. Er selbst war in Lesbos, wo er versuchte, die Verfahren zu beschleunigen. In einem Hotel auf Lesbos, so sagt er, hätten 104 von insgesamt 140 Personen ihre Offenheit für die Aufnahme in Portugal bekundet.

Portugal mit seinen 10 Millionen Einwohnern hatte im September eine Quote von rund 4.500 Flüchtlingen zugeteilt bekommen. Im Februar erklärte es sich auf eigene Initiative hin bereit, insgesamt 10.500 Personen aufzunehmen; die Regierung wollte damit ein Signal der Solidarität setzen. Für das Euro-Land, das in den letzten Jahren als Defizitsünder am Pranger stand, bietet sich hier aber auch die Chance, ein wenig zu glänzen in einer Zeit, da sich manche EU-Länder abschotten.

Innenpolitisch gibt es um die Aufnahme von Flüchtlingen keinen Streit. Zwischen den größten Parteien des Landes gab es in der Ausländerpolitik stets einen Grundkonsens. Obwohl in der Öffentlichkeit nicht nur Willkommensrufe zu hören sind, gibt es keine fremdenfeindlichen Bewegungen, die etwa mit der deutschen Pegida zu vergleichen wären.

Von der portugiesischen Gastfreundschaft haben im Rahmen des EU-Plans zur Verteilung von 160.000 Flüchtlingen vom letzten Jahr bis jetzt nur 335 Personen profitiert; bis Ende Juni dürfte die Zahl auf mehr als 400 steigen. Ist das viel oder wenig? Kommt darauf an. Einen Massenandrang von Flüchtlingen, die auf eigene Faust kommen, hat das Land am Südwestrand von Europa nicht erlebt. Wie Rui Marques hervorhebt, gehört Portugal – zusammen mit Frankreich und Finnland – jedoch zum Trio derjenigen Länder, die im Rahmen dieses Plans bisher die meisten Flüchtlinge aufgenommen haben.