David Goldman / AP

IOK-Präsident

Russisches Staatsdoping: Thomas Bach in Erklärungsnot

Meinung / von Daniel Gerny / 04.08.2016

Der Skandal um das russische Staatsdoping wird immer mehr zur Affäre Thomas Bach. Der IOK-Präsident schiebt die Verantwortung für die laschen Sanktionen ab – und nimmt dabei Schaden.

Noch bevor an den Olympischen Spielen die Wettbewerbe begonnen haben, tobt in Rio das erste erbitterte Duell. Es stehen sich gegenüber: das Internationale Olympische Komitee, personifiziert durch seinen deutschen Präsidenten Thomas Bach, und die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Schon jetzt steht fest: Es wird in diesem Duell nur Verlierer geben. Das IOK demaskiert sich als mutlose Organisation, die zwar vom Kampf gegen das Doping spricht, ihren wichtigsten Partner dabei aber im erstbesten Moment desavouiert. Der Kampf gegen Doping erweist sich so als Alibiübung, wie stets dann, wenn es darum geht, einen grossen Player mit Sanktionen zu belegen.

Auslöser des Disputs ist der Bericht des kanadischen Sonderermittlers Richard McLaren, der vor zweieinhalb Wochen bestätigt hat, dass in Russland geschützt und gelenkt vom Staat zwischen 2011 und 2015 systematisch gedopt worden ist und positive Proben entweder vernichtet oder ausgetauscht worden sind. IOK und Wada verurteilten das Vorgehen als massiven Betrug am Sport und an seinen Werten. Doch am Punkt, wie das zu bestrafen ist, zerschellte die Einigkeit. Die Wada forderte einen Ausschluss Russlands und all seiner Athleten von den Spielen. Das IOK hingegen beliess es bei einem Katalog von flankierenden Massnahmen mit zweifelhaftem Wert. An der Eröffnungsfeier wird morgen Abend jedenfalls eine russische Delegation im Maracanã-Stadion einlaufen.

Seither tobt das Duell IOK gegen Wada, in dem sich die beiden Partner die Schuld zuschieben und versuchen, den Imageschaden zu begrenzen. Bach versteckt sich hinter juristischen Bedenken. Er sagt, die Wada habe sich der Vorwürfe viel zu spät angenommen und damit das IOK der Möglichkeit beraubt, juristisch korrekt auf die Affäre zu reagieren. Die Wada konterte, sie habe sofort gehandelt, als verlässliche Fakten vorgelegen hätten.

Zaghafter Dopingkampf

Die Art, wie die Affäre um das russische Staatsdoping von den grossen internationalen Organisationen gehandhabt wurde, bestätigt, was längst schon bekannt, aber trotzdem immer wieder schockierend ist: Der Wille zu einem kompromisslosen Kampf gegen das Doping ist sehr gering. Kein Verband, keine übergeordnete Organisation hat ein echtes Interesse daran, ihr Geschäft als Spiel mit falschen Karten zu entlarven. Gedopt wird nicht nur in Russland, sondern überall, wo der Mensch versucht, die eigenen Grenzen zu verschieben. Wie halbherzig der Kampf gegen Doping ist, verdeutlicht die Summe, die das IOK der Wada zur Verfügung stellt. 2014 waren es 13,3 Millionen Dollar. Das entspricht gerade einmal 0,17 Prozent der über 8 Milliarden Dollar Einnahmen, die das IOK im vergangenen olympischen Vierjahreszyklus mit den Spielen eingenommen hat.

Aussergewöhnlich macht den russischen Fall die staatliche Verwicklung, die an die Zeit des Staatsdopings erinnert, das in den 1970er und 1980er Jahren nicht nur im ehemaligen Ostblock praktiziert wurde. Aussergewöhnlich macht ihn aber auch die mutlose Reaktion des IOK und von dessen Präsidenten Thomas Bach, der mit ihr als Phrasendrescher daherkommt. Noch im Mai hatte Bach in einer offiziellen Mitteilung gesagt: «Sollten die Untersuchungen die Vorwürfe bestätigen, würde dies eine schockierende neue Dimension im Doping und ein bisher noch nie gesehenes kriminelles Niveau darstellen. Es gibt keinen Zweifel, dass das IOK mit seiner Null-Toleranz-Haltung reagieren würde – nicht nur in Bezug auf einzelne Athleten, sondern auch bezüglich ihres Umfelds. Die Massnahmen würden vom lebenslangen olympischen Ausschluss von involvierten Personen über harte finanzielle Sanktionen bis zur Suspendierung oder zu dem Ausschluss ganzer Verbände reichen.» (IOK, 18. Mai 2016)

