Elvis Barukcic / AFP

Salafismus in Bosnien: Der Pietist aus Osve

von Andreas Fussi / 12.09.2016

Nicht alle muslimischen Fundamentalisten suchen ihr Heil im Jihad. In Bosnien gibt es Gemeinschaften, die eher an pietistische „Stündeler“ erinnern. Wie die von Izet Hadzic.

Weisse Häkelmütze auf dem Kopf, langer Bart und knöchellange Hose. So stellt man sich einen Salafisten vor. Und genau so sieht Izet Hadzic auch aus, als er hinter seinem Haus in Osve hervorkommt. Es tue ihm leid, sagt er, aber jetzt sei es ungünstig. Wir müssten warten, bis er die Waffen versteckt habe. Aus den hellblauen Augen blitzt der Schalk. Salafist hin oder her – der Humor ist bosnisch. Der 50-jährige Hadzic ist Chef des berüchtigten Salafistendorfes Osve in Mittelbosnien. Kamerateams aus Bosnien, Serbien und sogar aus Deutschland haben Osve besucht. „Ich muss mit allen reden, die kommen. Das ist die einzige Möglichkeit, die Geschichten über Waffenlager und Trainingscamps im Zaum zu halten.“ Aber er habe jetzt wirklich keine Zeit sondern müsse den Hühnerstall reparieren. Hadzic zeigt auf die schweren, dunklen Wolken, die knapp über den Tannengipfeln vorbeiziehen.

Wer vom Flecken Maglaj Richtung Osve bergwärts fährt, folgt einem geteerten Strässchen, das unvermittelt in eine Schotterpiste übergeht. Eng steigt sie in immer neuen Kehren durch lockeren Wald bergan. Nach einer Weile wird der Weg flacher. Hinter hohen Büschen sieht man die ersten Häuser. Es sind ausgebrannte Ruinen. Osve war vor dem Krieg ein serbisches Dorf. Dann wurden die dreihundert Bewohner vertrieben. Später siedelten sich Bosniaken an. Hadzic kaufte als einer der ersten einem Serben das Haus ab. Von anderen ehemaligen Bewohnern erhielt er bald Vollmachten, ihre Häuser zu verkaufen. Das Geld, das Izet Hadzic an sie weiterleitete, wurde zum Teil aus einem anonymen Konto in Kopenhagen überwiesen. Wer dahintergestanden habe, wisse er nicht, behauptet er. Heute sind 20 Häuser des Dorfes bewohnt. In deren 16 wohnen Salafisten mit ihren Familien, in 4 Serben. Es sind alte Leute, die zurückgekehrt sind, um hier ihren Lebensabend zu verbringen.

Die Landschaft um Osve mit ihren Hügeln, Wäldern und dunkeln Schluchten erinnert ans Luzerner Entlebuch. Auch die bärtigen Bauern, deren misstrauischen Blicke dem fremden Auto folgen, wirken irgendwie vertraut. Nur Frauen sind keine zu sehen in dem kleinen Dorf. Aber vielleicht hat das nichts mit Salafismus zu tun, sondern mit dem einsetzenden Landregen, der unerbittlich Wiesen und Wege aufzuweichen beginnt. Wovon leben die Menschen im Dorf?

Stigma Salafistennest

„Es ist nicht einfach“, sagt Hadzic und streicht gedankenverloren den langen, dünnen Bart. Wir sitzen, einen Tag nach dem ersten Besuch, in einer halbleeren Cevap-Bude am Ortsrand von Maglaj. „Wer aus Osve kommt, findet beim Staat keine Stelle.“ Das Dorf trägt das Stigma eines Salafistennestes. Aber auch private Arbeitgeber trauten sich kaum, Männer aus Osve anzustellen. So bleiben nur die Landwirtschaft und der Verkauf von Eiern und Gemüse in Maglaj.

Das Dorf wird regelmässig von Patrouillen der Sipa kontrolliert, der bosnischen Staatspolizei. „Wenn man bei uns auch nur eine Patrone finden würde, wären wir geliefert“, sagt Hadzic. Die Wachsamkeit der Behörden ist nicht ohne Grund. Nach Auskunft von Dzevad Galijasevic, dem ehemaligen Bürgermeister von Maglaj, gingen in den letzten Jahren sieben Personen nach Syrien und in den Irak, um für die Errichtung eines Gottesstaates zu kämpfen. Berüchtigt war ein gewisser Emrah Fojnica, der 2013 in Bagdad bei der Vorbereitung eines Attentats ums Leben kam. Er hatte Verbindungen zu Mevlid Jasarevic, der im Oktober 2011 mit einer Kalaschnikow die amerikanische Botschaft in Sarajevo angegriffen und einen Polizisten verletzt hatte. Eine Mittäterschaft konnte nicht nachgewiesen werden, Fojnica wurde freigesprochen.

