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EU-Referendum

Spielt das englische Wetter Spielverderber?

von Markus M. Haefliger / 23.06.2016

Die Briten stimmen über die Zukunft ihres Verhältnisses zur Europäischen Union ab. Die Ergebnisse sollen in der Nacht auf Freitag bekanntwerden.

Nach freundlichem Frühlingswetter im letzten Monat und den üblichen, leichten Regenfällen seit Mitte Juni ist in der Nacht auf Donnerstag plötzlich eine breite Gewitterfront über London und den Südosten Englands hereingebrochen. Für die historische Abstimmung über den Austritt Grossbritanniens aus der EU kam das Unwetter zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Es wird ein äusserst knappes Ergebnis erwartet, so knapp, dass jede Abweichung und jedes Ereignis das Zünglein an der Waage sein könnten – eine niedrige Wahlbeteiligung von Jugendlichen etwa, eine als ungeschickt empfundene Äusserung des EU-Kommissionspräsidenten vom Mittwoch – oder eben Regenwetter.

Es wird knapp

Für den Abend, wenn viele Stimmbürger nach dem Feierabend heimkommen und noch abstimmen wollen, sagten die Meteorologen weitere Gewitter über der Hauptstadt voraus. Die vom Schlechtwetter betroffenen Gebiete gelten als der EU gegenüber eher freundlich eingestellt.

Insgesamt sind über 46 Millionen Stimmberechtigte aufgerufen, die Frage «Soll Grossbritannien in der EU bleiben oder die EU verlassen?» zu beantworten und hinter «Remain» (bleiben) oder «Leave» (verlassen) ein Kreuz anzubringen. Noch nie gab es bei einer britischen Wahl oder Abstimmung so viele Berechtigte. Ausser den Briten im gesamten Vereinigten Königreich sowie Gibraltar haben auch Iren und Staatsangehörige des Commonwealth eine Stimme, wenn sie in Grossbritannien niedergelassen sind.

Das letzte EU-Referendum liegt 41 Jahre zurück, seither stimmten die Briten nur noch einmal über eine Sachfrage ab (sie lehnten 2011 das Proporzwahlrecht ab). Die letzten Umfragen vom Mittwochabend sahen abwechslungsweise beide Lager im Vorteil. Aber die Unterschiede bewegten sich bei zwei Prozentpunkten, das heisst innerhalb der statistischen Unschärfe; sie sagen also nichts aus. Etwas günstiger sieht es für die EU-Anhänger aus, wenn das vermutete Stimmverhalten von Unentschlossenen berücksichtigt wird, das sind bis zu zehn Prozent der Stimmberechtigten.

In den Abstimmungslokalen

Bei Besuchen in einem halben Dutzend Abstimmungslokalen in verschiedenen Wohnquartieren Londons äusserte eine nicht repräsentative Minderheit von Stimmenden, dass sie ihre Meinung in den letzten zwei Tagen noch geändert hätte. In Rotherhithe im Südosten Londons sagte eine Nigerianerin, die seit über zehn Jahren in England sesshaft ist, ihr Mann habe sie erst am Dienstag umgestimmt – wie, wollte sie nicht preisgeben, aber da die Sorgen des Gatten «der Wirtschaft» gegolten haben, dürfte die Frau ihr Kreuzchen nun doch hinter das «Remain» gesetzt haben.

Die Anführer beider Lager wiederholten in den Tageszeitungen den Kern ihrer Aussagen. Es gehe um das Selbstwertgefühl der Briten, zitierte der «Daily Telegraph» den Brexit-Befürworter Boris Johnson. Ex-Premierminister John Major sagte gegenüber der «Times», wenn das Brexit-Lager siegte, müssten sich dessen Anführer für ihre «Lügen» verantworten, nur sei es dann für eine Umkehr zu spät. Aus Brüssel liess sich Jean-Claude Juncker vernehmen. Der EU-Kommissionspräsident stellte am Vorabend des Referendums klar, Grossbritannien könne keine weitere «Reformen» erwarten. Auch wenn er damit die britischen Sonderbehandlungen meinte, legten Brexit-Befürworter die Äusserung flugs als Abfuhr für jede Form von internen EU-Reformen aus.

Das Resultat beim Frühstück

Die Abstimmungslokale bleiben bis 22 Uhr geöffnet. Danach bringen die Leiter der Lokale die Wahlurnen in die Rathäuser von landesweit 382 Lokal- und Regionalverwaltungen. Dort werden die Stimmzettel ausgezählt und an ein Dutzend Regionalzentren übermittelt und dort bekanntgegeben. Die Resultate kleinerer, vor allem ländlicher Zählkreise dürften früh in der Nacht bekanntwerden. Da diese Gebiete und Bevölkerungsgruppen eher einem Brexit zuneigen, legen die Zwischenergebnisse möglicherweise zunächst einen EU-Austritt Grossbritanniens nahe, sie könnten jedoch korrigiert werden müssen, wenn die Auszählungen aus den grossen Städten publik werden. Diese werden gegen fünf Uhr morgens Lokalzeit erwartet.