Schwalbe im Anflug

von René Höltschi / 25.03.2015

Im Euroraum mehren sich die Anzeichen einer Beschleunigung des bisher schleppenden Aufschwungs. Doch eine zyklische Schwalbe macht noch keinen strukturellen Sommer.

Im Euroraum mehren sich die Anzeichen für eine Beschleunigung des bisher sehr schleppenden Aufschwungs. Jüngste Umfrageergebnisse wie etwa der von der EU-Kommission erhobene Indikator für das Konsumentenvertrauen und vor allem der Einkaufsmanagerindex (PMI) des Markit-Instituts zeigen deutliche Verbesserungen an. Viele Auguren, darunter jene der EU-Kommission und der Europäischen Zentralbank (EZB), haben ihre Prognosen unlängst nach oben revidiert. So geht die Kommission neu davon aus, dass sich das reale Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 0,9 Prozent im letzten auf 1,3 Prozent in diesem und 1,9 Prozent im nächsten Jahr beschleunigen wird. Die EZB erwartet 1,5 Prozent im Jahr 2015 und 1,9 Prozent 2016; unabhängige Prognosen etwa von Bankökonomen liegen ähnlich, sind aber oft für das nächste Jahr etwas vorsichtiger.

Zur Verbesserung der kurzfristigen Aussichten beigetragen hat der – inzwischen zu Ende gekommene – starke Rückgang der Ölpreise, der den Konsumenten mehr Kaufkraft für andere Ausgaben lässt. Hinzu kommt der tiefere Außenwert des Euro, der die Exporte fördert, aber auch die Importe verteuert. Schließlich drückt die quantitative Lockerung der Geldpolitik durch die EZB die Zinsen, was wachstumsfördernd wirkt und in einem Nebeneffekt zur Schwächung des Euro beiträgt.

Etwas beruhigt hat sich die Hysterie um die angeblich drohende Deflation. Zwar blieb die jährliche Inflationsrate gemessen an den Konsumentenpreisen wegen der tiefen Energiepreise auch im Februar mit –0,3 Prozent negativ, doch scheint der Tiefpunkt mit –0,6 Prozent im Januar erreicht worden zu sein. Die EZB-Ökonomen erwarten, dass die Teuerung im Durchschnitt des laufenden Jahres bei null bleiben, aber gegen Jahresende dank dem Aufschwung, dem schwachen Euro und der Erholung der Ölpreise zu steigen beginnen wird. Für 2015 gehen sie von 1,5 Prozent aus, und 2016 dürfte die Teuerung laut ihren Projektionen mit 1,8 Prozent etwa dem EZB-Ziel von „unter, aber nahe zwei Prozent“ entsprechen.

Mit der Erholung hat auch die Arbeitslosenquote zu sinken begonnen. Mit zuletzt 11,2 Prozent (Januar) liegt sie aber erst wenig unter dem im Mai 2013 erreichten Höhepunkt von 12,1 Prozent und noch immer weit über dem kurz vor der Krise verzeichneten Tief von 7,2 Prozent im März 2008. Der Abbau dürfte auch weiterhin harzig verlaufen: Die EZB-Experten erwarten selbst für 2017 trotz anhaltendem BIP-Wachstum noch immer eine Arbeitslosenquote von 9,9 Prozent.

Die hartnäckige Arbeitslosigkeit ist der vielleicht deutlichste Hinweis darauf, dass in weiten Teilen der Eurozone mehr strukturelle Reformen nötig wären. Verkrustete Arbeitsmärkte müssten liberalisiert, Rahmenbedingungen für Investitionen verbessert werden, um das Wachstumspotenzial zu verbessern. Stattdessen beruht die jetzige Wachstumsbeschleunigung hauptsächlich auf zyklischen Faktoren wie dem Ölpreis, die nicht ewig anhalten werden, und einer lockeren Geldpolitik, die Reformen nicht ersetzen kann. Umso mehr müsse man die Ruhepause für Strukturreformen nutzen, mahnte EU-Kommissionspräsident Juncker am EU-Gipfel von Ende letzter Woche.