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Flüchtlinge

Serbischer Sonderweg in der Flüchtlingskrise

Gastkommentar / von Dejan Djokić / 28.10.2015

Die Flüchtlingskrise eröffnet Serbien – und dem Rest Europas – die Möglichkeit, endlich die dunklen Seiten seiner Geschichte hinter sich zu lassen. Ein Gastbeitrag von Dejan Djokić.Dejan Djokić ist Historiker und Direktor des Centre for the Study of the Balkans in Goldsmiths, University of London. Derzeit Humboldt-Forschungsstipendiat am Lehrstuhl für Südosteuropäische Geschichte der Humboldt-Universität zu Berlin. Aus dem Englischen von Jan Plamper.  

„Wait, the Serbs are now the good guys?“, titelte neulich die Brüsseler Ausgabe der Zeitschrift Politico und brachte damit das allgemeine Staunen über die vergleichsweise humane serbische Behandlung der Flüchtlinge zum Ausdruck. Freilich ist die Gesellschaft Serbiens nicht immun gegen Fremdenhass, freilich gibt es Übergriffe seitens der Bevölkerung und der Polizei. Insgesamt aber herrscht bei Beobachtern und Flüchtlingen der Eindruck vor, dass sich Serbien relativ human verhält – im Gegensatz zu den Regierungen (nicht unbedingt den Bevölkerungen) Ungarns, Kroatiens, Sloweniens und Mazedoniens. Woher der positive „serbische Sonderweg“?

Erklärungen greifen zu kurz

Zunächst das Offensichtliche: Serbien ist kein Fluchtziel, es ist Durchgangsstation auf der Balkanroute. Sollte Kroatien seine Drohung wahr machen und an der serbischen Grenze einen Zaun à la Ungarn errichten, stranden vermutlich Zehntausende Flüchtlinge in Serbien. Das könnte die Stimmung zum Kippen bringen, zumal Serbiens infrastrukturelle Kapazitäten schon jetzt am Limit sind.

Aber: Als Erklärung kann dies nicht ausreichen, denn für die Flüchtlinge sind Ungarn und Kroatien ebenfalls nur Transitländer, dennoch ist die Lage dort eine ganz andere. Warum? Weil Belgrads nördliche Nachbarn schon EU-Mitgliedstaaten sind, während der Aufnahmekandidat Serbien seine Zugehörigkeit zu Europa noch unter Beweis stellen muss?

Ministerpräsident Vučić wird von Karikaturisten gern als Merkels „Streber“ dargestellt, und sein unverhohlener Ehrgeiz, Serbien in die EU zu führen, hat ihn schon zu grossen Zugeständnissen veranlasst, etwa in der Kosovofrage. Es ist gut möglich, dass sich Vučić ähnlich wie die anderen Populisten in der Region verhalten würde, wäre Serbien schon EU-Mitglied.

Aber auch diese Erklärung und der Zusatz, dass die serbischen Medien weitgehend unter der Kontrolle der Regierung stehen, greift zu kurz. Als ich neulich in Belgrad war, wurde ich Zeuge spontaner, echter Solidarität mit den Flüchtlingen – ich war gerührt, das will ich nicht verhehlen. Die Gründe für diese Solidarität liegen tiefer. In keinem Land leben mehr Flüchtlinge der Jugoslawienkriege der 1990er Jahre als in Serbien. Die Vorfahren vieler Serben haben im Zweiten Weltkrieg selbst Flucht und Vertreibung erfahren. Seit Tito und der Blockfreien-Bewegung pflegt Belgrad traditionell gute Beziehungen zu nahöstlichen Arabern und den Muslimen im Allgemeinen, und seit der NATO-Bombardierung 1999 fühlt man sich in Serbien Ländern verbunden, die ebenfalls Objekte amerikanischer Militäraktionen wurden.

Elementare menschliche Solidarität

Die Serben sind weniger islamophob als oft angenommen – antialbanische, antibosnische und, weniger stark ausgeprägt, antitürkische nationalistische Tendenzen gibt es zweifellos, doch diese müssen aus ihren regionalen historischen Kontexten heraus verstanden werden.

Bestimmt spielt auch eine Rolle, dass die Serben endlich einmal die „good guys“ spielen können – zumal, wenn dabei die Kroaten als Schurken dastehen. Ausserdem haben Minister und Teile der Öffentlichkeit die Flüchtlinge zur Lösung der demografischen Krise des überalterten, entvölkerten Serbien ins Gespräch gebracht.

Schliesslich gibt es viel Personal aus den Flüchtlingslagern der neunziger Jahre, das später arbeitslos wurde. Želimir Žilniks Film „Logbook Serbistan“ zeigt eindrücklich, wie diese professionellen Helfer nun wieder gebraucht werden: Sie funktionieren die sozialistischen Erholungsheime zum zweiten Mal um, indem sie Geflüchteten – nun aus Nahost und Afrika – Essen, Kleidung und medizinische Versorgung bereitstellen.

Kurz: Eine Mischung aus elementarer menschlicher Solidarität mit spezifisch serbischen historischen und gesellschaftlichen Faktoren hilft, die bisher vergleichsweise humane Flüchtlingspolitik in Serbien zu erklären. Belgrads Behauptung, es sei, ganz im Gegensatz zu so manchem EU-Mitglied, ein Hort „europäischer Werte“ geworden, stimmt so nicht. Europas – und Serbiens – Geschichte ist voller Xenophobie und ethnischer Gewalt, voller Mauern und Zäune, und zwar sowohl echter wie imaginierter.

Dass es heute in Europa erstaunt, dass sich ausgerechnet Serbien, der ewige „bad guy“, in der Flüchtlingskrise human geriert, hat auch etwas mit der Langlebigkeit nationaler Negativ-Stereotype zu tun.

Die Flüchtlingskrise eröffnet Serbien – und dem Rest Europas – die Möglichkeit, endlich die dunklen Seiten seiner Geschichte hinter sich zu lassen. Hoffen wir, dass diese Möglichkeit genutzt wird: nicht nur um der Flüchtlinge willen.