AFP / Robert ATANASOVSKI

Flüchtlinge in Griechenland

Skrupellose Geschäfte mit Flüchtlingen

von Elisa Hübel / 23.02.2016

Mazedonien hat die Grenze zu Griechenland für Flüchtlinge aus Afghanistan geschlossen. 40.000 von ihnen sind seit Anfang des Jahres in den Schengenraum gelangt, berichtet NZZ-Korrespondentin Elisa Hübel aus Athen.

Der junge Mann starrt ins Nichts. Er zittert vor Angst und Wut – und aus Unverständnis. Zusätzlich bläst ihm ein kalter Nordwind ins Gesicht. Hinter ihm spielen ein paar Kinder im Dreck. Der Mann kommt aus Afghanistan, er heißt Alam und ist 20 Jahre alt. Erst vor wenigen Tagen ist er von der türkischen Küste übers Meer auf die griechische Insel Mytilini gelangt. Von dort ging es mit einem Passagierschiff nach Piräus und anschließend mit einem Bus nach Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze. Er plante, über die „Balkanroute“ nach Deutschland zu gelangen. Doch jetzt sitzt er in Idomeni fest.

Das Dorf Idomeni

Die Regierung in Mazedonien hat am Sonntag kurzerhand beschlossen, nur noch Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak über die Grenze zu lassen. Vorangegangen war eine ähnliche Entscheidung Serbiens. Nicht nur die Registrierungspapiere, die diese Menschen von den griechischen Behörden erhalten haben, sondern auch ein Personalausweis oder ein Pass sind für die Weiterreise nötig. Über solche Dokumente verfügen viele nicht – weil sie auf der Flucht verloren gegangen oder gestohlen worden sind, wie die Erklärung häufig lautet.

So sitzen am Montag mehr als 2.000 Flüchtlinge und Immigranten neben den Zuggleisen beim 150-Seelen-Ort Idomeni auf der griechischen Seite der Grenze fest, direkt neben einem Stacheldrahtzaun. Die Registrierung geht aufgrund der strengeren Regeln nur sehr schleppend voran: Zirka 100 Personen werden pro Stunde abgefertigt. Alam fragt mit Tränen im Gesicht: „Warum sagen sie erst jetzt, dass ich nicht weiterreisen kann? Warum so kurzfristig, ohne Vorwarnung?“ Und er hat noch eine andere Frage: „Was soll ich jetzt machen?“

Auf diese Fragen weiß auch der griechische Minister für Migration keine Antwort: Jannis Mouzalas erklärt in einem Fernsehinterview, dass die jüngste Entwicklung überraschend für ihn gekommen sei. Vereinbarungen mit den EU-Partnern würden dadurch verletzt.

Die provisorische Siedlung bei Idomeni, wo sich die Ankömmlinge stauen, ist für so viele Menschen zu klein: Sie besteht nur aus ein paar großen weißen Zelten. Diese sind beheizt, was bitter nötig ist, denn ein kalter Wind bläst von den schneebedeckten Bergen im Norden herab über die Ebene. Zwei der großen Zelte sind für die Nacht vorgesehen, darin stehen zwei Dutzend kleinerer grüner Zelte. Jedes einzelne von ihnen kann zwei Erwachsene samt Kleinkindern aufnehmen. In etwas kleineren, ebenfalls beheizten Zelten schlafen bis zu acht Menschen in Schlafsäcken auf Holzpaletten. Wer Glück hat, ist hier untergekommen.

Tankstelle als Siedlung

Afghanische Migranten marschieren zur mazedonischen Grenze.

Credits: Alexandros Avramidis / Reuters

Seit Sonntag, als sich die Flüchtlinge zu stauen begannen, werden auch einfache Campingzelte aufgestellt. Wer einen Schlafsack hat, hütet ihn wie ein Kleinod. Nachts sinken die Temperaturen draußen auf null. Für Verpflegung sei vorerst gesorgt, erklären Ärzte ohne Grenzen. Doch ehrenamtliche Helfer suchen händeringend nach warmer Kleidung für alle: Pullover, Jacken, Hosen, Schuhe und Socken sind gefragt.

Etwa 20 Kilometer von Idomeni entfernt ist eine Tankstelle zu einer weiteren provisorischen Siedlung umfunktioniert worden. Hier stehen mehrere beheizte weiße Zelte und etwa fünf Dutzend Reisebusse. In der Tankstelle brummt das Geschäft. Ein Sandwich mit Hendlfleisch kostet hier drei Euro, eine Tasse Tee einen Euro. Die Preise stehen an der Wand auf Griechisch, Englisch und Arabisch. 3.000 Menschen haben sich hier am Montag angesammelt. Viele von ihnen haben versucht, die Strecke nach Idomeni zu Fuß zurückzulegen: mit dem Gepäck auf dem Rücken, ihre Babys in den Armen und dahinter die anderen Kinder. Es war ein paradoxes Bild: Überall am Straßenrand wurden Jacken und andere Kleidungsstücke zurückgelassen, die ihre Besitzer zu diesem Zeitpunkt vermutlich als Ballast empfanden. Polizeiautos sorgten an einigen Kreuzungen dafür, dass die Flüchtlinge nicht weiter nach Idomeni marschieren konnten. So liefen die meisten gesenkten Hauptes wieder zurück zur Tankstelle.

In Idomeni fragten sich derweil die Einwohner, warum die Flüchtlinge von den Inseln Chios und Mytilini mit Schiffen nach Piräus bei Athen gebracht werden und nicht gleich nach Thessaloniki. Die Entfernung von den Ägäis-Inseln zu den beiden Großstädten ist etwa gleich. Der große Unterschied ist, dass Thessaloniki nur eine Autostunde von Idomeni entfernt liegt. Von Piräus aus dauert die Anfahrt über die Nationalstraße sechs, sieben Stunden. Im Normalfall. Gegenwärtig sieht es anders aus: Die griechischen Bauern protestieren seit Wochen gegen eine geplante Steuer- und Rentenreform. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, blockieren sie Verkehrsknotenpunkte. Die Reise nach Idomeni kann unter diesen Umständen gut 12 Stunden dauern – und länger.

Wer lange unterwegs ist, muss auch essen und trinken. Die Busreise allein kostet von Piräus aus 50 Euro. Für ein Hauptgericht an einer Raststätte sind etwa acht Euro zu bezahlen. Und von Flüchtlingen wird gerne ein Aufschlag verlangt – wenn keine Speisekarte über die korrekten Preise informiert.

Die Masse der Ankömmlinge ist für skrupellose Geschäftemacher einträglich. Allein am Montag warteten etwa 4.000 Flüchtlinge am Pier von Piräus auf die Weiterfahrt. Die Bustickets nach Idomeni hatten sie bereits auf den Inseln erworben. Doch wegen der Befürchtung, dass sich im Grenzort zu viele Flüchtlinge anstauen könnten, wurde der Busverkehr dorthin vorerst untersagt. Den Betreffenden blieb nichts anderes übrig, als mit der Elektrobahn nach Athen zu fahren. Die Wohlhabenderen mieteten sich Hotelzimmer, andere campierten am zentralen Viktoria-Platz.