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Spaniens Mühen mit seiner Geschichte: Frieden – aber kein Vergessen

von MartinM / 16.08.2016

Die Geschichte von Bürgerkrieg und Diktatur ist in Spanien noch immer mit einem Tabu behaftet. In Katalonien jedoch wird die Aufarbeitung vorangetrieben.

Der 19. Januar 1938 hat sich für immer in das Gedächtnis von Alfons und Antoni Cànovas La Puente eingeprägt. Zweieinhalb Jahre seit dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs (17. Juli 1936 bis 1. April 1939) hatten sich die beiden Brüder, die heute 98 und 96 Jahre alt sind, nicht gesehen. Jeder kämpfte in einer anderen Einheit aufseiten der Republikaner gegen die vorrückenden Truppen des Generals Francisco Franco. In der Schlacht am Ebro, der letzten Offensive der republikanischen Regierung, führte sie das Schicksal an diesem Tag zufällig zusammen. Nach der langen Trennung fielen sie sich in die Arme. Doch das Schicksal liess ihnen wenig Zeit zur Freude.

Genau am gleichen Tag um die Mittagszeit bombardierten die Flugzeuge der Achsenmacht Italien die Mittelmeermetropole Barcelona, die es bis dahin geschafft hatte, den Faschisten erbitterten Widerstand zu leisten. Der Vater der beiden Brüder starb durch eine Bombe, als er sich gerade um den Garten der Familie in der Barceloneta kümmerte. „Es war der schwerste Luftangriff, dem die Stadt mit ihren vielen Luftschutzbunkern bis dahin ausgesetzt gewesen war. Wo sich heute die Touristen tummeln, lebten früher arme Leute, aber immerhin hatten wir ein Häuschen und einen Garten“, sagt Alfons.

Gespaltene Gesellschaft

Der Bürgerkrieg war das schlimmste Ereignis, das Spanien im zwanzigsten Jahrhundert erlitt. Er teilte die Nation in Sieger und Besiegte, in zwei Lager, die sich bis heute unversöhnlich gegenüberstehen. Neben dem Vater von Alfons und Antoni starben bei diesem Angriff weitere 170 Menschen, sie zählen zu den 500 000 Opfern, die das spanische Drama auf beiden Seiten forderte; die Opferzahlen sind umstritten. Der Blutzoll war enorm, wenn man bedenkt, dass Spanien damals nur 25 Millionen Einwohner hatte.

„Wir waren seinerzeit erst achtzehn und sechzehn Jahre alt, völlig unpolitisch, aber wir spürten, dass unsere Republik und unser rechtmässig gewählter Präsident Unterstützung brauchten“, so Antoni, der sich später der Sozialistischen Jugend anschloss und nach dem Bürgerkrieg eine Zeit im Konzentrationslager von Argelès-sur-Mer in Frankreich verbrachte.

Alfons und Antoni waren die Ehrengäste bei den Feierlichkeiten am 80. Jahrestag des Beginns des Bürgerkriegs, mit denen die Stadt Barcelona der 70 000 Opfer gedenkt, die allein in Katalonien ums Leben kamen. Riesige Banner mit der Fotografie einer republikanischen Kämpferin vor dem Hintergrund der Stadt, ein Werk des deutschen Fotografen Hans Gutmann, sind an emblematischen Stellen der Stadt aufgespannt, sie tragen den Schriftzug: „Jo vull la pau – pero no vull l’oblit“ (Ich will den Frieden, aber ich will nicht vergessen).

Freiwillige Archäologen und Forensiker legen die Gebeine von Franco-Opfern in einem Massengrab bei El Estepar frei. (Bild: AP)

Die Neunte erklingt wieder

In Katalonien und insbesondere in Barcelona erhält die Aufarbeitung der jüngsten spanischen Geschichte breiten Raum. Das Memorial Democràtic befasst sich als Dokumentationsstelle der Regionalregierung mit dem Bürgerkrieg, der Franco-Diktatur und dem Widerstand gegen den Faschismus. Im zwei Stunden entfernten früheren Grenzort La Jonquera erinnert das im Jahr 2007 ins Leben gerufene Museo Memorial del Exilio an die Leiden der Millionen von Menschen, die direkt nach dem Bürgerkrieg versuchten, ins benachbarte Frankreich zu fliehen. Viele von ihnen landeten allerdings in Konzentrationslagern oder wurden nach Spanien zurückgeschickt und dort umgebracht.

