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Jet-Abschuss

Putin kritisiert Ankaras „feindlichen Akt“

von Daniel Wechlin / 25.11.2015

Moskau reagiert scharf auf den Abschuss eines russischen Jagdbombers durch die Türkei. Ein eigenes Fehlverhalten streitet der Kreml ab, wie NZZ-Korrespondent Daniel Wechlin aus Moskau berichtet. Stattdessen werden Ankara „ernsthafte Konsequenzen“ angedroht.

Die russisch-türkischen Beziehungen sind einer harten Belastungsprobe ausgesetzt. Präsident Wladimir Putin verurteilte am Dienstag den Abschuss eines russischen Su-24-Jagdbombers durch die türkische Luftwaffe scharf: Moskau werde ein solches „Verbrechen“ nicht tolerieren. Es handle sich um „einen Stoß in den Rücken, den die Komplizen der Terroristen uns zugefügt haben“, sagte der russische Präsident in Sotschi. Der Vorfall werde „ernsthafte Konsequenzen“ für das Verhältnis zur Türkei haben, das Russland bisher nicht nur als Nachbar, sondern als Freund behandelt habe.

Treffen aus Protest abgesagt

Als erste Reaktion auf den Zwischenfall sagte Moskau den für Mittwoch anberaumten Besuch von Außenminister Sergei Lawrow in Istanbul ab, bei dem die geplante russisch-türkische Erdgaspipeline Turkish Stream hätte erörtert werden sollen. Zudem wurden russische Bürger dazu aufgerufen, von Reisen in die Türkei abzusehen, weil die Terrorgefahr dort nicht geringer sei als in Ägypten. Ob das für Dezember vorgesehene Treffen des türkischen Präsidenten Erdogan mit Putin in Russland stattfinden wird, ließ der Kreml offen.

Putin unterstellte Ankara nicht nur Passivität gegenüber der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Er bezichtigte die Türkei auch der Förderung des IS. Russland registriere bereits seit längerem, dass Öl und andere Produkte aus vom IS kontrollierten Gebieten Syriens in die Türkei gelangten. Die Extremisten erhielten im Gegenzug erhebliche Geldsummen sowie generell die „Unterstützung der Armee eines ganzen Staates“, sagte Putin. Der russische Präsident beklagte, dass Ankara sich umgehend an die Nato-Partner gewandt hatte – statt sich an Russland zu richten und den Zwischenfall zu diskutieren.

Laut Moskau befand sich der zweisitzige Jagdbomber einen Kilometer von der türkischen Grenze entfernt, als er in 6000 Metern Höhe von einer Rakete einer türkischen F16 getroffen wurde und abstürzte. Das Verteidigungsministerium erklärte, die Su-24 habe sich während des gesamten Einsatzes über syrischem Territorium befunden. Sie habe sich im Norden der Provinz Latakia an einer Operation gegen IS-Kämpfer mit hauptsächlich russischer Provenienz beteiligt. Für die Türkei habe das Flugzeug „auf keinen Fall“ eine Gefahr dargestellt, sagte Putin.

Diskussion über Sanktionen

Der Generalstab teilte am Dienstagabend mit, dass einer der zwei Kampfpiloten getötet wurde, als er am Fallschirm hängend vom Boden aus beschossen wurde. Über das Schicksal des anderen Piloten herrschte zunächst Unklarheit. Ein weiterer russischer Soldat kam bei der eingeleiteten Such- und Rettungsaktion in Syrien ums Leben, als ein russischer Mi-8-Helikopter von Rebellen unter Beschuss geriet und abstürzte.

Viele Kommentatoren werteten den Abschuss der Su-24 als „feindlichen Akt“, der nicht nur eine ernsthafte Krise im Verhältnis zur Türkei, sondern auch zu anderen Nato-Staaten nach sich ziehen könnte. Es war von einer Provokation die Rede und davon, dass die russischen Bemühungen im Kampf gegen den globalen Terrorismus diskreditiert werden sollen. Parlamentsabgeordnete forderten die Einstellung der Flugverbindungen in die Türkei. Experten diskutierten, welche Sanktionen gegen Ankara verhängt werden könnten.