Allein der Tourismus meistert die Krise

von Panagis Galiatsatos / 03.03.2015

Der Bausektor als ehemaliger Wachstumsmotor Griechenlands leidet am stärksten unter den wirtschaftlichen Verwerfungen, berichtet Panagis Galiatsatos aus Athen.

Die griechische Wirtschaft ist eine Dienstleistungswirtschaft; der tertiäre Sektor hat in der vergangenen Dekade konstant über 75 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes beigesteuert. Dienstleistungen spielen seit Jahrzehnten eine dominante Rolle für Griechenland. Traditionell stützt sich die chronisch defizitäre Leistungsbilanz des Mittelmeerstaates auf Erträge des Tourismus und der Handelsschifffahrt.

Die beiden Wirtschaftszweige sind noch immer wichtig für Griechenland. Der Tourismus ist der wichtigste Wirtschaftszweig überhaupt; 2014 steuerte er 17 Milliarden Euro zum Bruttoinlandprodukt (BIP) bei, was einem Anteil von 9,5 Prozent entspricht. Doch auch der Tourismus erlebte infolge der Krise einen Einbruch der Umsätze. Er konnte sich aber dank einer aggressiven Preispolitik der Hoteliers kräftig erholen. In den vergangenen zwei Jahren eilte die Tourismuswirtschaft wieder von Rekord zu Rekord; 2014 stieg das Touristenaufkommen um 22 Prozent auf 22 Millionen Besucher. Die direkten Einnahmen stiegen um 11,3 Prozent.

Die aggressive Preispolitik der Hoteliers hängt mit der 2012 vom Konsolidierungsprogramm verordneten Senkung des Mindestlohns um 22 Prozent zusammen, wenngleich Politiker, Gewerkschaftsfunktionäre und Ökonomen dies stets verneinen. Der Zweig ist der größte griechische Arbeitgeber; laut einer Studie des Instituts für Industrie- und Wirtschaftsforschung (IOBE) werden im Tourismus direkt und indirekt 446.000 Menschen beschäftigt.

Vor der Krise war der Motor der griechischen Wirtschaft jedoch der Bau. Im Jahr 2006 steuerte er 7,8 Prozent zum BIP bei und stellte 8,8 Prozent aller Arbeitsplätze im Land. Die Branche boomte seit Mitte der 1990er Jahre dank großer Infrastrukturprojekte wie dem neuen Athener Flughafen, der Metro in Athen, der neuen Autobahn sowie aufgrund der Olympischen Spiele von 2004. Die Euphorie dauerte bis Mitte der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts, auch dank der Einführung des Euro, der die Baukredite enorm verbilligte. Zehntausende Griechen verschuldeten sich bis zum Hals, um eine eigene Wohnung zu kaufen oder in eine bessere umzuziehen. Auch dieser Boom stieß aber 2006 an Grenzen; die Umsätze der Branche stagnierten bereits zwei Jahre vor Einbruch der Krise. Diese Krise traf den Bau mit voller Wucht. Der Anteil der Bauwirtschaft am BIP fiel auf 2,2 Prozent; in der Branche gingen 250.000 Jobs verloren. Der Immobilienmarkt brach zusammen. Die Bauunternehmer sitzen noch immer auf 200.000 Wohnungen, die nicht verkauft werden können. Dies hat stark negative Folgen auch für den Bankensektor, was überall in der Wirtschaft spürbar ist.

Der Grund: Seit Mitte der 1990er Jahre orientierte sich die Reformregierung von Kostas Simitis an einem Wachstumsmodell, in dem die Banken als Nervenzentrum agierten; sie sollten die Branchen und Investitionen auswählen und prämieren, die für Wachstum zu sorgen hatten. Zu diesem Zweck wurde der Sektor, der vom Staat kontrolliert wurde und sehr träge war, modernisiert. Rund zehn Jahre lang rollte eine Welle von Privatisierungen und Fusionen. Die Banken übernahmen aggressive Marketingmethoden und expandierten ins benachbarte Ausland. In der Krise litt der Sektor zunächst wegen seiner Belastung durch griechische Staatsanleihen, was eine 42 Milliarden Euro schwere Rekapitalisierung der Banken mit EFSF-Hilfe nötig machte. Inzwischen ringen die Banken aber mit faulen Krediten von 78 Milliarden Euro, von denen ein Drittel mit dem Bau zusammenhängen. Die Banken gewähren keine neuen Kredite mehr, seit 2011 schrumpft das Kreditvolumen um drei Prozent jährlich. Der Liquiditätsengpass stellt das größte Problem dar für die robusten Branchen der eher bescheidenen Industrie (20 Prozent der Wirtschaftsleistung), wie beispielsweise die Pharmaindustrie, die jährlich 2,8 Milliarden Euro erwirtschaftet, oder die Aluminiumindustrie, die jährlich mit 1,5 Milliarden Euro zu Griechenlands Exporten beiträgt.