REUTERS/Remo Casilli

Livebericht

Schweres Erdbeben in Zentralitalien

von NZZ Neue Zürcher Zeitung / 24.08.2016

Ein Erdbeben mit der Stärke 6,2 hat Zentralitalien erschüttert. Mindestens 120 Personen kamen ums Leben. Für Tausende von Obdachlose soll es Zeltstädte geben. Ein Livebericht von der NZZ. Das letzte Update für den Tag stammt von 18:55.

Das Wichtigste in Kürze

  • Mehrere Erdstösse haben in der Nacht Zentralitalien erschüttert. Sie waren bis in die Hauptstadt Rom zu spüren.
  • Erdbebenwarten registrierten eine Stärke von über 6 auf der Richterskala. Das Geophysische Institut Potsdam hat 6,1 und die amerikanische Erdbebenwarte USGS 6,2 gemessen.
  • Die Ortschaften Accumoli, Amatrice, Posta, Pescara del Tronto und Arquata del Tronto sind schwer beschädigt. Tausende sind obdachlos geworden. Allein in Accumoli haben 2500 Personen ihr Haus verloren.
  • Das Erdbeben fordert mindestens 120 Todesopfer, zahlreiche weitere wurden verletzt.

19:24 Uhr

Laut Regierungschef Matteo Renzi ist die Zahl der Todesopfer auf mindestens 120 gestiegen. „Und diese Bilanz ist nicht endgültig“, sagte Renzi am Mittwochabend bei einem Besuch in der Region. Es gehe um Lebensgeschichten, Menschen und Familien. „Es ist ein grenzenloser Schmerz.“

368 Verletzte und Kranke seien seit dem Morgen aus der Gegend der stark betroffnen Orte Amatrice und Accumoli weggebracht worden. Italien stehe nun solidarisch zusammen, um die grossen Herausforderungen nach dem Erdbeben zu meistern. Noch immer werden viele Personen vermisst. Die Chancen, sie lebend zu finden, sinken.

18:55 Uhr

Italiens Regierungschef Matteo Renzi hat die Erdbebenregion besucht. In dem besonders betroffenen Ort Amatrice traf er freiwillige Helfer, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Er besprach sich zudem mit Verkehrsminister Graziano Delrio und dem Chef des Zivilschutzes, Fabrizio Curcio. Offiziell äusserte er sich nicht. „Es ist nicht der Moment, um zu reden“, sagte Renzi zu Journalisten.

16:55 Uhr

(sda) Der Schweizer Bundespräsident Johann Schneider-Ammann drückte über Twitter sein Beileid aus. Die Schweiz sei nahe bei den Opfern des Erdbebens in Mittelitalien, schrieb er. Auch Papst Franziskus zeigte sich tief betroffen. Er finde kaum Worte, seinen grossen Schmerz auszudrücken, sagte er zu Beginn der wöchentlichen Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom.

16:15 Uhr

(ap) Das Erdbeben wurde nach Einschätzung eines Geologen durch die unterirdische Bewegung der afrikanischen Kontinentalplatte hervorgerufen. Der keilförmige Abschluss der Platte drücke in der Adria-Region gegen die eurasische Kontinentalplatte in Richtung des italienischen Apennin-Gebirges, erklärte der polnische Geologe Jerzy Zaba von der Schlesischen Universität in Kattowitz.

Nach Angaben des Wissenschaftlers bewegt sich die afrikanische Platte pro Jahr um etwa fünf Zentimeter. Wenn der dadurch aufgebaute Druck zwischen den Platten plötzlich freigesetzt werde, führe das zu unterirdischen Gesteinsbewegungen, die zu Erderschütterungen führen könnten, sagte Zaba der polnischen Nachrichtenagentur PAP.

16:04 Uhr

(afp) Die Zahl der Todesopfer ist auf mindestens 73 gestiegen. Das teilte der Zivilschutz des Landes mit. Es gebe noch zahlreiche Vermisste.

15:18 Uhr

(dpa) Für die Obdachlosen des Erdbebens in Mittelitalien sollen zwei Zeltstädte aufgebaut werden. Zunächst sollen in den Orten Pescara und Arquata del Tronto insgesamt an die 50 Zelte aufgestellt werden. Weitere Menschen sollten unter anderem in Sporthallen untergebracht werden, wie die Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf den Chef des Zivilschutzes der Region Marken, Cesare Spuri, mitteilte.

