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Flüchtlingskrise

Schweden fehlt es an Jobs für Migranten

von Rudolf Hermann / 30.11.2015

Der enorme Zustrom von Asylsuchenden führt in Schweden zu einem Mangel an Arbeitsplätzen für die Zugewanderten. An einer genügenden Anzahl Jobs, die wenig Sprachkenntnisse verlangen, fehlt es in diesem Land.

Wer auf der englischsprachigen Version der Website von „Arbetsförmedling“, Schwedens öffentlicher Arbeitsvermittlungsagentur, auf die Karteikarte „Find a Job“ klickt, bekommt Folgendes zu lesen: „Bei den meisten inserierten Arbeitsstellen wird erwartet, dass der Interessent gute Schwedisch-Kenntnisse hat. In einigen spezialisierten Berufsfeldern bestehen aber auch Angebote für Berufsleute mit extensiven Englischkenntnissen, namentlich wenn es sich um multinationale Unternehmen mit Englisch als Verkehrssprache handelt.“

Gefährdeter Sozialstaat

Für die rund 8.000 Asylsuchenden, die gegenwärtig jede Woche Schweden erreichen, sind dies keine ermutigenden Worte: Sie bedeuten, dass ihnen der schwedische Arbeitsmarkt noch längere Zeit unzugänglich bleiben dürfte. Wüssten sie von den Schwierigkeiten Schwedens mit der Eingliederung von bereits früher angekommenen Flüchtlingen ins Arbeitsleben, würde allfälliger Optimismus noch weiter gedämpft. Wie Daten des schwedischen Statistischen Amtes nämlich zeigen, bleibt die Beschäftigungsrate von Immigranten aus Asien und Afrika vor allem in den ersten acht Jahren ihres Aufenthalts in Schweden deutlich hinter derjenigen von Europäern oder Nord- und Südamerikanern zurück. Von den Flüchtlingen im arbeitsfähigen Alter, die Schweden 2003 erreicht hatten, war 2013 jeder Zweite immer noch beschäftigungslos.

Im laufenden Jahr allein rechnet Schweden mit der Ankunft von bis zu 190.000 Asylsuchenden vor allem aus afrikanischen, nahöstlichen und zentralasiatischen Ländern. Bis Ende 2016 könnten es bereits über 300.000 sein, was dann rund drei Prozent der Gesamtbevölkerung entspräche. Nicht nur kommen zur Bewältigung dieses Kraftakts die öffentlichen Finanzen unter Druck. Gelingt es nicht, einen substanziellen Teil der Zuwanderer in das Wirtschaftsleben zu integrieren, gerät mittelfristig auch das nordische Modell des Sozialstaats aus dem Gleichgewicht. Es sind dabei dessen umfassende Transferleistungen, die Schweden für Flüchtlinge zu einer erstrebenswerten Destination machen. Doch die Transfers werden aus vergleichsweise hohen Steuern finanziert. Voraussetzung für das Funktionieren des Systems ist deshalb, dass ein großer Teil der Bevölkerung auch arbeitet und Beiträge leistet.

Kommentatoren sehen zwei wesentliche Gründe, weshalb die Integration von Flüchtlingen ins Arbeitsleben unbefriedigend verläuft. Der eine liegt in den relativ hohen Löhnen. Zwar kennt Schweden keinen gesetzlichen Mindestlohn, doch die von starken Gewerkschaften mit den Arbeitgebern für die einzelnen Branchen ausgehandelten Tarife reflektieren das schwedische Gesellschaftsideal von Egalität und flachem Lohngefälle. Der Anfangslohn für manuelle Arbeit in der Altersgruppe 18–24 lag laut dem schwedischen Unternehmerverband 2014 bei umgerechnet rund 2.300 Euro im Monat, nur 13 Prozent tiefer als der Medianlohn des Sektors.

„Absenkung der Löhne nötig“

Der zweite Grund liegt darin, dass Schwedens Wirtschaft punkto Technologie und Automation weltweit mit an vorderster Front ist. Es fehlt an manuellen Jobs, die von Arbeitnehmern mit geringen sprachlichen und beruflichen Qualifikationen ausgeführt werden können. Es sind aber solche Jobs, die zahlreichen Immigranten ein wenigstens teilweises Fußfassen im Arbeitsleben ermöglichen könnten. Die vergleichsweise wenigen Stellen solcher Art sind laut dem schwedischen Rundfunk für Leute, die noch nicht im Arbeitsmarkt etabliert sind, schwer erreichbar – nicht nur für Immigranten, sondern oft auch junge Einheimische.

Der schwedische Volkswirtschaftsprofessor Lars Calmfors sagte in einem Gespräch mit dem Rundfunk, er betrachte eine Absenkung der Einstiegslöhne im niedrig qualifizierten Sektor als möglichen Ansatzpunkt. Hier seien die Gewerkschaften gefordert, die bisher aber eine konservative Linie verfolgt hätten.

Auch Regierungsvertreter wollen indes von einem solchen Kurswechsel vorläufig nichts wissen. Dafür wird erwogen, Immigranten den Sektor der sogenannten „haushaltsnahen Dienstleistungen“ wie Renovations-, Reinigungs- und Gartenarbeiten besser zugänglich zu machen. Aufwendungen für solche Arbeiten sind für Privatpersonen bis zu einer gewissen Höhe von der Einkommenssteuer absetzbar, weshalb sie sich erheblicher Beliebtheit erfreuen. Die Regierung hatte zwar vor einigen Monaten eine Reduktion der Abzüge avisiert, um den Staatshaushalt zu entlasten. Doch inzwischen sieht man in ihnen ein Instrument zur Förderung der Beschäftigung von Asylsuchenden.

Dennoch bleibt offen, ob eine bessere Arbeitsintegration von Migranten, die nicht aus beruflichen Gründen nach Schweden gekommen sind, über den Weg der „haushaltsnahen Dienstleistungen“ führen kann. Der CEO eines Unternehmens, das mit grossem Erfolg Rentner auf Teilzeitbasis in diesem Sektor beschäftigt, gab vor einiger Zeit zu bedenken, dass Sprachkenntnisse wesentlich seien zum Aufbau eines Vertrauensverhältnisses, das herrschen müsse, wenn man jemanden zu sich ins Haus oder in den Garten lasse.