Marco Di Lauro / AP

Schwierige Rückkehr ins zivile Leben: Ein Leben nach dem Jihad

von Beat Stauffer / 09.08.2016

Auf desillusionierte Jihad-Kämpfer hat in der Heimat niemand gewartet. Manchmal bleibt nichts anderes übrig, als die Kalaschnikow erneut in die Hand zu nehmen.

Als Abu Hamza al-Tunsi nach fast anderthalb Jahren aus den Kampfgebieten im nördlichen Syrien heimlich in seine Heimat Tunesien zurückkehrte, wollte er nur eines: zur Ruhe kommen. Das Abenteuer Jihad hatte er sich anders vorgestellt. Bei seiner Familie in einem Dorf in der Provinz Mahdia fand er Unterschlupf. Er habe seine Arbeit in Libyen und all sein Erspartes verloren, erzählte er den Eltern. Wortkarg und verschlossen lebte er in dem kleinen Dorf, schwemmte ab und zu sein Elend mit Bier hinunter, nahm Nacht für Nacht Beruhigungsmittel, um den Albträumen zu entfliehen. Nur ein paar enge Freunde wussten, dass Abu Hamza in Syrien gekämpft hatte.

Vor kurzem ist der knapp dreissigjährige Mann wieder nach Libyen gereist. Hat er vom Jihad noch nicht genug bekommen? Will er sich auf neue Einsätze vorbereiten? Weit gefehlt. Abu Hamza muss ganz einfach Geld verdienen. Doch wer will einen kriegserprobten, aber traumatisierten Kämpfer einstellen? Abu Hamza hat nie eine Berufsausbildung absolviert. So sind die Möglichkeiten beschränkt.

Nun hat er einen Arbeitgeber gefunden. Milizionäre in der westlibyschen Stadt Zuwara haben den früheren Jihadisten eingestellt. Zusammen mit einem Dutzend schwer bewaffneter Kumpel sichert er nun den illegalen Verlad von Erdöl aus einer nahe gelegenen Raffinerie. Italienische und türkische Tanker seien die Abnehmer, lässt sich Abu Hamza entlocken. „Harte Arbeit“, grummelt er ins Telefon. Aber irgendwie muss auch ein Jihadist, der den Weg ins Paradies nicht gefunden hat, die Kurve kriegen.

Es gäbe eine andere Rolle, die Abu Hamza auf den Leib geschneidert wäre: mitzuwirken an einer nationalen Kampagne, um Jugendliche über das wahre Gesicht des Jihad aufzuklären. Doch dafür steht in Tunesien kein Geld zur Verfügung, und die Behörden setzen ausschliesslich auf Repression. So muss Abu Hamza weiterhin das tun, was er am besten kann: mit seiner Kalaschnikow hantieren. Aus dem „Helden“, der in den gerechten Kampf zieht, ist ein Wachmann geworden.