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Sicherheit

So schlecht schnitt der Brüsseler Flughafen bei Sicherheitstests ab

von Christine Brand / 03.04.2016

Nach der Gepäckkontrolle wähnen sich die Flugpassagiere in Sicherheit. Doch Tests an Flughäfen bringen krasse Mängel an den Tag. Besonders schlecht schneidet der Airport Brüssel ab.

Jeder kennt das Prozedere: In der Schlange stehen, die ins durchsichtige Säckchen abgefüllten Flüssigkeiten aus dem Handgepäck klauben, Laptop auspacken, Gürtel ausziehen, Schuhe abstreifen, alles in die Plastikbecken legen, durch den Metalldetektor schreiten oder sich – Arme hoch – in den Nacktscanner stellen, allenfalls abgetastet werden und, immer öfter, das Gepäck oder die Hände mit einem Schnelltest auf Sprengstoff untersuchen lassen. All das lässt man ohne zu murren über sich ergehen. Dafür darf man sich hinter der Sicherheitskontrolle auf dem Flughafen sicher fühlen.

Sicherheitstests zeigen Lücken

Das meint man zumindest. Doch der Eindruck täuscht. Kontrollen bringen immer wieder Sicherheitslücken an den Tag. Auch in Europa. Ein Flughafen, der in einem Test besonders schlecht abgeschnitten hat, ist der Flughafen Brüssel Zaventem – nur wenige Monate vor dem Terroranschlag vom 22. März, der außerhalb der Sicherheitszone verübt worden ist. Aufhorchen ließ bereits ein Vorfall im Jahr 2013, als acht Männer den Sicherheitszaun des Flughafens aufschnitten, mit Lieferwagen aufs Rollfeld fuhren und Diamanten im Wert von über 40 Millionen Franken raubten, die gerade in ein Flugzeug geladen werden sollten. Diesen Januar nun hat eine belgische Gewerkschaft Resultate eines Sicherheitstests publiziert, der eklatante Mängel am Flughafen Brüssel aufdeckte: „Jeder zweite gefährliche Gegenstand im Handgepäck – von der Waffe bis zur Bombe – hat die Sicherheitskontrolle demnach unentdeckt passiert“, sagt Christina Schori-Liang, Terrorismus-Expertin am Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik. Zudem wurde festgestellt, dass sich Personen an der Sicherheitsschleuse vorbeischmuggeln konnten. Und es wurden Löcher im Sicherheitszaun um das Gelände entdeckt.

„Ich war sehr überrascht von den Resultaten“, sagt Christina Schori-Liang. Auch wenn sie sich schon immer gewundert habe, wie das Handgepäck so schnell kontrolliert werden könne. Denn das Erkennen von Gegenständen auf dem Monitor, der das durchleuchtete Gepäck zeigt, ist anspruchsvoll. Schori-Liang ortet das Problem darin, dass der Flughafen Brüssel privatisiert worden ist. Ziel des Betreibers sei es, Kosten zu sparen – und Zeit: Damit den Passagieren möglichst viel Zeit in der Einkaufszone bleibe, um Geld auszugeben. „Profit triumphiert über Sicherheit“, sagt Schori-Liang. Ein weiterer Punkt, den sie kritisiert: Die Sicherheitsüberprüfungen der Angestellten seien so large, dass diese ihre Arbeit ohne abgeschlossene Tests beginnen könnten.

Polizei droht mit Streik

Genau das und vieles mehr kritisiert auch die „Police fédérale“, die nationale Polizei Belgiens. Die Polizei vermutet, dass bis zu 50 Sympathisanten des Islamischen Staates am Flughafen Brüssel arbeiten. Sie habe schon mehrmals auf dieses Problem hingewiesen, ohne dass etwas passiert sei. Rund hundert der fast 400 Polizeibeamten, die am Flughafen Dienst tun, haben diese Woche ihren Frust über die Sicherheitsmängel in einem offenen Brief kundgetan. Am Tag der Attentate sei eingetreten, was sie seit langem befürchtet hätten. Denn sie müssten unter schlechten Bedingungen arbeiten, unter Bedingungen, die längst hätten verbessert werden müssen. „Dieser Brief ist Ausdruck der Frustration der Polizisten an vorderster Front angesichts der schlechten Geschäftsführung, und er ist ein Hilfeschrei: Es muss mehr für die Sicherheit unserer nationalen Flughäfen getan werden.“

