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Russischer Korruptionsskandal: Chef-Ermittler hinter Gittern

von Daniel Wechlin / 15.09.2016

Ein hoher Beamter des russischen Innenministeriums soll Gelder in der Höhe von mindestens 120 Millionen Dollar veruntreut haben. Angeblich bestehen auch Verbindungen zu Schweizer Banken.

Präsident Wladimir Putin wird nicht müde, zu betonen, dass er der Korruption in Russland den Garaus machen wolle. Genauso bekannt ist aber, dass Käuflichkeit eine Triebfeder und zugleich Stütze des gegenwärtigen Regimes ist. Macht wird in Geld und Geld in Macht umgewandelt. So rangiert Russland trotz immer neuen Anti-Korruptions-Dekreten, Kontrollbehörden und Verschärfungen des Strafrechts im Korruptionsindex von Transparency International auf dem 119. Rang von 168 untersuchten Staaten.

Kistenweise Dollarscheine

Besonders desaströs für die staatliche Glaubwürdigkeit ist, wenn selbst Kontrollinstanzen in kriminelle Machenschaften involviert sind, wie der neueste Skandal zeigt. Oberst Dmitri Sachartschenko, der kommissarische Leiter der Hauptverwaltung für Wirtschaftskriminalität und Korruptionsbekämpfung im Innenministerium, ist letzte Woche festgenommen worden. Laut den Behörden sind bei Razzien des Inlandgeheimdienstes FSB, unter anderem in einer angeblichen Wohnung Sachartschenkos, 120 Millionen Dollar in bar sichergestellt worden. Sachartschenko werden nebst anderem Bestechlichkeit und Amtsmissbrauch vorgeworfen. Er selber bestritt die Vorwürfe und gab vor Gericht an, dass das Geld in der Wohnung seiner Schwester konfisziert worden sei, einem Ort, wo er noch nie gewesen sei. Er wisse nicht, woher das Geld komme.

Am Mittwoch meldete nun die russische Agentur Rosbalt mit Hinweis auf eine Quelle bei den Strafverfolgungsbehörden, dass der FSB auch auf Konten von Offshore-Gesellschaften gestossen sei. Diese sollen auf Sachartschenkos Vater registriert sein und eine Summe von 300 Millionen Euro verwalten. Laut dem Medienbericht handelt es sich um sechs Konten, unter anderem bei Schweizer Filialen der Rothschild-Bank und der Dresdner Bank. Das leitende russische Ermittlungskomitee gab darauf bekannt, dass im Zusammenhang mit den beschlagnahmten Geldern ein Strafverfahren eröffnet worden sein. Andere Finanzmittel seien derzeit nicht Gegenstand der Ermittlungen. In den russischen Medien überschlagen sich die Spekulationen. Die Sachartschenko zugeschriebenen Gelder könnten demnach von der Nota Bank stammen, die 2015 ihre Lizenz verloren hatte. In dem russischen Finanzinstitut wurden damals grosse Vermögenswerte beschlagnahmt.

Mutmassliche Mafia-Beziehung

Eine andere Version lautet, dass der FSB bei Ermittlungen gegen den georgisch-russischen Mafia-Paten Sachar Kalaschow auf Sachartschenko aufmerksam geworden sei. Laut Rosbalt wird untersucht, ob der Inkriminierte als Verwalter riesiger Geldsummen figurierte, möglicherweise auch für die ehemalige Führung der staatlichen Eisenbahn, wo 2015 nach zehn Jahren an der Spitze Wladimir Jakunin, ein Vertrauter Putins, zurücktrat.

Es wäre nicht das erste Mal, dass solche, in hohe Kreise reichenden Machenschaften aufgedeckt werden. Damit soll ein Exempel statuiert werden, was oft auf interne Machtkämpfe hindeutet. Kurz vor den Parlamentswahlen am Sonntag wird es dem Kreml darum gehen, Entschlossenheit zu markieren. Doch noch stellt er sich schützend vor den seit längerem schon angeschlagenen Innenminister Wladimir Kolokolzew.