Alicia Vera

Spurlos verschwunden: Zum Hoffen verdammt

von Nicole Anliker / 05.08.2016

Täglich verschwinden in Mexiko rund ein Dutzend Personen – die meisten für immer. Ihre Angehörigen wissen nicht einmal, ob sie noch leben. Drei Frauen erzählen von der unermüdlichen Suche nach ihren Liebsten und von der ewigen Hoffnung.

Es kann jedem passieren. Jungen wie Alten, Reichen oder Armen – in Mexiko ist jeder dem Risiko ausgesetzt, eines Tages zu verschwinden. Viele der Vermissten sind unschuldig, befinden sind zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort, passen in ein bestimmtes Profil, sind politisch unbequem oder legen sich mit falschen Personen an. Die meisten von ihnen tauchen nie mehr auf, manche werden in Massengräbern gefunden.

Erst die Verschleppung der 43 Studenten von Ayotzinapa im September 2014 hat auf die Problematik aufmerksam gemacht. Die Jugendlichen haben den vielen namenlosen Vermissten in dem Land ein Gesicht gegeben. Denn Mexikos Drama begann nicht erst in jener Septembernacht.

Die Zahl der Verschwundenen schnellte in die Höhe, nachdem die mexikanische Regierung dem organisierten Verbrechen Ende 2006 den Krieg erklärt hatte und die Gewalt eskaliert war. Korruption, Gewalt und ein hohes Mass an Straflosigkeit bilden den Nährboden dafür. Offiziell gelten seit Dezember 2012 rund 28 000 Personen als vermisst. Die Dunkelziffer ist viel höher, nicht zuletzt weil über 90 Prozent aller Verbrechen in Mexiko nicht angezeigt werden.

Oft bleibt unklar, ob staatliche Akteure, Drogenkartelle oder beide zusammen eine Tat verantworten. Das organisierte Verbrechen agiert in einigen Regionen als Parallelmacht, was zu Komplizenschaft und Zusammenarbeit zwischen Unterwelt und staatlichen Stellen führt – oftmals auch, weil Letztere keine andere Wahl haben. Staatsangestellte aller Ebenen sind in das Verschwindenlassen von Menschen verwickelt: Sicherheitskräfte als direkte Täter, politische Entscheidungsträger als Auftraggeber und die Justizbehörde als Rechtsinstanz, die die Fälle nicht untersucht.

Es fehlt an einer entsprechenden Gesetzgebung, einem einheitlichen Vermisstenregister, einer DNA-Datenbank, einheitlichen Suchprozessen und effektiven strafrechtlichen Ermittlungen. Immer öfter übernehmen deshalb die Angehörigen der Opfer diese Aufgaben, die eigentlich Pflicht des Staates wären. Eine Mutter, eine Tochter und eine Lebensgefährtin erzählen von der Suche nach ihren Liebsten, von der Ungewissheit und von der Gewalt.

Die Mutter

Araceli Salcedo Jiménez, Veracruz

Araceli Salcedo Jiménez glaubt fest daran, ihre entführte Tochter zu finden. (Bild: Alicia Vera)

Als Araceli Salcedo Jiménez in jener Nacht einen Anruf von ihrer Tochter erhielt, wusste sie nicht, dass es vielleicht der letzte sein würde. Sie gehe in den Nachtklub, bleibe aber nicht lange, erklärte die damals 21-Jährige ihrer Mutter und beendete das Gespräch: «Hab dich lieb.» Es war 22 Uhr 30. Rund 15 Minuten später wird ihre Tochter Fernanda Rubí von vier Unbekannten aus einem Nachtklub in Orizaba im mexikanischen Gliedstaat Veracruz verschleppt. Mit einem gelben Seat Ibiza waren sie vorgefahren, peilten die junge Frau auf einem Barhocker zielstrebig an und verschleppten sie. Sie rief um Hilfe. Doch kein Angestellter, kein Gast schritt ein. Zurück blieb ihre Handtasche. Nur das Handy trug sie bei sich.