Oft sind es nicht nur Männer, sondern ganze Familien, die in die von der Terrormiliz Islamischer Staat kontrollierten Gebiete reisen, um dort ein Leben nach den Regeln der Scharia zu führen. Darauf angesprochen räumt Hadzic ein, dass sich sein Einfluss als Oberhaupt des Dorfes nicht auf alle Familien erstrecke. „Es gibt leider schon zwei oder drei Häuser, in denen finstere Typen leben.“ Wie geht er damit um? Sie würden von den Mitgliedern der Gemeinschaft isoliert, sagt Izet Hadzic. Für diese lege er die Hand ins Feuer. „Alles, was wir wollen, ist, in Ruhe unsere ursprüngliche Form des Islam praktizieren zu können und von unserer Arbeit zu leben.“

Beides werde ihnen schwergemacht. Das Dorf liegt im Dauerstreit mit der Gemeinde Maglaj. Sowohl um die Stromleitung als auch den Ausbau der Strasse hätten sich die Dörfler selber kümmern müssen. Erst nach zähem Kampf habe die Gemeinde einen Schulbus bereitgestellt für den Transport der Kinder nach Maglaj. Hat Izet keine Bedenken, die Kinder in die staatliche Schule zu schicken, wo sie Einflüssen ausgesetzt sind, die er nicht kontrollieren kann? Nein, keineswegs, er trete für eine klare Trennung von Staat und Religion ein, meint er. Es sei seine Aufgabe, die Kinder durch die Weitergabe des Glaubens zu schützen. Anders als viele Islamisten hat er kein Problem mit dem säkularen Staat. „Ich betrachte mich als Muslim und als Bosniake.“ Einen Loyalitätskonflikt gebe es nicht. Seine Lebensführung verletze weder die Gesetze des Islam noch jene des Staates.

Doch die Trennung von Staat und Religion funktioniere in Bosnien nicht wirklich, ist Hadzic überzeugt. Die islamistisch beeinflusste Regierungspartei SDA und die Islamische Gemeinschaft seien zu einem undurchdringlichen Filz verwoben. Das Ziel seien Reichtum und Macht, nicht das Wohl der Bürger und ein gottgefälliges Leben. „Es gibt eben Menschen, die für den Islam leben, und solche, die vom Islam leben.“ Ein Beispiel? „Schaut das Jägerheim an. Ein gutes Haus am Eingang des Dorfes. Es könnte unseren Kindern als Schulhaus dienen, wie vor dem Krieg. Stattdessen saufen und huren dort die Politiker an den Wochenenden!“

Vom Rock zum Islam

In den Augen der Islamischen Gemeinschaft Bosniens, der offiziellen Körperschaft der Muslime, ist Izets Gemeinde hingegen eine der 64 abtrünnigen „Para-Dzemate“. Das sind meist salafistische Gemeinschaften, die in abgelegenen Dörfern Mittelbosniens leben und die Autorität von Reis Ulema Husein Kavazovic, dem Oberhaupts der Islamischen Gemeinschaft, ablehnen. Einige haben Verbindungen zu Terrornetzwerken. Vielen geht es aber darum, ihre radikalen Vorstellungen vom guten muslimischen Leben hier und jetzt zu verwirklichen. Die Opposition gegen die Obrigkeit, die weltliche wie die religiöse, führte Izet Hadzic zur abgeschiedenen Existenz im Kreis seiner Gemeinde. Er träumt nicht von der Bekehrung der Ungläubigen und nicht vom Kalifat. Er möchte einfach in Ruhe gelassen werden. Hadzic ist kein Jihadist, kein Gotteskrieger. Im Grunde ist er das Gegenteil davon: ein introvertierter, salafistischer Pietist.

Izet Hadzic wäre bereit, sich der Islamischen Gemeinschaft zu unterstellen, vorausgesetzt er oder ein anderer Salafist würden zum Gemeinde-Imam ernannt. Aber darauf lässt sich die Islamische Gemeinschaft nicht ein. Als Autodidakt verfüge Izet nicht über eine angemessene Ausbildung, sagt in Sarajevo der einflussreiche Imam Sulejman Bugari. Hadzic habe nie ausserhalb Bosniens studiert, es fehle ihm das theologische Rüstzeug. Zudem bezweifle er, fügt Bugari bei, dass sich jemand, der nicht zu dessen radikalem Kreis gehöre, mit Izet als Imam wohl fühle.

