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„Fall Lisa“

Russlanddeutsche: Die Frucht des Misstrauens

von Markus Ackeret / 31.01.2016

Deutschland und Russland streiten über den Umgang mit dem Bericht über ein angeblich vergewaltigtes russlanddeutsches Mädchen. Der Fall schürt Ängste und basiert auf Gerüchten. Russische Medien und Politiker nutzen das aus.

Lisa, ein 13 Jahre altes Mädchen aus einer russlanddeutschen Familie im Berliner Stadtteil Marzahn, ist zum Objekt eines diplomatischen Schlagabtausches zwischen Russland und Deutschland geworden. Die Außenministerien beider Staaten fordern ein, die Jugendliche zu schützen, seitdem es einen russischen Fernsehbeitrag über deren angebliche Entführung und Vergewaltigung durch „südländische“ Migranten gegeben hat. Die Polizei widerspricht, aber bleibt aus Rücksicht auf das Opfer wortkarg. Sie geht von strafrechtlich relevanten, freiwilligen sexuellen Kontakten aus.

Moskauer Manipulation

Für russische Medien, manche Russischsprachigen in Deutschland und den russischen Außenminister Lawrow ist das ein Zeichen für Vertuschung aus Rücksicht auf die deutsche Flüchtlingspolitik. Tausende von Russen in Deutschland und Russlanddeutschen sind Aufrufen zu Demonstrationen gefolgt – bis vors Kanzleramt in Berlin. Sie glauben Gerüchten mehr als nüchternen Fakten. Politische Propaganda, Misstrauen und Missgunst verweben sich im „Fall Lisa“ zu einem unguten Symptom deutscher und russischer Befindlichkeiten.

Den Anfang hatte vor zwei Wochen ein Korrespondentenbericht aus Berlin im russischen Ersten Kanal gemacht. Darin schilderte eine Tante des Mädchens den angeblichen Tathergang und beschuldigte die Berliner Polizei, sich nicht um den Fall kümmern zu wollen. Aufgebrachte Russischsprachige, von denen im Plattenbauviertel Marzahn-Hellersdorf sehr viele, vor allem sozial schwächere, wohnen, äußerten sich entsetzt und unverblümt: Gewalt müsse mit Gegengewalt beantwortet werden. Die vorgeblichen Täter werden in der Asylbewerberunterkunft vermutet. Dass die Protestkundgebung von der rechtsextremen NPD mitorganisiert wurde, verschwieg der Beitrag.

Seither hat die Geschichte eine eigene Dynamik angenommen, in Russland wie in Deutschland, ganz besonders aber in russischsprachigen sozialen Netzwerken. Dass die Polizei aus Rücksicht auf das minderjährige Mädchen kaum Ermittlungsergebnisse veröffentlicht, wird ihr nicht als Opferschutz, sondern als mangelnde Transparenz ausgelegt. Russland hält sich für zuständig, da das Kind einen russischen Pass besitzt, und kritisierte, die russischen Behörden seien nicht ordnungsgemäß informiert worden. Doch Lisa ist auch Deutsche, und in Deutschland wird sie demnach – wie das umgekehrt in Russland auch der Fall wäre – ausschließlich als Deutsche behandelt. Lawrows Rechtsanspruch gibt es nicht, und seine Unterstellung, der deutsche Außenminister Steinmeier habe nur deshalb heftig auf Lawrows Vorwürfe reagiert, weil es offenbar etwas zu verbergen gebe, ist böswillig.

Gefahr für Russlanddeutsche

Aber genauso wie aus dem Tonfall der Berichterstattung des russischen Fernsehens spricht auch daraus die Absicht, aus dem Fall etwas Grundsätzlicheres zu machen. Zum einen erinnert er daran, dass sich Russland, wie die Annexion der Krim und überhaupt die Ukraine zeigt, zum Anwalt aller Russen und Russischsprachigen im Ausland aufschwingen will. Zum andern ist es Sinn und Zweck der sogenannten hybriden Kriegsführung über die Medien, Gerüchte und Fakten so sehr zu vermischen, dass in dem Gewirr am Ende alles als unglaubwürdig, ja als Lüge erscheint. Das daraus entstehende Misstrauen zerrüttet das Verhältnis von Bürgern und Staat und macht vernünftige Diskussionen praktisch unmöglich.

In Deutschland, wo die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin weitherum Verunsicherung und Unmut ausgelöst hat, ist die Gesellschaft derzeit anfällig für das gegenseitige Ausspielen von Bevölkerung und Politik und von einzelnen Zuwanderergruppen untereinander. Der „Fall Lisa“ macht auch auf zahlreiche Widersprüche und große Unkenntnis aufmerksam. Es hat etwas Perfides, wenn der russische Staat, der zu Zeiten der Sowjetunion deutschstämmige Bürger diskriminierte und immer wieder als „Faschisten“ diffamierte, die Spätaussiedler nun als russische Mitbürger instrumentalisiert. Umgekehrt ist deren Bereitschaft zur Vereinnahmung und zum Vertrauen ins russische Fernsehen Ausdruck davon, dass viele ihre sowjetische Prägung nicht einfach abgelegt haben, auch wenn sie nach außen gut integriert sind.

Für sie ist der Versuch der Instrumentalisierung durch Russland eine gefährliche Entwicklung. Ihr Selbstverständnis beruht gerade darauf, in die „Heimat“ zurückgekehrt zu sein und nicht auffallen zu wollen. Putin mehr Vertrauen zu schenken als der deutschen Politik, brächte sie ins Abseits einer Gesellschaft, in der die Mehrheit von ihnen – auch jene, die zu Hause russisches Fernsehen nutzen – angekommen ist. Ihr Weltbild ist oft konservativ; ihr „Deutschtum“ hat etwas für viele Deutsche Befremdliches. Bot ihnen die CDU jahrelang eine politische Heimat, so dürfte die Skepsis über Merkels Flüchtlingspolitik den Hang zu radikaleren Gruppierungen – der Alternative für Deutschland oder der NPD – noch verstärkt haben.

„Köln“ als Nährboden

Diese Zusammenhänge sind vielen Deutschen, auch Journalisten, wenig vertraut. Sie sehen in den Spätaussiedlern „Russen“, die diese in ihrem Selbstverständnis eben nicht sind, und verstehen nicht, dass aus Sicht der Russlanddeutschen ein großer Unterschied zwischen deren „Rückkehr in die Heimat der Vorväter“ und der Einwanderung der als bedrohlich wahrgenommenen Flüchtlinge aus der muslimischen Welt besteht. Die Russlanddeutschen fühlen sich vielleicht mehr noch als der Durchschnittsbürger in ihren Werten dadurch bedroht. Dies, die Kölner Silvesternacht und das Versagen der Polizei dabei haben das grundsätzliche, sowjetisch geprägte Misstrauen in den Staat zu dem gemacht, worauf ein „Fall Lisa“ gedeihen kann.