Die ganze Nacht Telefonterror

Salcedo sass derweil nichtsahnend zu Hause. Kurz nach 23 Uhr erhielt sie den ersten anonymen Anruf. Nur klirrende Gläser und wildes Gerede wie aus einer Bar waren zu hören. Sie dachte sich nichts dabei. Doch das Telefon klingelte immer wieder, alle 20 bis 30 Minuten. Sie erreichte ihre Tochter nicht. Als sich diese auch nicht wie üblich meldete, begann Salcedo zu ahnen, was geschehen sein könnte. In Panik nahm sie die ganze Nacht die Anrufe entgegen, fragte immerzu nach, wer dran sei. Nach stundenlangem Telefonterror nannte am anderen Ende ein Mann seinen Namen. Er lallte. Dann legte er den Hörer wieder auf. Anderntags fuhr sie stundenlang durch die Stadt, um ihre Tochter zu suchen.

Fast vier Jahre sind seither vergangen. Salcedo sucht noch immer nach ihrer Tochter. In sich versunken sitzt sie auf einem Plasticstuhl, spielt mit ihren angeklebten Fingernägeln und erzählt. Dann steht sie schwungvoll auf und gestikuliert, bis sie sich wieder erschöpft in den Stuhl fallen lässt.

Sie hat einen Spiessrutenlauf durch die Institutionen hinter sich. Von der Gemeinde- bis zur Bundesbehörde, von der Marine bis zum Geheimdienst hat sie Hilfe gesucht. «Doch passiert ist nichts», sagt sie resigniert. Die Anrufe jener Nacht wurden nie ausgewertet, die Bilder der Überwachungskameras waren nicht verfügbar, und die Besitzer des Nachtklubs wollten nichts mit ihr zu tun haben. Als sie bei einer Behörde Unterstützung suchte, sagte man ihr, die hübsche Tochter habe wohl einem Drogenboss gefallen, der sie bestellte.

«Wird ein Massengrab geöffnet, hoffe ich, Rubís Überreste zu
finden, bin aber erleichtert, wenn sie nicht dabei sind.»

Was sie erst nicht wahrhaben wollte, gab ihr ein hoher Beamter zu verstehen: Der Unbekannte, der jene Nacht bei ihr anrief, sei ein mächtiger Unternehmer, mit dem sich niemand anlegen würde. Diesen Mann, meint Salcedo vielsagend, kenne man. Mehrmals stand er wegen Korruption und organisierter Kriminalität vor Gericht, verurteilt wurde er nie. «Natürlich nicht», sagt sie zynisch, «die stecken ja alle unter einer Decke.» Inzwischen weiss sie auch, dass der Nachtklub, aus dem ihre Tochter verschleppt wurde, in den Händen der «Zetas» ist. Eines mächtigen und für seine Brutalität bekannten Drogenkartells.

Neun weitere junge Erwachsene wurden in jener Septembernacht aus Nachtklubs der Stadt verschleppt. Dahinter wird ein Netzwerk von Menschenhändlern vermutet. Dabei wiederhole sich nicht nur deren Modus Operandi, sondern auch die darin verwickelten Namen, weiss Salcedo. Ihre Tochter ist wahrscheinlich in einem Prostitutionsring gelandet und ins Ausland verkauft worden.

Dass ihre Verschleppung geplant war, bestätigte eine verhaftete Person aus dem Netzwerk. Die Hoffnung, dass sie noch lebt, ist realistisch. Salcedo klammert sich daran fest. Gerade deshalb ist es für sie unverständlich, ja geradezu frustrierend, dass sich viele Angehörige in derselben Situation nicht trauen, Anzeige zu erstatten.

Der Gang zum Massengrab

Die Erklärung für deren Zurückhaltung liegt auf der Hand: Sie wollen sich den Gang in die Hölle ersparen, den Salcedo durchlebt, seitdem sie nach ihrer Tochter sucht: Anfeindungen, Einschüchterungen sowie Morddrohungen vonseiten der Behörden und des organisierten Verbrechens. Ein Teil ihrer Familie lebt an einem geheimen Ort. Frei bewegen kann sie sich kaum, Leibwächter beschützten sie rund um die Uhr.

