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Q&A

Sechs Fragen zur Schlacht um Aleppo: Die doppelte Belagerung

von Christian Weisflog / 10.08.2016

Die Schlacht um Aleppo wogt derzeit hin und her. Wir klären in sechs Fragen den schwierigen Frontverlauf und die Hintergründe zu den Kämpfen.

Wer kämpft wo gegen wen?

Grundsätzlich hat sich das Grundmuster des Frontverlaufs in Aleppo in den vergangenen Monaten nicht wesentlich verändert. Die aufständischen Rebellengruppen kontrollieren den Ostteil der Stadt, während Asads Regimetruppen sowie die mit ihm verbündeten Hizbullah-Kämpfer aus Libanon und schiitische Milizionäre aus Iran, Irak und Afghanistan den Westteil halten. Im Umland von Aleppo ist die geografische Aufteilung der Gebiete indes gerade umgekehrt: Die sunnitischen Rebellen kontrollieren das Hinterland im Westen, das Regime die Gebiete im Osten. Ein Sonderfall indes ist der mehrheitlich von ethnischen Kurden bewohnte Stadtteil Sheikh Maksoud, der von den kurdischen Volksbefreiungseinheiten YPG beherrscht wird. Im Verlaufe des Krieges schlossen sich die Kurden nicht eindeutig einer der Konfliktparteien an. Je stärker der Einfluss der Islamisten in den Reihen der Rebellen wurde, desto schwieriger gestaltete sich indes das Verhältnis der Kurden zu den Aufständischen. Im Mai warf die Menschenrechtsorganisation Amnesty International islamistischen Rebellengruppen im Osten von Aleppo vor, Kriegsverbrechen gegen kurdische Zivilisten in Sheikh Maksoud zu begehen.

Wer belagert wen?

Seit dem Start der russischen Luftangriffe in Syrien im vergangenen September versuchen Asads Truppen im Norden von Aleppo vorzustossen, um die Versorgungsrouten der Rebellen zu kappen und den Belagerungsring zu schliessen. Wie Ärzte gegenüber Amnesty International berichteten, griffen die russischen Kampfjets dabei gezielt Spitäler sowie die Infrastruktur zur Strom- und Wasserversorgung an. Die Bewohner ganzer Dörfer sollten dadurch zur Flucht gezwungen werden, umso den Vormarsch der Regimetruppen zu ermöglichen. Mit der Hilfe von Tausenden von schiitischen Kämpfern aus Libanon, Iran, Irak, Afghanistan und Pakistan gelang es dem Regime schliesslich Mitte Juli, den Belagerungsring um Ost-Aleppo zu schliessen. Laut dem französischen Nahost-Experten Fabrice Balanche schlugen sich die Kurden dabei auf die Seite des Regimes. Von Sheikh Maksoud aus beschossen sie die Rebellen, welche die letzte Strasse aus Ost-Aleppo heraus zu verteidigten versuchten.

Als Reaktion darauf starteten die Rebellen indes eine erfolgreiche Offensive im Süden der Stadt. Am 6. August gelang es ihnen einen neuen Korridor in den Osten Aleppos zu öffnen. Theoretisch verfügen also sowohl das Regime als auch die Rebellen über einen Zugang zu den von ihnen kontrollierten Vierteln. Die beiden Verbindungen sind jedoch immer noch umkämpft und zu unsicher, um die knapp 300’000 Menschen im Osten sowie die 1,5 Millionen im Westen der Stadt zu versorgen. Faktisch befinden sich also beide Gebiete in einem Belagerungszustand.

Wie ist der Erfolg der Rebellen zu erklären?