Nach ersten Schätzungen sind wahrscheinlich mehrere tausend Menschen ohne Unterkunft. Unter ihnen sind auch zahlreiche Touristen; die betroffenen Orte gehören teilweise zum Nationalpark Gran Sasso und Monti della Laga in den Abruzzen. Allein der Bürgermeister des Ortes Accumoli, Stefano Petrucci, sprach von 2500 Menschen ohne Dach über dem Kopf. Unter ihnen seien wohl etwa 2000 Menschen, die in dem Ort Urlaub machten. Es sei kein einziges Haus mehr bewohnbar, sagte Petrucci. Zelte seien dringend nötig. „Obwohl August ist, herrschen hier nachts zehn Grad.“

15:04 Uhr

(dpa) Die Zahl der Toten ist laut der Nachrichtenagentur Ansa auf mindestens 63 gestiegen. Allein in dem Ort Amatrice gebe es 35 Opfer, weitere 11 in Accumoli, schrieb Ansa unter Berufung auf ihre Korrespondenten. Tote gab es auch in Arquata und Pescara del Tronto. Weitere Menschen erlagen ihren Verletzungen im Spital. Die Zahl von 63 Toten wurde offiziell bisher nicht bestätigt.

14:37 Uhr

Die Region um Accumoli war schon mehrfach von verheerenden Erdbeben betroffen. Die geologische Erklärung ist einfach: Exakt unter der stiefelförmigen Halbinsel stossen zwei tektonische Platten aufeinander, die Afrikanische und die Eurasische. Italien liegt zur Hälfte auf einem regelrechten Sporn der afrikanischen Platte, die Bruchlinie zieht sich mitten durch das Festland. Die gigantischen Platten verkanten und verkeilen sich, dabei entstehen enorme Spannungen, die sich von Zeit zu Zeit ruckartig lösen – und die Erdoberfläche dadurch zum Beben bringen. An den Bruchlinien kommt es daher zu besonders starken Beben.

14:23 Uhr

(ap) Italien hat bei der EU Satellitenbilder des Erdbebengebiets angefordert. Das sagte der EU-Kommissar für humanitäre Hilfe und Krisenschutz, Christos Stylianides. Das Krisenzentrum der EU stehe mit den italienischen Zivilschutzbehörden in Kontakt, um Möglichkeiten zur Unterstützung in Erfahrung zu bringen.

14:19 Uhr

(ap) Mehrere ausländische Politiker kondolieren Italien und bieten Hilfe an. Die deutsche Kanzlerin Merkel drückte ihrem Amtskollegen Renzi in einem Kondolenztelegramm „das tiefe Mitgefühl des deutschen Volkes“ aus. Die Bilder der Verwüstungen seien schockierend, schrieb sie. Der deutsche Aussenminister Steinmeier erklärte, wenn Unterstützung gewünscht werde, sei Deutschland dazu bereit.

Auch der französische Staatspräsident Hollande bot Italien „all die Hilfe, die vielleicht nötig ist“ an. Er sprach von einer „schrecklichen Tragödie“.

13:53 Uhr

(apa) „Bisher gibt es keine Hinweise, dass Österreicher unter den Opfern sind“, sagt der Sprecher des Außenministeriums Thomas Schnöll zur APA. Die Botschaft in Rom stehe jedoch in ständigem Kontakt mit den italienischen Behörden, die einen Krisenstab gebildet hätten. Aus Anlass der Naturkatastrophe wies der Sprecher auf die Möglichkeit einer Reiseregistrierung beim Ministerium hin. Diese sei nicht nur bei Aufenthalten in „exotischen Gebieten“ hilfreich, sondern auch bei etwaigen Katastrophen im jeweiligen Urlaubsland. Zuvor registrierte Reisende können so im Fall des Falles vom Außenministerium kontaktiert werden.