Nachdem sie den Gouverneur von Veracruz im Oktober für sein Nichtstun öffentlich kritisiert hatte, wurde sie auch Opfer einer Diffamierungskampagne. «Rubí mit den Zetas verbandelt», schrieb wenige Tage später die wichtigste Zeitung Orizabas auf der Titelseite. Darunter prangte ein Selfie ihrer Tochter. In dem Artikel wurde ihr ein Verhältnis mit dem berüchtigten Gründer des Zetas-Kartells angedichtet. Dass die Regierung hinter dieser Kampagne steckt, steht für Salcedo fest. «Sie bedrohen mich, weil sie Angst haben, dass alles ans Licht kommt», sagt sie. Schweigen werde sie nicht, das wäre ein Verrat an ihrer Tochter. Sie weint.

Jedes Mal wenn sie menschliche Überreste aus einem Massengrab identifizieren muss, wünscht sich Salcedo, dass die Geschichte endlich ein Ende nimmt. Sie wäre ruhiger, würde sie die Leiche ihrer Tochter finden. Es gebe ein tiefes Verlangen nach Gewissheit, sagt sie. Die Erleichterung, die sie jeweils verspüre, wenn sie ihren Körper nicht gefunden habe, sei aber mindestens so gross. Junge Frauen als Wareann. Die Anzahl der Personen, die von Menschenhändlern verschleppt werden, hat in den vergangenen Jahren in Mexiko stark zugenommen. Eine tragende Rolle spielt das organisierte Verbrechen, das seine Geschäfte diversifiziert hat und in die moderne Sklaverei eingestiegen ist.Laut der nationalen Menschenrechtskommission ist der Menschenhandel nach dem Drogenhandel zum lukrativsten illegalen Geschäftszweig geworden. Die Staatsanwaltschaft berichtet, dass der Menschenhandel zwecks sexueller Ausbeutung knapp 90 Prozent der Fälle ausmacht. Er wird massgeblich von Kartellen kontrolliert.  

Die Tochter

Janahuy Paredes Lachino, Michoacán

Bald neun Jahre sind es her, als Janahuy Paredes Lachinos Vater sie hätte abholen sollen. Sie wartet noch heute auf ihn. (Bild: Alicia Vera)

Francisco Paredes Ruíz konnte Ungerechtigkeiten nicht ertragen. Er war auch bereit, mit Waffen dagegen zu kämpfen. Als Mitglied einer kommunistischen Bewegung, die den bewaffneten Aufstand in Mexiko anstrebte, liess er sich 1970 als junger Mann in Nordkorea militärisch ausbilden. Damals wurde der mexikanische Staat zum ersten Mal auf ihn aufmerksam. Wenige Monate nach seiner Rückkehr ins Aztekenland wurde er im Zuge des schmutzigen Krieges, bei dem gegen innenpolitische Gegner vorgegangen wurde, verhaftet, verschleppt, gefoltert und zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Dies schreckte den Guerillero nicht davon ab, sich nach seiner Entlassung 1977 erneut einer subversiven Bewegung anzuschliessen. Er landete wieder für Monate im Gefängnis, diesmal aber läuterte ihn die Strafe. Paredes, ein überzeugter Sozialist, wählte fortan den legalen Weg, um gegen Ungerechtigkeiten zu kämpfen. Er gründete eine Menschenrechtsorganisation zur Aufarbeitung der Verschwundenen des schmutzigen Krieges und machte sich als Aktivist einen Namen. Im Juni 2007 hatte er noch eine Gesetzesinitiative gegen gewaltsames Verschwindenlassen eingereicht. Wenige Monate später verschwand er selber unter ungeklärten Umständen.

Nur gegen Wände gerannt

Am Nachmittag des 26. September 2007 telefonierte Paredes noch mit seiner jüngsten Tochter Janahuy. Sie hatten Treffpunkt und Uhrzeit vereinbart, um gemeinsam heimzufahren. Die damals 23-Jährige wartet bis heute auf ihn: «Mein Papa kam nicht», sagt sie und wippt nervös mit ihren Beinen. Etliche erfolglose Anrufe folgten, ein mulmiges Gefühl kam auf. Janahuy und ihre Geschwister klapperten Gefängnisse, Spitäler, Freunde und Verwandte ab – umsonst. Später erfahren sie, dass ihr Vater bei einem Besuch bei Angehörigen beunruhigt anmerkte, dass er auf der Fahrt von Mexiko-Stadt nach Morelia von Unbekannten verfolgt worden war. Da habe sie gewusst, was passiert sei, sagt die Dreissigjährige. Ihr Vater sei vorsichtig gewesen, gerade weil er unter Beobachtung gestanden habe. Nie, da ist sie sich sicher, wäre er einfach untergetaucht.