So wurde der katalanische Regierungspräsident Lluís Companys von der Gestapo in Nordfrankreich aufgegriffen. Am 15. Oktober 1940 wurde er in der Festung Montjuic von den Franquisten erschossen. Auf dieser Festung, auf der Kriegsopfer je nach politischer Zugehörigkeit in zwei getrennten Massengräbern liegen, veranstaltete bis vor kurzem der Verband der „Freunde der Festung Montjuic“ jedes Jahr eine Messe zur „Erinnerung an alle, die ihr Leben für Spanien gegeben“ hatten, und zwar am 19. Juli, dem Jahrestag des Militärputschversuchs in Barcelona von 1936; das war eine Ehrerweisung an die Diktatur. Letztes Jahr hat die Bürgermeisterin Ada Colau, neu im Amt, die fragwürdige Veranstaltung erstmals nach 34 Jahren verboten.

Mit einer ganzen Reihe von Festakten gedenkt nun Barcelona in diesem Sommer des Bürgerkriegs und seiner Opfer. So wird im Palau de la Música die Neunte Symphonie von Beethoven gespielt, zu Ehren des verstorbenen Dirigenten Pau Casals. Der Festakt, zu dem als Ehrengäste auch die beiden alten Kämpfer Alfons und Antoni eingeladen sind, hat eine hohe Symbolik. Im Juli 1936 musste die Probe dieses Stücks abgebrochen werden, als der Bürgerkrieg begann. „Ich hoffe, wir werden diese Symphonie noch einmal spielen können, wenn wieder Frieden herrscht“, sagte damals Casals. Er kam nicht mehr dazu, die Neunte zu dirigieren. Er starb 1973 im Exil in Puerto Rico, zwei Jahre vor Francos Tod.

Lücken der Erinnerung

Jedoch klaffen vielerorts in Spanien grosse Lücken bei der Aufarbeitung der Vergangenheit. Zwar ist seit 2007 das unter der sozialistischen Regierung Zapateros gebilligte Gesetz des historischen Gedenkens in Kraft. Auf dessen Grundlage wurde zum Beispiel ein staatliches Portal für die Opfersuche eingerichtet. Vielerorts scheitert aber die Umsetzung an den politischen Konstellationen, dem mangelnden Willen vieler Politiker, alte Wunden aufzureissen oder zu heilen, sowie an Geldmangel.

„Das Grundproblem, an dem Spanien bis heute leidet und das die Aufarbeitung der Vergangenheit bis heute verhindert, ist das Amnestiegesetz von 1976“, sagt Joan B. Culla, Historiker an der Universität Barcelona. Dieses Gesetz verhindert die Strafverfolgung für alle Verbrechen während des Bürgerkriegs und der Franco-Diktatur; darunter fallen auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Das Gesetz lässt sich aus heutiger Sicht nur mit der Tatsache rechtfertigen, dass es nach Francos Tod vordringlich darum ging, den friedlichen Übergang in die Demokratie zu gewährleisten. Spätere Versuche, das Gesetz zu ändern, wie sie etwa der – inzwischen im Amt eingestellte – Richter Baltasar Garzón unternahm, scheiterten. So bleibt Spaniens Konfrontation mit der eigenen Geschichte den nächsten Generationen vorbehalten.

Ende der Geschichte 1920

„Wir haben hier in Madrid fünf Universitäten, und an keiner einzigen wurde jemals eine Studie über die Repression in Madrid während des Bürgerkriegs erarbeitet“, klagt Emilio Silva, der Vorsitzende des Verbands zur Wiedererlangung des Historischen Gedächtnisses ARMH. In der Hauptstadt herrschte zuerst die Volksfront, dann siegten die Putschisten. Doch das Historische Museum von Madrid an der Metrostation Tribunal beschäftigt sich laut Silva nur mit der Geschichte bis zum Jahr 1920. „Dann hört die Geschichte auf.“ Kein Geld für die Bergung von TotenZur Hinterlassenschaft von Bürgerkrieg und Diktatur gehören 1500 anonyme Gräber in ganz Spanien, wo die Leichen von getöteten Soldaten, verschwundenen Gefangenen oder umgebrachten Zivilisten vermutet werden. Der Verein zur Wiedererlangung des historischen Gedächtnisses (Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica) hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Überreste der Toten zu bergen und zu identifizieren.Zehn Prozent der Gräber konnten seit dem Jahr 2000 geöffnet werden. Von der Regierung in Madrid bekommt der Verein kein Geld, er ist auf Spenden angewiesen. Im Mai letzten Jahres etwa bekam Silvas Verband einen mit 100 000 Dollar dotierten Preis von der amerikanischen Organisation Abraham Lincoln Brigade Archives, weitere 12 000 Euro kamen von der norwegischen Gewerkschaft Elogit.