Emrah Gurel/EPA

Putschversuch in der Türkei

Neustart oder Diktatur

von Daniel Steinvorth / 16.07.2016

Trotz all der Toten und des Chaos bringt der Putschversuch eine gute Nachricht: Eine Mehrheit der Türken will keine Herrschaft des Militärs. Erdogan sollte das begreifen und endlich auf seine Gegner zugehen.

Nun ist es also passiert, das Unvorstellbare. Zum vierten Mal in der Geschichte der Türkei haben Militärs versucht, die Macht gewaltsam an sich zu reissen. Ein Putsch – wenngleich ein ziemlich dilettantisch durchgeführter – hat das Land erschüttert, das bereits in so vieler Hinsicht verletzt wurde. Immer wieder wurde es in den vergangenen Monaten von Terroranschlägen heimgesucht, tief hineingezogen ist es in den Krieg in Syrien, auch führt es einen eigenen, mörderischen Krieg im kurdischen Südosten. Pessimistisch war die Stimmung in den vergangenen Monaten, und aufgeheizt: Mit weiteren Anschlägen und weiteren Toten, auch mit weiteren Repressionen unter der islamisch-autoritären Herrschaft Erdogans, wurde gerechnet.

Nur ein Staatsstreich schien ausgeschlossen. Hatte Erdogan das Militär nicht endgültig entmachtet und damit die Weichen für seinen Machterhalt gestellt? Hatten der Präsident und die Generäle sich zuletzt nicht sogar versöhnt, mit einer Amnestie für Hunderte von Offizieren? Zwar wurde in den vergangenen Monaten immer wieder über die Gefahr eines Putsches gesprochen (vonseiten der Regierungsanhänger wohl auch, um die immer diktatorischere Politik des Staatschefs zu rechtfertigen), richtig glauben mochte aber niemand an eine neuerliche offene Konfrontation zwischen dem „Sultan“ und den „Paschas“, wie die Generäle im Volksmund heissen.

Und tatsächlich, glaubt man den Berichten aus Ankara, ging der Coup nur von einzelnen hochrangigen Offizieren, nicht vom Generalstab aus. Der Generalstabschef, heisst es, wurde sogar als Geisel genommen. Gerade dies wirft jedoch Fragen auf, denn ein Putschversuch ohne Einbezug der Armeespitze wäre neu in der türkischen Geschichte. Eine Spaltung innerhalb der Armee ist vorstellbar – wohl kaum jedoch in loyale und Gülen-gesteuerte Offiziere, wie es die Regierung darstellt. Sie glaubt, die Bewegung des im amerikanischen Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen, deren Anhänger sie bereits aus Polizei und Justiz entfernte, habe den Putsch orchestriert. Aber wie realistisch ist das, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass die Gülenisten selbst die Entmachtung der Generäle vorangetrieben haben? Geradezu paranoide Züge hat Erdogans Angst vor seinen früheren Weggefährten angenommen, und entsprechend hohl klingt seine These von der Machtergreifung durch die „Parallelorganisation“.

Es gibt auch die böse Vermutung, dass Erdogan selbst den Coup inszeniert haben könnte, um die Zügel anschliessend noch straffer zu ziehen. So viel diabolische Energie muss man dem Präsidenten nicht zutrauen. Wer Erdogan allerdings kennt und weiss, wie er schon in der Vergangenheit reagierte, wenn seine Macht gefährdet schien, darf nun, nach dem offenbar gescheiterten Putsch auf nichts Gutes hoffen.

Dabei gibt es trotz all der Toten und inmitten des anhaltenden Chaos eine gute Nachricht: Nicht nur Erdogans eingeschworene Anhänger, auch seine Gegner haben den Staatsstreich fast unisono abgelehnt. Dass sich das Militär unter zivile Kontrolle begibt, das ist trotz allem Zorn auf Erdogan und aller Verunsicherung der Wunsch der meisten Türken. Dies zu begreifen und auf seine Gegner zuzugehen, mag man Erdogan nur wünschen. Es könnte der Versuch eines demokratischen Neustarts sein. Doch daran glauben kann man nicht mehr.