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Identitätsdebatte in Frankreich

Sarkozix, der Gallier

von Rudolf Balmer / 22.09.2016

Wer Franzose werde, übernehme auch die Gallier als Vorahnen, findet der frühere Präsident Sarkozy. Er betrachtet das Bekenntnis zu diesen Ursprüngen der Nation als Vorbedingung für eine Integration.

Frankreich krankt nach Ansicht des früheren Staatschefs Nicolas Sarkozy an einem Identitätsproblem seiner neuen Mitbürger. Doch er hat die Lösung parat: „Wer Franzose werden will, muss wie ein Franzose leben.“ Das lässt sich noch nachvollziehen, und seine Zuhörer an einer Wahlveranstaltung haben am Montagabend rege applaudiert. Allerdings stellt sich die Frage, was denn genau ein Franzose sei. Auch hier ist Sarkozy, der 2017 ins Elysée zurückkehren möchte, um eine simple Antwort nicht verlegen. „Wer Franzose wird, hat die Gallier und Vercingetorix als Vorfahren.“ Nicht die Römer, nicht die Franken oder Westgoten und schon gar nicht die Araber oder Polen?

Mit oder ohne die Comic-Figuren Asterix und Obelix sind die Gallier populär. Trotzdem haben viele Franzosen mit dieser mythologisch verklärten Reduktion der Ursprünge ihres Nationalgefühls Mühe – nicht nur die aus Asien oder Afrika Zugewanderten, sondern auch die französischen Bürger in der Karibik oder Polynesien. Der Satz über „unsere Vorfahren, die Gallier“, der im 19. Jahrhundert in den Geschichtsbüchern stand, lässt sie heute bestenfalls schmunzeln. Ärgerlich kann Sarkozys Rückschritt in das Identitätsverständnis der Kolonialepoche für sie werden, wenn damit die real existierende multiethnische und multikulturelle Zusammensetzung der französischen Gesellschaft geleugnet werden sollte.

Sarkozy, der selber von ungarischen Adligen und sephardischen Juden aus Griechenland abstammt, will offenbar aus dem Mythos der keltischen Urahnen ein Muster für eine erfolgreiche Integration ablesen. Diese kann seiner Meinung nach nur als vollständige Assimilierung gelingen. Wer sich nicht mit den Galliern aus der Zeit von Vercingetorix identifizieren kann, stellt sich selber ins Abseits. Viele seiner Zuhörer dürften seine Beschwörung des Gallier-Nationalmythos aber auf rassische Weise interpretieren: Nur wer Gallier zu seinen Ahnen zähle, sei ein echter Franzose. Sarkozy spielt mit solchen Doppeldeutigkeiten; als Präsidentschaftskandidat wäre er auf Stimmen aus dem rechtsextremen Lager angewiesen.