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Putin und Erdoğan: Zwei Brüder im Geiste

von Çiğdem Akyol / 23.11.2015

Der russische Präsident Putin und der türkische Staatschef Erdoğan sind sich in vielerlei Hinsicht ähnlich. Sie kommen aus einfachen Verhältnissen, fühlten sich jahrelang gedemütigt und sind von einem immensen Machtstreben getrieben. Und beide träumen von der alten Glorie ihres Reiches. Ein Gastkommentar von Çiğdem AkyolÇiğdem Akyol, Osteuropahistorikerin und Völkerrechtlerin, arbeitet als Korrespondentin für die APA in Istanbul. Sie ist Autorin des Buches „Generation Erdoğan“ (Verlag Kremayr & Scheriau). .

Lächelnd nach oben schauend, standen sie nebeneinander unter der riesigen goldenen Kuppel. Als Russlands Staatschef Wladimir Putin und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdoğan im September gemeinsam in Moskau die größte Moschee Europas eröffneten, war das ein Termin ganz nach dem Geschmack der beiden Herren. Die zwei Präsidenten, die das Grundgefühl eint, von Europa verächtlich behandelt worden zu sein, konnten der Weltpresse vor einer gigantischen Kulisse ihre guten Beziehungen demonstrieren.

Putin und Erdoğan, zwei rabiate Machthaber, sind für ihre Gegner Kriegstreiber; ihre Unterstützer hingegen verehren sie wie einen Messias. Dem 61-jährigen Türken und dem 63-jährigen Russen ist gemeinsam, dass sie sich als fleischgewordener Staat betrachten. Während Putins Russland längst ein autoritäres Präsidialsystem ist, ist die Türkei gerade auf dem Weg dorthin. Erdoğan, so schrieb kürzlich das Magazin „Foreign Policy“, sei die „anatolische Version des russischen Präsidenten“.

Armut, Demütigungen und Aufstieg

Wer die Logik der zwei verstehen will, muss die Spurensuche in ihrer Vergangenheit beginnen. Erdoğan, der 1954 in einem für Kleinkriminalität berüchtigten Istanbuler Stadtteil geboren wurde, musste als Kind armer Eltern aufgebackene Sesamkringel verkaufen, um sich Schulbücher kaufen zu können. Auch Putin, Jahrgang 1952, wuchs als Sohn eines Fabrikarbeiters in bescheidenen Verhältnissen im damaligen Leningrad auf. „Ich war die meiste Zeit im Hof, mit den anderen Jungs“, so schilderte er seine Kindheit. „Oligarchen oder Parteifunktionäre gab es da nicht, die wohnten alle woanders.“ Nur wer wendig war und schneller zuschlug, so beschrieben sie ihre jungen Jahre, der überlebte in den rauen Gassen. Sie gefallen sich in der Rolle der Aufsteiger aus dem Kleine-Leute-Viertel, die so viele Identifikationspunkte für ihr Wahlvolk mitbringt.

Ihr rücksichtsloses Handeln wurzelt vor allem in den Momenten der Demütigungen, die sie erfahren mussten. Erdoğan, der schon als Schüler in einer islamistischen Partei aktiv war, konnte nicht einfach durchmarschieren. Immer wieder verbot die kemalistische Justiz die Parteien, in denen er sich engagierte. Der Opposition gelang es, ihn wegen eines Gedichts 1998 seines Amtes als Istanbuler Bürgermeister zu entheben und gar ins Gefängnis zu stecken. „Wenn ich kein Gedicht lesen würde, sondern ein Nummernschild, würden sie wieder einen Grund finden, mich in den Knast zu sperren“, beklagte er sich. Zuletzt drohte das Militär 2007 indirekt, ihn durch einen Putsch abzusetzen.

Der KGB-Spion Putin erlebte in Dresden stationiert den Sturm der Bürger auf die Stasi-Zentrale. Die Menge zog anschließend weiter zum Sitz des sowjetischen Geheimdienstes, wo Putin Nachtdienst hatte. Aus Furcht vor der Stürmung des Gebäudes bat er in der Zentrale um Verstärkung. Doch Moskau, so schilderte es Putin, schwieg. Der Staat, dem er diente, ließ ihn im Stich. „Ich begriff, dass die Sowjetunion krank war. Es war eine tödliche Krankheit namens Lähmung“, sagte er rückblickend über diese Nacht.

So war das Zusammenbrechen alter Systeme eine Voraussetzung für ihren Aufstieg. Die islamisch-konservative AKP übernahm 2002 die Regierung, als die Türkei in der schwersten Wirtschaftskrise seit der Gründung der Republik steckte. Auch Putin trat 1999 als Ministerpräsident ein katastrophales Erbe an. Beide Länder konnten nur mithilfe des Internationalen Währungsfonds vor dem endgültigen Bankrott bewahrt werden. Sie begannen rasch damit, eine neue Ordnung im Land herzustellen, und zügig ging es mit der Wirtschaft bergauf.