Weltweit, aber speziell in seiner deutschen Heimat war die Kritik an Thomas Bach und seiner Reaktion vehement. Der «Spiegel» schrieb von einem «öligen Weg». Die «Süddeutsche Zeitung» spöttelte: «Bach war Fechter. Er hat stets hinter der Maske gekämpft; täuschen, fintieren, zustechen gehört zu seinem Repertoire. Aber selbst der Wirtschaftsadvokat, dessen Spezialität es ist, entschlossen für eine Sache zu sein und zugleich strikt dagegen, verheddert sich nun in den eigenen Argumentationssträngen.» Der ehemalige Diskus-Olympiasieger Robert Harting ging sogar so weit, ihn als «Teil des Dopingsystems» zu bezeichnen.

Das waren schwer zu verdauende Worte für einen, der sich selber noch als Sportler fühlt und keine Gelegenheit auslässt, zu betonen, wie sehr ihm der Schutz der Athleten am Herzen liege. Die Affäre Russland wird deshalb immer mehr auch zu einer Affäre Bach. Sie ist der erste grosse Rückschlag in seiner sorgsam geplanten Funktionärskarriere. Bach dachte bereits politisch, als er noch auf der Planke stand. 1980 machte er sich als Athletensprecher erfolglos gegen den deutschen Boykott der Spiele in Moskau stark. Dafür holte ihn der ehemalige IOK-Präsident Juan Antonio Samaranch im Jahr darauf in die Athletenkommission des IOK. Mit der Unterstützung des Spaniers stieg Bach Stufe um Stufe auf, bis er 2013, im Alter von 59 Jahren, den Gipfel erreichte und an die Spitze jener Organisation kam, die sein Leben geprägt hatte. In rekordverdächtigem Tempo setzte er dort sein Reformpapier Agenda 2020 durch und erntete dafür Anerkennung und Applaus.

Doch es ist eines, einem Saal voll meist älteren Damen und Herren die Zustimmung zu schlankeren, billigeren Spielen abzuringen. Sich der Konfrontation mit einem der mächtigsten und dazu noch unberechenbarsten Männer der Welt zu stellen, ist von ganz anderer Qualität. Wladimir Putin ist mittlerweile so etwas wie der heimliche Herrscher über den Weltsport. Während seiner Präsidentschaft war Russland unter anderem Gastgeber der Olympischen Winterspiele, der Eishockey-Weltmeisterschaft, der Leichtathletik-Weltmeisterschaften, der Schwimm-Weltmeisterschaften. Er holte einen Formel-1-Grand-Prix ans Schwarze Meer. 2018 wird die Fussball-Weltmeisterschaft bei ihm zu Gast sein. Der ehemalige Fifa-Präsident Joseph Blatter bezeichnete Putin als «meinen Freund». René Fasel, Präsident des internationalen Eishockeyverbandes und Mitglied jener IOK-Exekutive, die Russland vor knapp zwei Wochen begnadigte, sprach im kleinen Kreise auch schon als «guete Cheib» von ihm.

Stepanowa als Opfer

Auch Thomas Bach gilt als Vertrauter des Kremlchefs. Es gibt viele Spekulationen, viele Interpretationen, gewiss auch einige Unterstellungen im Zusammenhang mit dem internationalen Sport und seinen Verflechtungen mit der Politik. Das Internet ist ein willfähriger Katalysator der Gerüchte. Vermutungen verdichten sich schnell zur Wahrheit. Bach verwahrte sich bei der Medienkonferenz vor der Session in Rio gegen die Unterstellung, von Moskau beeinflusst worden zu sein. Er schiebt die Verantwortung für die unbefriedigende Sanktionierung des russischen Staatsdopings an die Wada weiter. Immer wieder wiederholt er den Satz: «Wir können keinen Staatschef oder Minister bestrafen.» Doch dass er mit der Mittelstreckenläuferin Julia Stepanowa ausgerechnet jener Athletin den Zugang zu den Spielen verwehrt, die als Whistleblower die ganze Affäre angestossen hat und damit mehr für den Kampf gegen das Doping getan hat als jeder andere, macht ihn zum Komplizen Putins. Stepanowa gilt in Russland als Verräterin.

Richard Pound, der nicht nur Gründungspräsident der Wada, sondern auch langjähriges Mitglied des IOK ist, sagte vor der Session in Rio, niemals habe er das IOK in grösserer Erklärungsnot erlebt zu jenem Thema, das es in den letzten Jahren mehr umgetrieben habe als jedes andere: zum Doping. Und mit ihm ist auch Thomas Bach in Erklärungsnot.