13:41 Uhr

(sda) Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) hat derzeit keine Kenntnis von toten oder verletzten Schweizer Staatsangehörigen, wie es mitteilt. EDA-Vorsteher Didier Burkhalter stehe in Kontakt mit seinem italienischen Amtskollegen Paolo Gentiloni und habe ihm die Unterstützung der Schweiz angeboten.

13:26 Uhr

Die Rettungsarbeiten laufen auf Hochtouren, obwohl die von den Erdbeben betroffenen Bergdörfer für die Rettungskräfte nur schwer zugänglich sind.

13:19 Uhr

(dpa) Nach dem schweren Erdbeben wird auch das Kolosseum in Rom auf mögliche Schäden überprüft. Ein Krisenstab der archäologischen Aufsichtsbehörde kontrolliere, ob es an dem meistbesuchte Monument in Italien Schäden gebe, die man nicht auf den ersten Blick sehen könne, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa.

12:58 Uhr

Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi hat den Angehörigen der Opfer seine Trauer ausgesprochen. Gleichzeitig bedankte er sich bei allen Rettungskräften und freiwilligen Helfern, die sich mit blossen Händen darum bemühten, Verschüttete zu retten. Renzi will das Erdbebengebiet noch am Mittwochnachmittag besuchen.

12:42 Uhr

Absturzgefahr erschwert die Rettungsarbeiten. Häuser stünden an Hängen und Bergflanken, sagte der Leiter der bayerischen Bergwacht, Klemens Reindl, am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. „Die Rettungskräfte bewegen sich in einem Umfeld, das nicht nur wegen Trümmern schwierig ist, sondern auch durch das Gelände, das teilweise eben abrutsch- oder absturzgefährdet ist.“ In Amatrice sei das Krankenhaus zerstört oder schwer beschädigt worden.

12:38 Uhr

In Arquata del Tronto hat die Feuerwehr zwei Kinder aus den Trümmern befreit.

12:36 Uhr

Die EU bietet Italien Unterstützung an. „Die EU steht bereit zu helfen“, teilte Krisenmanagement-Kommissar Christos Stylianides am Mittwoch mit. Das Zentrum für die Koordination von Notfallmassnahmen stehe bereits in Kontakt mit den italienischen Behörden. Italien hat bereits die Nutzung des EU-Satellitenbilder-Dienstes EMS angefragt. Dieses wurde eingerichtet, um im Katastrophenfall die Lagebeurteilung zu erleichtern. Die Karten des „Copernicus Emergency Management Services“ (EMS) machen das Ausmass der Schäden sichtbar. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker schickte ein Kondolenzschreiben an den Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi.

12:30 Uhr

Das Erdbeben in Mittelitalien hat nach ersten Schätzungen mehrere Tausend Menschen obdachlos gemacht. Allein der Bürgermeister des Ortes Accumoli, Stefano Petrucci, sprach von 2500 Menschen ohne Dach über dem Kopf. Es sei kein einziges Haus mehr bewohnbar. „Wir müssen eine Zeltstadt für die gesamte Bevölkerung organisieren“, sagte Petrucci der Nachrichtenagentur Ansa zufolge. „Obwohl August ist, herrschen hier nachts zehn Grad.“

11:44 Uhr

Das Erdbeben fordert mindestens 37 Todesopfer. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters mit Bezug auf eine Sprecherin des Zivilschutzes.

11:30 Uhr

Das italienische Rote Kreuz hat Autofahrer dazu aufgefordert, die Via Salaria, die Hauptstrasse nordöstlich von Rom, zu meiden, damit die Rettungskräfte die am schlimmsten betroffenen Gebiete gut erreichen können.

10:56 Uhr

(ap) Papst Franziskus betet für die Erdbebenopfer. Bei seiner Generalaudienz auf dem Petersplatz sagte er, er sei vom Ausmass der Zerstörung, die in den Morgenstunden über Städte Umbriens hereingebrochen sei, überwältigt. Er wolle seinen Schmerz und seine Solidarität mit den Betroffenen ausdrücken.

10:36 Uhr

(dpa) Medien berichten von mindestens 21 Toten. Sechs der Opfer stammen aus dem Ort Accumuli, fünf aus Amatrice und zehn aus dem Ort Pescara del Tronto, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Es befänden sich jedoch noch viele Personen unter den Trümmern.