Da Asad dank russischer und iranischer Hilfe zuletzt die Oberhand im Syrien-Krieg gewann, erscheint der Erfolg der Rebellen im Süden von Aleppo überraschend. Gesicherte Informationen über die Gründe dafür gibt es derzeit nicht. Wie Aktivisten und Diplomaten der „Financial Times“ berichteten, erhielten die Rebellen in den vergangenen Wochen indes verstärkte Geld- und Waffenlieferungen aus Saudiarabien und Katar. Dutzende von Lastwagen hätten die Ware über die Türkei nach Syrien gebracht, berichtet ein syrischer Aktivist. „Die Amerikaner wussten, was läuft, aber sie haben ein Auge zugedrückt, um Russland und Iran unter Druck zu setzen“, erklärte ein westlicher Diplomat der FT. In den Augen vieler Aktivisten und in den säkularen Teilen der syrischen Opposition wurde der Erfolg indes durch die Tatsache getrübt, dass er vor allem durch islamistische und jihadistische Kämpfer erreicht wurde, die sich mit Selbstmordkommandos den Weg durch die Verteidigungslinien des Regimes bahnten. Die Speerspitze bildeten die islamistische Ahrar al-Sham sowie die Jabhat Fatah al-Sham, die bis vor kurzem unter dem Namen Nusra-Front mit al-Kaida verbandelt war.

Wie ist die humanitäre Lage in Aleppo?

Laut der Uno gibt es in Aleppo für zwei Millionen Menschen seit vier Tagen kein fliessendes Wasser mehr. Da die Stromversorgung bei Angriffen zerstört wurde, sind auch die notwendigen Pumpen für die Wasserversorgung ausgefallen. Aufgrund der Hitze könnten vor allem Kinder durch verunreinigtes Wasser erkranken, warnt das Kinderhilfswerk Unicef. Weil vor allem durch Luftangriffe im Osten der Stadt gezielt Spitäler bombardiert würden, sei auch die Gesundheitsversorgung immer schwieriger, sagt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Die Uno hat deshalb eine „humanitäre Kampfpause“ von 48 Stunden für Aleppo gefordert, um Hilfe in die Stadt zu bringen sowie die Strom- und Wasserversorgung reparieren zu können. Die USA und Russland sollen derzeit darüber verhandeln, wie Hilfsgüter in die Stadt gebracht werden könnten. Die Situation der Menschen im Osten Aleppos sei „grotesk“ und auch im Westen der Stadt verschlechtere sie sich, sagte die amerikanische Uno-Botschafterin Samantha Power.

Warum flüchten die Menschen nicht?

Dafür gibt es wohl unterschiedliche Gründe. Einerseits ist es angesichts der anhaltenden Kämpfe gefährlich, die Stadt zu verlassen. Andererseits stellt sich für die Menschen auch die Frage, wohin sie flüchten können. Die Grenze in die Türkei ist derzeit geschlossen. Das Regime hat Ende Juli sogenannte „humanitäre Korridore“ eingerichtet und die Bevölkerung im Osten der Stadt aufgefordert, in den Westen zu fliehen. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte seien die Bewohner von den Rebellen indes gehindert worden, die Korridore zu benützen. Die russische Propaganda-Agentur „Ruptly“ zeigte trotzdem Bilder von der angeblichen Ankunft von 200 Flüchtlingen aus dem Osten Aleppos. Dort befinden sich die Menschen in einem schwierigen Dilemma. Die Not drängt sie zur Flucht, aber gleichzeitig wissen sie nicht, ob sie den Sicherheitsgarantien des Asad-Regimes trauen können.

Wie geht es weiter?

Es wäre natürlich zu wünschen, dass die neuerliche Pattsituation und die immense humanitäre Krise in Aleppo die Konfliktparteien nun endlich zur Vernunft bringen würde. Doch die bisherige Erfahrung in diesem Krieg lässt dieses Szenario als sehr unwahrscheinlich erscheinen. Umso mehr, als in die Rebellen nach dem erfolgreichen Durchbruch im Süden der Stadt sogleich wieder ankündigten, nun ganz Aleppo erobern zu wollen. Durch den erneut gewachsenen Einfluss der Islamisten auf Seiten der Opposition, scheinen die Friedensgespräche noch schwieriger geworden zu sein. Auch auf internationaler Ebene ist keine Einigung zwischen den Grossmächten in Sicht. Der Uno-Sicherheitsrat tagte am Dienstag, ohne einen Entschluss zu fassen. Russland und Iran scheinen derweil gemeinsam mit dem Regime die nächste Offensive in Aleppo vorzubereiten, um die Rebellen im Süden wieder zurückzuschlagen.