Die Beamten drohten mit Streik, falls sich nichts ändere, und nahmen in Kauf, dass der Flughafen seinen Betrieb nicht wieder aufnehmen kann. So weit wird es nicht kommen: Am Freitagabend hat Innenminister Jan Jambon den Gewerkschaften versprochen zu reagieren. Neu sollen Passagiere bereits beim Betreten des Flughafens kontrolliert werden. Die Nummern der Autos auf dem Gelände werden künftig gescannt und mit Dateien abgeglichen. Auch werden auf den Parkplätzen Kontrollen durchgeführt. Die Regierung stellt zwei Millionen Euro für zusätzliche technische sowie personelle Mittel zur Verfügung. Bedenklich ist, dass erst der Widerstand der Gewerkschaften die Regierung zum Handeln brachte.

Brüssel ist kein Einzelfall. In den USA nahm 2015 der Chef der Transportsicherheitsbehörde den Hut, nachdem das Department für Innere Sicherheit bei einer Untersuchung auf mehreren Flughäfen krasse Mängel aufgedeckt hatte: So konnten 67 von 70 Testpersonen Waffen oder Sprengstoff durch die Sicherheitschecks schmuggeln – das macht eine Fehlerquote von 95 Prozent. Auch an deutschen Flughäfen, in Düsseldorf und Frankfurt am Main, brachten Tests Sicherheitslücken zutage. Ende 2014 berichteten deutsche Medien über ein als geheim eingestuftes Papier der EU-Kommission. Deren Prüfern war es in jedem zweiten Versuch gelungen, Waffen oder gefährliche Gegenstände durch die Sicherheitskontrolle zu schleusen. Als Hauptgrund wurde das schlecht geschulte Personal der beauftragten Sicherheitsfirma genannt.

Es gibt keinen zu 100 Prozent sicheren Flughafen. Außer es ist ein geschlossener Flughafen.

Philip Baum

Am Flughafen von Genf wurde nach den Anschlägen in Paris im letzten November der Risikofaktor Flughafenpersonal zum Thema: 50 Mitarbeiter, vor allem aus dem Gepäck- Bereich, wurden per sofort entlassen. 48 von ihnen waren muslimischen Glaubens. Einige wehrten sich gegen die zum Teil wohl nicht gerechtfertigten Kündigungen. Am Flughafen Zürich müssen Mitarbeitende laut Sprecherin Raffaela Stelzer einen Strafregisterauszug vorweisen und ein Online-Training mit Prüfung absolvieren. „Für sicherheitskritische Funktionen lassen wir einen zusätzlichen Hintergrund-Check machen“, sagt Stelzer. Zudem passieren alle Mitarbeitenden beim Übertritt in den Sicherheitsbereich eine Kontrolle analog derjenigen für Passagiere.“ Auch außerhalb der Sicherheitszone wurde die Polizeipräsenz am Flughafen Zürich erhöht, und es werden auf dem Areal stichprobenmässig Kontrollen durchgeführt.

Mehr Personal und mehr Hunde

Das ist laut dem britischen Luftfahrtsicherheitsexperten Philip Baum der bessere Weg, als die Sicherheitskontrolle in den Eingangsbereich eines Flughafens vorzuverlegen, wie es nun in Brüssel geschehen soll. Denn ein Problem dieser Sicherheitskontrolle sei ihre Vorhersehbarkeit. „Der Sicherheitscheck ist an einem Punkt, man kann sich darauf vorbereiten“, schreibt Baum in einem Essay. Er plädiert stattdessen dafür, mehr gut geschultes Personal und auch Sprengstoff-Hunde im öffentlichen Bereich und auch schon in den Zügen zu den Flughäfen einzusetzen. Wer sich ungewöhnlich verhalte, müsse gezielt kontrolliert und befragt werden. „Das Sicherheitspersonal muss beweglich sein.“ Gleichzeitig stellt Philip Baum klar: „Es gibt keinen zu 100 Prozent sicheren Flughafen. Außer es ist ein geschlossener Flughafen.“