Auch Jahre später bleibt die Frage offen, was Francisco Paredes an jenem Abend widerfahren ist. Sein schwarzer Pick-up wurde zwei Tage später in einem Aussenquartier von Morelia gefunden. Nachbarn hatten beobachtet, wie Polizisten das leerstehende Fahrzeug mehrmals durchsuchten. Sonst wollte niemand etwas gesehen haben. Weder die Beamten vom dreissig Meter entfernten Polizeiposten noch die Bundespolizisten, die in einem Hotel in der Nähe untergebracht waren. Die Militärs, die rund fünfzig Meter vom Auto weg stationiert waren, liessen sich erst gar nicht befragen.

«An dem Tag, als mein Papa verschwand, ist mein Leben zum Stillstand gekommen.»

Jemand müsse etwas gesehen oder gehört haben, ist Janahuy überzeugt. Doch sie sei nur gegen Wände gerannt, alle offiziellen Stellen hätten die Suche verweigert. Ein Beamter habe sie ins Leichenschauhaus geschickt, als sie eine Vermisstmeldung habe aufgeben wollen. Über Eigenrecherchen kamen später Dokumente ans Licht, die an jenem 26. September die Festnahme einer Person mit identischem Namen und passender Beschreibung verzeichneten. «Was für ein Zufall», sagt Janahuy. Auch dazu habe niemand Stellung genommen. Sie habe nichts anderes erwartet. Nicht nur sie, auch Menschenrechtsorganisationen und die Presse glauben, dass staatliche Kräfte Paredes‘ Verschwinden verantworten. Sein politisches Engagement war vielen ein Dorn im Auge.

Nicht zuletzt auch deswegen fordert Janahuy Aufklärung. Die zierliche Frau ist eine Kämpferin. Sie erklärt die gescheiterten Abläufe und juristischen Prozesse minuziös. Forsch und mit klaren Forderungen präsentiert sie sich vor dem Senat und in der Öffentlichkeit. Man merkt ihr die eigene Betroffenheit nicht an, obwohl sie bedroht und verfolgt wird. Janahuy ist ein Profi, genauso wie es ihr Vater, der Menschenrechtsaktivist, auch war. Er habe immer gesagt, er sei Aktivist, damit seine Kinder nicht dasselbe erleben müssten wie er, erinnert sie sich. Dass sich seine Geschichte nun wiederholt, scheint sie zu bestärken.

Das Leben steht still

Zu Janahuy vorzudringen, ist nicht einfach. Danach gefragt, wie sie mit dem Schicksal umgehe, verstummt sie. Über ihre Gefühle, so stellt sie klar, spreche sie nicht. Dann redet sie doch. Neun Monate vor dem Drama war ihre Mutter an Krebs gestorben. Den Verlust verarbeitete sie zusammen mit ihrem Papa. Inmitten des Trauerprozesses ist er verschwunden. An dem Tag, sagt sie leise, sei ihr Leben zum Stillstand gekommen. «Du fühlst dich schuldig, in einem Bett zu schlafen, zu essen oder einen glücklichen Moment zu erleben – nur Schuldgefühle.» Zum emotionalen Chaos kamen finanzielle Sorgen, denn ihr Vater hatte für die Familie gesorgt. Janahuy wischt sich die Tränen weg. Als wollte sie ihren Gefühlsausbruch rechtfertigen, stellt sie klar, dass sie vor Beamten nie weinen würde. Es sei deren Verantwortung, dass Menschen einfach verschwänden. Da sei es auch deren Pflicht, ihren Papa zu suchen. Janahuy will kein Mitleid, sie will Gerechtigkeit. Repression als Motivann. ⋅ Menschenrechtsverteidiger, politische Aktivisten, Journalisten und selbst kritische Lokalpolitiker leben gefährlich in Mexiko. Denn seit der Gewalteskalation im Jahr 2006 hat auch die Zahl verschwundener Personen aus politischen Motiven stark zugenommen. Dies erinnert an den schmutzigen Krieg in den sechziger und siebziger Jahren, als in Mexiko staatliche Sicherheitskräfte systematisch gegen innenpolitische Gegner mit illegalen Exekutionen und gewaltsamem Verschwindenlassen vorgegangen waren. Auch heute wird dem Staat ähnliches Vorgehen gegen Vertreter der organisierten Zivilgesellschaft vorgeworfen. Im Vergleich zu früher ist die Situation aber unübersichtlicher. Es bleibt oftmals unklar, wer für das gewaltsame Verschwinden einer Person verantwortlich ist und warum es dazu kam.Unbequeme Stimmen werden nicht nur von staatlichen Akteuren, sondern auch vom organisierten Verbrechen oder in deren Zusammenarbeit aus dem Weg geschafft, und zwar als eine Art politische Repression. Drogenkartelle haben genauso wie staatliche Akteure ein Interesse daran, dass gewisse Geschehnisse unausgesprochen bleiben. Das repressive Vorgehen dient auch dazu, ein Klima der Angst zu schaffen und so kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen.  