Rückkehr zur religiösen Inszenierung

Schon zu Erdoğans Antritt als Ministerpräsident 2003 gab es eine türkisch-russische Annäherung, wobei zu diesem Zeitpunkt drei Merkmale Antriebsfaktoren waren: Die veränderten Sicherheitsbedingungen in beiden Ländern als Folge des Irakkriegs. Die neuen Machtkonstellationen im Kaspischen Raum nach Beendigung des Afghanistankrieges. Vor allem aber die ökonomischen Interessen. Putin war 2004 der erste russische Präsident, der offiziell die Türkei besuchte, um dort Vereinbarungen für eine engere Zusammenarbeit in den Bereichen Energie und Rüstung zu treffen. Russland ist für die Türkei Hauptlieferant von Erdgas und baut zudem das erste türkische Atomkraftwerk. Zudem hat Putin die Türkei durch sein Gaspipeline-Projekt Turkish Stream als geopolitischen Partner aufgewertet. Mit Turkish Stream will Russland ab Ende 2016 jährlich bis zu 63 Milliarden Kubikmeter Gas durch das Schwarze Meer in die Türkei leiten.

Für die demokratisch gewählten Machthaber spielen die historischen und religiösen Komponenten in der Inszenierung der eigenen Person eine entscheidende Rolle. Der Kemalismus hat fundamental mit allem Traditionellen gebrochen. Die Modernisierung in Russland führte in die stalinistische Diktatur. Putin und Erdoğan präsentieren sich als Neuerer, die sich wieder mit der Vergangenheit aussöhnen. Den Beginn seiner ersten Präsidentschaft 2000 feierte der Russe mit einem Gang in den Gottesdienst, wo er sich vom Patriarchen von Russland segnen ließ. Putin führte die Sowjethymne mit der Melodie aus Stalins Tagen wieder ein, dazu den „Tag der Einheit des Volkes“, um an das Zarenreich zu erinnern. Das Ende der Sowjetunion kritisierte er als „größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts“.

Über Differenzen hinwegsehen

Erdoğan wählt regelmäßig vor oder nach Wahlen die Istanbuler Eyüp-Sultan-Moschee aus, um für einen Sieg zu beten. Dieses symbolträchtige Gotteshaus besuchte einst jeder neue Sultan nach der Thronbesteigung, um sich dort das Schwert Osmans, des Gründers der osmanischen Dynastie, um die Hüfte zu gurten. Kürzlich ließ er sich in seinem illegal errichteten Palast als Osmanen verkleidete Statisten an die Seite stellen.

Der Leningrader und der Istanbuler sind wilde Verschwörungstheoretiker, die wie alle Autokraten Feindbilder sowohl im Inneren als auch im Äußeren brauchen, um Missstände wie etwa wachsende Korruption zu vertuschen. Opposition brandmarken sie als ein vom Ausland gesteuertes Komplott, Justiz und Medien haben sie sich gefügig gemacht. Wer Widerstand leistet, dem werden wahlweise die Steuerprüfer ins Haus geschickt, der wird in Terrorismusnähe gerückt und muss mit Gefängnis rechnen. Als 2012 Putin erneut für seine Kandidatur warb, durfte im Staatsfernsehen nur seine Partei ihre Kandidatenkür live zelebrieren. Das türkische Staatsfernsehen sendete vor den letzten Parlamentswahlen innerhalb von 25 Tagen volle 59 Stunden AKP-Propaganda, die prokurdische Oppositionspartei HDP bekam 18 Minuten Sendeplatz.

Doch trotz den vielen biografischen Ähnlichkeiten und der geteilten Verachtung gegenüber der Demokratie gibt es auch große politische Meinungsverschiedenheiten. Putin, der mit seinen Annexionsgelüsten erfolgreich war, holte sich die Schwarzmeerhalbinsel Krim. Seitdem ist Ankara besorgt wegen der Krimtataren, als deren Schutzherr sich Erdoğan versteht. Nun hat Putin auch noch aktiv in Syrien eingegriffen. Ein Wunsch, den Erdoğan schon lange hat; doch anders als Moskau will Ankara den Sturz des Regimes in Damaskus. So musste Erdoğan mit Entsetzen mitansehen, wie Putin seinen Erzfeind Baschar al-Assad nicht nur militärisch, sondern auch politisch aufwertet. Nachdem er jahrelang einen Dialog mit dem Syrer ausgeschlossen hatte, musste er zähneknirschend zugestehen, dass er diesen nun doch für eine Übergangszeit akzeptieren könne.

Denn trotz der politischen Differenzen brauchen sie einander. Vor allem die Türkei, die vor der Flüchtlingskrise in Europa zunehmend vom Westen isoliert wurde, ist auf starke Partner angewiesen – und Putin hat gezeigt, dass er der Konfrontation mit dem Westen standhalten kann. Deswegen werden Meinungsverschiedenheiten zur Seite gewischt. Die beiden Präsidenten vereinbarten nun, das Thema Syrien auf dem G20-Gipfel am 15. und 16. November in Antalya zu erörtern; dabei hatte Erdoğan noch kurz zuvor geschimpft, das Spiel, das Russland in Syrien spiele, sei inakzeptabel. Doch den russischen Freund kann und will er letztlich dann doch nicht verprellen.

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