Österreicher zum Brexit

„Sonst gehen wir halt woanders hin“

von Moritz Moser / 23.06.2016

Großbritannien ist für die Österreicher nach Deutschland das Auswanderungsziel Nummer zwei in der EU. Etwa 25.000 Landsleute leben im Vereinigten Königreich. Dem möglichen Brexit sehen sie gelassen entgegen.

Man sei definitiv gegen den Brexit, sagt Daniela Pillhofer vom kürzlich in London eröffneten Lokal „Newcomer Wines“ allerdings fürchte man sich auch nicht vor einem Austritt Großbritanniens aus der Union.

Die ZiB2, ATV und die Kronenzeitung waren schon hier, um sich Stimmungsbilder vom österreichischen Startup zu holen. Man importiert Weine aus Österreich. Dass ein EU-Austritt Großbritanniens die Nachfrage schmälert, muss man nicht befürchten.

Am Abend vor der Abstimmung über die Zukunft des Vereinigten Königreiches im vereinten Europa wird im Lokal das Länderspiel Österreich gegen Island übertragen. Viele junge Auslandsösterreicher fiebern, letztlich vergebens, mit der Nationalelf um den Einzug ins Achtelfinale mit. „Wir müssen uns nicht fürchten.“ meint einer von ihnen. Die Österreicher in London seien grundsätzlich hoch qualifiziert, die Briten hätten kein Interesse daran sie loszuwerden.

Stadt-Land-Konflikt

Fabian Flatz und Michael Riedler leben und arbeiten seit einiger Zeit in London. Die beiden Vorarlberger planen die Gründung ihres eigenen Internet-Startups. Dem möglichen Brexit sehen sie mit gemischten Gefühlen entgegen. So wirklich daran glauben wollen sie kaum.

Vor allem die Startup-Szene lebe davon, junge und qualifizierte Talente aus der EU anzuziehen, sagt Riedler. Die britische Regierung bemühe sich seit einiger Zeit intensiv darum vor allem innovative Unternehmen im Finanzbereich anzuziehen. Sollte Großbritannien aus der Union austreten, könnten sich diese auch auf den Kontinent, beispielsweise nach Berlin verlagern.

Darin, dass die Brexit-Debatte sehr emotional geführt wird, sind sich die jungen Österreicher in London einig. Das Vertrauen in die Politik nehme immer mehr ab, beide Seiten hätten durch übertriebene Warnungen an Vertrauen verloren. Immer wieder fallen Vergleiche mit populistischen Tendenzen in der Heimat.

Die Situation erinnere ihn stark an die Bundespräsidentenwahl in Österreich, sagt auch ein Tourist aus Wien. Gut gebildete junge Menschen in den Städten hätten auch hier grundsätzlich andere Interessen als die ältere Landbevölkerung. Die Brexit-Kampagne befeuere man, wie die Politik der FPÖ, mit Ressentiments gegen Ausländer.

Dass sich die Bevölkerung in London gegen den Austritt stellen wird, bezweifelt unter den Auslandsösterreichern niemand. Am Land sehen man aber nur Plakate der Brexit-Befürworter, erzählt ein Österreicher. Er arbeitet für die Europäische Union, die ihren Mitarbeitern in London sogar verboten hat, mit Medien über das Thema Brexit zu sprechen.

Ein kleiner Schmerz für Österreich

„Österreich hat immer wieder klargemacht, dass es sich eine Europäische Union ohne Großbritannien nicht vorstellen kann“, erklärt der österreichische Botschafter in London, Martin Eichtinger. „Wir hoffen, dass sich die Briten für einen Verbleib entscheiden, respektieren aber natürlich in jedem Fall ihre Entscheidung.“

Derzeit engagieren sich 240 österreichische Unternehmen mit einem Investitionsvolumen von etwa 6,5 Milliarden Euro auf dem britischen Markt.

Martin Eichtinger, österreichischer Botschafter in London

Die wirtschaftlichen Auswirkungen eines britische EU-Austritts auf Österreich wären überschaubar, aber dennoch unangenehm. Vom etwa zehn Milliarden Euro betragenden Handelsvolumen entfallen ca. sechs Milliarden auf österreichische Exporte. Die heimische Wirtschaft würde durch den Brexit maximal um 0,18 Prozent schrumpfen, hat die Wirtschaftskammer berechnet.

Schaden würde der Austritt wohl vor allem dem Tourismus. Der zu erwartende empfindliche Einbruch des Pfunds würde nicht nur die österreichischen Exporte, sondern auch die britischen Reisen nach Österreich verteuern. Das wäre besonders deshalb bedauerlich, da die Nächtigungszahlen aus dem Vereinigten Königreich zuletzt um etwa zehn Prozent jährlich gewachsen sind.
„Die Auswirkungen eines möglichen Brexit auf das Leben der Österreicher im Vereinigten Königreich ist noch nicht wirklich abschätzbar“, erklärt Botschafter Eichtinger gegenüber NZZ.at. „Das hängt unter anderem von allfälligen Verhandlungen über ein Nachfolgeabkommen und von der Frage ab, wie die Personenfreizügigkeit darin geregelt werden würde.“

Schaumamal

Aus dieser Perspektive betrachten auch viel Auslandsösterreicher das Referendum. Immerhin werde Großbritannien nicht schon am Freitag die Union verlassen, heißt es. Alles andere hänge vom Folgeabkommen mit der EU ab.

Ob diese allerdings ein Interesse an einer entgegenkommenden Behandlung der Briten haben dürfte, ist fraglich. Immerhin könnte der Brexit auch Vorbildwirkung auf andere EU-Mitgliedsstaaten haben. Manche warnen vor einer zu sanften Behandlung. Die Skepsis gegenüber der europäischen Politik dürfe nicht dazu führen, dass immer mehr Mitgliedsstaaten über den Austritt nachdächten, meint auch Daniela Pillhofer.

Viele junge Österreicher in London befürchten, dass durch einen britischen EU-Austritt die europäische Idee an sich gefährdet sein könnte. Beiden Seiten schüren im Wahlkampf irrationale Ängste um mögliche Konsequenzen eines Austritts oder Verbleibs. Die Brexit-Kampagne hat auch der Glaubwürdigkeit der britischen Politik insgesamt geschadet.

Die Argumente seien zum Teil völlig irrational, befindet auch Fabian Flatz. Er hat mit seiner Freundin die Brexit-Debatte im BBC-Studio mitverfolgt. Insbesondere im Hinblick auf das Thema Einwanderung sei man weit von einer sachlichen Debatte entfernt. Das Paar spiegelt die britische Ambivalenz zur Immigration wider: Die Australierin darf als Bürgerin des Commonwealth, im Gegensatz zum Österreicher, an der Abstimmung über den EU-Verbleib teilnehmen.

Ob Flatz und Riedler trotz des Brexit an der Gründung ihres Startups festhalten werden? Der Austritt werde, so er denn Zustimmung finde, effektiv wohl noch einige Zeit dauern, meinen beide. So habe man genug Zeit zum Nachdenken. Er glaube zwar nach wie vor nicht an einen Brexit, meint Fabian Flatz, aber: „Sonst gehen wir halt woanders hin“.


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