Die Lebensgefährtin

Haydeé Cortés Vivar, Guerrero

Haydeé Cortés Vivar gibt nicht auf. Sie will wissen, was mit ihrem Lebensgefährten geschehen ist. (Bild: Alicia Vera)

«Jorge war zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort», sagt Haydeé Cortés Vivar mit leiser Stimme. Eine andere Erklärung gebe es nicht. Die Frau mit dem Seitenscheitel und dem langen, schwarzen Zopf sitzt ruhig da, die Hände in den Schoss gelegt. «Sie haben ihn einfach verschwinden lassen», sagt sie im Flüsterton und schweigt für einen Moment, den Blick zu Boden gesenkt. Dass der Zufall auf diese Weise zuschlägt, kann sie bis heute nicht akzeptieren. Jorge habe sich nichts zuschulden kommen lassen, sagt Haydeé. «Er war Architekt», fährt sie fort und korrigiert sich umgehend, «Jorge ist Architekt.» Er habe Sozialprojekte in den Bergen des Gliedstaats Guerrero umgesetzt – ein gutmütiger, ausserordentlich liebenswürdiger Mann.

Die grosse Liebe

Jorge Gabriel Cerón Silva ist Haydeés Lebenspartner, ihre grosse Liebe. Bis zu seinem Verschwinden waren sie drei Jahre lang ein Paar. Sie hatten sich an einer Party kennengelernt. Ein Glanz liegt in ihren Augen, wenn sie davon erzählt. Sie lächelt verschmitzt. Jorge habe ihr vom ersten Augenblick an sehr gefallen – vor allem seine Augen. Für ihn hat sie ihre Pläne, nach Deutschland auszuwandern, über Bord geworfen.

In Chilpancingo, der Hauptstadt Guerreros, bauten sie mit Haydeés Tochter aus einer früheren Beziehung ein gemeinsames Leben auf. Weil sich Jorges Arbeit in den Bergen schlecht mit dem Familienleben vereinbaren liess, war er auf der Suche nach einer Arbeitsstelle in der Nähe ihres Wohnorts.

«Jahrelang ass ich kaum, schlief wenig und war
Kettenraucherin.»

Bevor Jorge am 14. März 2007 verschwand, hatte sich der damals 31-Jährige mit einen Immobilienhändler für eine mögliche Zusammenarbeit getroffen. Als sie kurz vor 22 Uhr das Büro verliessen, wurden sie von einem bewaffneten Kommando in zwei Pick-ups gezerrt. Danach verlor sich ihre Spur. Haydeé wartete derweil zu Hause auf Jorges Anruf. Er würde sich von unterwegs melden, hatte er ihr bei der Verabschiedung gesagt. Doch kein Lebenszeichen kam. Weil er sein Handy Wochen davor verloren hatte, war er auch nicht erreichbar. Stunden und Tage verbrachte Haydeé verzweifelt mit Warten, Fragen und Telefonieren. Als sie schliesslich die Kontaktdaten der Personen ausfindig machte, mit denen sich Jorge verabredet hatte, kam langsam Licht ins Dunkel.

