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Studie

Schengen-Ende würde Österreich besonders hart treffen

von Christoph Eisenring / 23.02.2016

In einer Studie warnt die Bertelsmann-Stiftung vor Wachstumseinbußen, die ein Ende des Schengen-Abkommens nach sich zögen. Es gibt aber auch Ökonomen, die den Alarmismus für überzogen halten.

Wegen der Flüchtlingskrise und Terrorgefahren haben einzelne Länder teilweise wieder Ausweiskontrollen eingeführt. Dazu zählen Deutschland, Österreich, Dänemark, Schweden und Frankreich. Darunter leidet die Reisefreiheit im Schengen-Raum, zu dem auch die Schweiz und Liechtenstein gehören. Deutsche Lastwagenfahrer klagen, dass sie die Staus an der österreichischen Grenze viel Geld kosteten. Nun legt die Bertelsmann-Stiftung eine sehr grobe Schätzung über die Kosten vor, die entstehen würden, wenn im Schengen-Raum überall und dauerhaft wieder Personenkontrollen eingeführt würden.

Aufgebauschter Effekt

Die Studie fokussiert dabei auf die dadurch verursachte Einschränkung im Güterverkehr. Die Autoren nehmen an, dass die Lieferverzögerungen wie ein Zollsatz von 1 Prozent bzw. 3 Prozent (im ungünstigen Fall) wirken. Dadurch steigen die Preise, was die Realeinkommen senkt und anschließend den Konsum und die Investitionen reduziert.

Das jährliche Wachstum in der EU wäre je nach Szenario von 2015 bis 2025 im Schnitt um 0,04 bzw. 0,12 Prozentpunkte niedriger, als wenn das Schengen-Abkommen unangetastet bliebe. Die Schweiz käme gemäß den Simulationen mit 0,02 bzw. 0,07 Prozentpunkten Wachstumseinbuße glimpflich davon. Im Jahr 2025 – also nach zehn Jahren – wäre die Schweizer Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent bzw. 0,6 Prozent niedriger als ohne Schengen-Abbau.

Naturgemäß kommt man auf hohe Beträge, wenn man Wachstumsverluste bis 2025 summiert. Für die Schweiz werden sie mit 10 Milliarden bzw. 30 Milliarden Franken angegeben. Aufs Jahr gesehen (1 Milliarde bis 3 Milliarden Franken) klingt das bei einer Wirtschaftsleistung von 650 Milliarden Franken nicht dramatisch. Wenn die Bertelsmann-Stiftung schreibt, dass „Wachstum und Wohlstand aller EU-Staaten in Gefahr wären“, scheint dies etwas überzogen.

Vor kurzem waren die staatlichen Berater von „France Stratégie“ zu ähnlichen Ergebnissen gelangt. Dies überrascht nicht, da die Franzosen den Rückgang des Handels ebenfalls mit der Wirkung eines Zolls von 3 Prozent gleichsetzen, was dem ungünstigen Fall in der Bertelsmann-Studie entspricht. Die 3 Prozent begründen sie damit, dass der Warenaustausch zwischen den Schengen-Ländern bei Wiedereinführung von Grenzkontrollen bis zu 20 Prozent zurückgehen würde.

Die Wahl zwischen zwei Übeln

Es gibt an solchen Studien aber auch Kritik. So hatte der Ökonom Matthias Lücke vom Institut für Weltwirtschaft unlängst in der FAZ argumentiert, dass bis jetzt erst wenige Grenzen von Kontrollen betroffen seien. Er hält deshalb die wirtschaftlichen Folgen für beherrschbar. Zudem ließen sich mittelfristig Lösungen finden – man denke an spezielle Fahrspuren für Grenzgänger und Spediteure –, damit ein Großteil des Verkehrs ohne größere Störungen die Grenzen queren könnte. Gabriel Felbermayr vom Ifo-Institut gibt ferner zu bedenken, dass es für Deutschland auch mit hohen Kosten verbunden wäre, wenn 2016 noch einmal über 1 Million Flüchtlinge ins Land kämen. Man habe zwischen zwei Übeln zu wählen.

Die Bertelsmann-Studie behandelt alle Länder „gleich“. Die Schweiz gehört jedoch nicht zum EU-Zollraum und kontrolliert schon heute Waren an der Grenze. Deshalb dürften die Zusatzkosten bei einer Abkehr von Schengen eher noch etwas geringer ausfallen als ausgewiesen. Die Schweiz bliebe aber laut den Autoren betroffen: Sie bezieht Waren aus EU-Ländern, zu denen sie zwar keine Grenze hat, die sich aber auf dem Weg in die Schweiz verteuern würden, wenn „Schengen“ nicht mehr gälte.