09:38 Uhr

(dpa) Der italienische Zivilschutz meldet mindestens 16 Todesopfer. Zehn Personen starben allein in Pescara del Tronto. Fünf Personen kamen nach Berichten in der Gemeinde Amatrice um, eine weitere in dem Ort Accumoli. Unter den Opfern sind auch Kinder. Helfer suchen in den von Trümmern zerstörten Häusern weiter nach Überlebenden.

09:05 Uhr

Das schwere Erdbeben hat mehrere Kinder verschüttet. In Pescara del Tronto konnte ein Junge gerettet werden. In Amatrice, dem am stärksten betroffenen Städtchen, halfen Ärzte einem verletzten sechsjährigen Zwilling aus den Trümmern. Der Bruder des Jungen sei noch verschüttet, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa.

Die bisherigen Ereignisse im Überblick

Die Zahl der Toten bei dem schweren Erdbeben am Mittwoch in Zentralitalien ist auf mindestens zehn gestiegen. In mehreren Orten wurden schwere Schäden gemeldet. Am stärksten betroffen waren Accumoli, Amatrice, Posta und Arquata del Tronto. Dicht besiedelte Gebiete schienen jedoch verschont geblieben zu sein, da sich das Beben in einer Bergregion ereignete, in der mehrere Nationalparks liegen.

Vom Erdbeben besonders betroffen war die Gebirgsregion Appennin. Mehrere Nachbeben hielten die Region in der Nacht in Atem.
Das Beben um etwa 3 Uhr 30 hatte nach Angaben des Geophysischen Instituts Potsdam eine Stärke von 6,1 und lag in zehn Kilometern Tiefe. Die US-Erdbebenwarte USGS sprach von 6,2, das Zentrum liege südlich der Stadt Norcia. Das genaue Zentrum lag laut Nachrichtenagentur Ansa bei Accumoli, ungefähr 150 Kilometer nordöstlich von Rom.

Der Bürgermeister der naheliegenden Bergortschaft Amatrice, Sergio Pirozzi, sagte dem Nachrichtensender RaiNews24: „Die Hälfte des Ortes gibt es nicht mehr. Die Menschen sind unter den Trümmern.“ Von einer vierköpfigen verschütteten Familie fehle jegliches Lebenszeichen. Strassen seien blockiert, der Strom sei ausgefallen. Eine Brücke, die nach Amatrice führe, sei teilweise eingestürzt. Der Bürgermeister der 2500-Einwohner-Gemeinde forderte Hilfe per Helikopter. Über die Opferzahl äusserte er sich noch nicht.

Ein Einwohner sagte dem Sender: „Alles ist kaputt.“ Pirozzi bat um schweres Gerät, um die von Schutt übersäten Strassen zu räumen und zu Verletzten vorzustossen. Auf die Frage nach möglichen Toten sagte er: „Sehen Sie, da gibt es keine Häuser mehr. Ich hoffe, dass wir Hilfe bekommen.“

Ein älteres Paar starb in dem Örtchen Pescara del Tronto in seinem Zimmer, berichtete Ansa unter Berufung auf die Polizei. Der Chef des Zivilschutzes habe ein Notfall-Komitee einberufen, teilte die italienische Regierung mit. Bei den Feuerwehren gingen zahlreiche Anrufe ein. In Norcia liefen Menschen auf die Strasse. In mehreren Orten wurden Schäden an Gebäuden gemeldet.

Vergleich mit L’Aquila

Der Chef des Zivilschutzes, Fabrizio Curcio, sprach von einem „schweren“ Beben, es sei vergleichbar mit dem in der Stadt L’Aquila im Jahr 2009. Damals kamen mehr als 300 Menschen ums Leben. Das jetzige Beben sei aber vermutlich weniger fatal, weil die Gegend nicht so stark bevölkert ist.

Mehrere Nachbeben folgten in der Nacht, auch in Rom schwankte gegen 4.30 Uhr erneut der Boden. Laut US-Erdbebenwarte hatte eines der Nachbeben die Stärke 5,5. Italien wird auf Grund seiner geografischen Lage immer wieder von Erdbeben erschüttert, oft auch schwerwiegenden.