Trauer und Frust

Über Eigenrecherchen und mithilfe von Bekannten fand sie Einzelheiten über den Immobilienhändler heraus, mit dem Jorge verschleppt wurde. Es handelte sich um einen ehemaligen General der Kriminalpolizei, der in einem Zeugenschutzprogramm war. Vor Jahren hatte er mehrere Personen aus der Staatsanwaltschaft verraten, die mit dem organisierten Verbrechen kooperierten. Das war sein Todesurteil. Zwei Leibwächter wurden ihm zur Seite gestellt. Am Tag seiner Verschleppung waren diese nicht zur Arbeit erschienen. Obwohl es Hinweise über die mögliche Täterschaft gibt, wurden keine Ermittlungen aufgenommen.

Haydeé wählt ihre Worte mit Bedacht. Sie wirkt weder aggressiv noch wütend, da ist nur Trauer über das Geschehene und Frust über die Passivität der Behörden. Während Jahren war sie davon gelähmt. Sie zog sich für einige Zeit von der Suche nach Jorge zurück, nachdem ihr mit dem Tod gedroht worden war: Ihre Tochter werde bald keine Mama mehr haben, wenn diese nicht aufhöre, ihren Partner zu suchen, beschieden ihr Unbekannte eines Tages auf offener Strasse. «Sie wissen alles über dich: wo du lebst, wo deine Tochter zur Schule geht, wer du bist.» Das mache Angst, sagt sie unter Tränen und zündet sich eine Zigarette an. Sie rauche eigentlich nicht mehr, erklärt sie entschuldigend.

«Ich bin nicht imstande, um Jorge zu trauern. Den Frieden
dafür habe ich nicht gefunden.»

Haydeé ist mit ihrer Tochter nach Mexiko-Stadt gezogen, in die Anonymität. Hier ist ihr Leben besser als in Chilpancingo, wo sich die Sicherheitslage immer mehr zuspitzte. Doch ihre Depressionen, die sie nach Jorges Verschwinden bekam, kann sie nicht so einfach hinter sich lassen – auch wenn die Ängste schwächer geworden sind. Jahrelang ass sie kaum, schlief wenig, war Kettenraucherin und hatte Bluthochdruck. Ihr Englischstudium hängte sie an den Nagel.

Dass Jorge ihretwegen eine neue Stelle suchte und dabei verschwand, traumatisierte sie. Dieses Schuldgefühl zu überwinden, erweise sich als Herkulesaufgabe. Sie rede über ihn, als ob er noch da sei. Und jedem ihm ähnlich sehenden Mann, den sie kreuze, laufe sie nach, bis sie sicher sei, dass es nicht Jorge sei. «Dieses eine Prozent der Möglichkeit, dass er noch lebt – daran glaubst du», erklärt sie. Die Psychologin habe ihr geraten zu trauern. Den Frieden dafür, sagt Haydeé, habe sie aber nicht gefunden. Kein ersichtlicher Grundann. ⋅ Viele Personen verschwinden in Mexiko ohne ersichtlichen Grund. Sie hielten sich zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort auf, haben zufälligerweise Vorfälle mitgesehen oder Informationen mitgehört, von denen sie nichts wissen dürften, oder sie haben sich mit den falschen Personen zerstritten oder mit ihnen Geschäfte abgewickelt. Eine Lappalie oder ein dummer Zufall können als Motiv für eine Gewalttat ausreichen.Die hohe Gewaltbereitschaft und die immer neuen Fälle des Verschwindenlassens sind auf die hohe Straflosigkeit in Mexiko zurückzuführen. In einem Land, in dem über 90 Prozent der Verbrechen ungeahndet bleiben, fühlen sich Täter in Sicherheit. Sie glauben, dass ihre Vergehen keine Konsequenzen haben, und machen weiter.Die Behörden rechtfertigen ihre Untätigkeit oftmals, indem sie die Opfer kriminalisieren. «Estaba metido», ist die gängigste Erklärung, sobald jemand verschleppt oder umgebracht wurde: Das Opfer ist sozusagen selber schuld. Es war wohl mit dem organisierten Verbrechen verbandelt, weshalb die Straftat nicht weiter untersucht werden muss.