Mit seinem Humor und seiner Schlagfertigkeit ist Hadzic ein charmanter und anregender Gesprächspartner. Sein Charisma beruht auf einer direkten und bildhaften Sprache, einem rebellischen Gemüt und einer offenbar grenzenlosen Energie. Aber vielleicht täuscht man sich, denn der Salafist ist auch ein Selbstdarsteller. Und das nicht erst seit gestern. Hadzic wuchs in Maglaj auf und gründete als junger Mann die Hardrock-Band Black Lady. Er war Lead-Gitarrist. Die Formation tourte in den Sommermonaten durch ganz Jugoslawien. Es war ein exzessives Leben mit viel Alkohol und Frauen. Dann kam der Krieg. Hadzic leistete Dienst in einer regulären Einheit der Armee Bosnien-Herzegowinas. Nach dem Krieg spielte er vor allem in Kafanas, einer Art Bistros, auf dem Balkan. Jetzt war nicht mehr Rock gefragt, sondern „narodnjaci“, aufgepeppte Volksmusik. Hadzic trank noch mehr und betrog seine Frau noch öfter. „Ich wusste, um mich aus diesem Leben zu befreien, brauchte ich eine noch stärkere Abhängigkeit.“ Er fand sie im Islam. Genauer, in dessen salafistischer Ausprägung, die sich auf die Gebote der ersten Generationen von Gefolgsleuten des Propheten bezieht. Seither, seit 1998, hat sich Hadzics Leben von Grund auf geändert. Er fasst die Gitarre nicht mehr an, von Alkohol ganz zu schweigen. Fremden Frauen gibt er nicht einmal die Hand. Aber hin und wieder singt er. Und kaum dazu aufgefordert, legt er mit geschmeidiger Stimme ein paar Takte hin. Ausgerechnet von Bora Djordjevic, dem serbischen Rocker, der in den neunziger Jahren in den nationalistischen Sumpf abtauchte.

Doch die Leichtigkeit des Entertainers, die Hadzic behalten hat, ist nur eine Seite. Wohl hat er seinen Frieden mit Gott gefunden, aber leicht ist ihm das Leben nicht. Die Last der Verantwortung für seine Gemeinde drückt ihn. Das Misstrauen der Umgebung und die Kontrollen der Polizei sind zermürbend, und der Streit mit den Behörden ist endlos. Manchmal hat er von all dem genug. Dann stellt er sich vor, auf und davon zu gehen. Eigentlich ist das sein Traum vom guten Leben: alles zurückzulassen und ganz allein für sich und Gott zu leben – ein salafistischer Einsiedler im tiefen bosnischen Wald. Der Islam in Bosnien-Herzegowina ahn. ⋅ Der radikale Islam kam mit dem Krieg 1992–1995 nach Bosnien. Aufseiten der Armee Bosnien-Herzegowinas kämpften Mujahedin-Einheiten aus zahlreichen islamischen Ländern. Unter ihnen befanden sich Fundamentalisten und Jihadisten. Langfristig bedeutsamer war der Einfluss saudischer und kuwaitischer Organisationen, die humanitäre Hilfe leisteten und eine im Land unbekannte fundamentalistische Auslegung des Islam verbreiteten. Bis zum Krieg hatte der säkulare Staat die islamische Gemeinschaft kontrolliert, die ihrerseits ein Monopol in muslimischen Glaubensangelegenheiten hatte. Sie vertritt bis heute einen moderaten Sunnismus „türkischer“ Prägung. Die Schwächung der staatlichen Macht als Folge des Krieges schuf Raum für neue religiöse Strömungen. Den grössten Erfolg haben türkische Akteure, die der gleichen sunnitischen Tradition angehören wie die Einheimischen. Es waren ja die Osmanen gewesen, die den Islam ab dem 15. Jahrhundert in der Region verbreitet hatten. Aber auch salafistische Einflüsse haben sich verstetigt und sind heute Teil des religiösen Lebens. Der Salafismus ist eine historisch vielgesichtige Bewegung im Islam. Sein fundamentalistischer Kern beruft sich auf die „Gründerväter“ um den Propheten, deren reiner Lehre und ursprünglicher Glaubenspraxis nachgeeifert wird. Neben ultrakonservativen, apolitischen Strömungen gibt es puritanische Reformer und seit den neunziger Jahren auch gewaltbereite Jihadisten. Diese stammen häufiger aus der bosniakischen Diaspora als aus Bosnien selbst. Der bosnische Staat begegnet dem Salafismus mit einer Mischung aus Toleranz und Überwachung. Salafistische Gemeinschaften wie jene von Izet Hadzic werden geduldet, und weil sie nicht in den Untergrund abtauchen, bleiben sie leichter kontrollierbar.