AP

Staatsstreich gegen Gorbatschow vor 25 Jahren: Der zitternde Putschist

von Andreas Rüesch / 19.08.2016

Gennadi Janajew sollte den Staatsstreich reaktionärer Funktionäre legitimieren – stattdessen beschleunigte er das Ende des Sowjetimperiums.

Während am Morgen des 19. August 1991 Panzer durch die Strassen Moskaus rollten und das Staatsfernsehen nur noch das Ballett „Schwanensee“ ausstrahlte, stellten sich die überrumpelten Sowjetbürger dieselbe Frage wie die Regierungen im Ausland: Wer war denn nun der neue starke Mann im Kreml? Das achtköpfige „Staatskomitee für den Ausnahmezustand“, das in der Nacht die Macht übernommen und den sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow für zeitweilig amtsunfähig erklärt hatte, umfasste viele bekannte Personen, unter ihnen die Spitzen von Armee, Geheimdienst und Polizei. Doch der Vorsitzende dieser Junta, Vizepräsident Gennadi Janajew, der scheinbar verfassungskonform provisorisch in das Amt des Staatschefs aufrückte, war einer breiteren Öffentlichkeit praktisch unbekannt.

Die zitternden Hände

Das änderte sich am späten Nachmittag, als Janajew mit anderen Putschisten an einer Pressekonferenz für in- und ausländische Medien erstmals ins Scheinwerferlicht trat. Bereits dies signalisierte ein Paradox: Die Teilnehmer des Staatsstreichs wollten die Sowjetunion retten und Gorbatschows Reformen zumindest teilweise rückgängig machen, aber auch sie waren offensichtlich bereits tief geprägt durch dessen Politik von Perestroika (Umbau) und Glasnost (Transparenz). Früheren Kremlchefs wäre es nie in den Sinn gekommen, sich nach ihrer Machtübernahme auf eine unkontrollierbare Frage-und-Antwort-Runde einzulassen. Aber die Putschisten hielten dies offensichtlich für ein Erfordernis der neuen Zeit.

Die live übertragene Veranstaltung geriet zu einer Katastrophe. Janajews Hände zitterten unübersehbar, was so gar nicht zum Anspruch der Junta passte, nun mit starker Hand für Ordnung im Lande zu sorgen. Er entpuppte sich als farbloser Apparatschik, welcher der Aufgabe nicht annähernd gewachsen war. Er schniefte und kramte immer wieder nach einem Taschentuch. Auf die Frage nach dem Gesundheitszustand Gorbatschows, die diesem angeblich die Ausübung seines Amtes verunmögliche, konnte Janajew weder ein ärztliches Zeugnis vorweisen noch nähere Details nennen. Gorbatschow sei „natürlich über die Jahre müde geworden“ und brauche etwas Zeit, bis es ihm wieder besser gehe, erklärte er. Das klang so unglaubwürdig, dass sich einige im Pressesaal trotz dem Ernst der Lage das Lachen nicht mehr verkneifen konnten.

Blamiert vor den Augen der Weltöffentlichkeit

Es wurden auch offene Widersprüche deutlich: Während Janajew eine Fortsetzung von Gorbatschows Reformpolitik gelobte, hatten die Putschisten Stunden zuvor in einer schriftlichen Erklärung einen ganz anderen Tonfall gewählt, indem sie von einer tiefen Krise, von Chaos und Anarchie sprachen, welche die Sicherheit und territoriale Integrität des Landes bedrohten.

Die Pressekonferenz war ein Schlüsselmoment, da sie Millionen von Sowjetbürgern schlagartig die Konzeptlosigkeit und mangelnde Vorbereitung der Putschisten vor Augen führte. Diese Erkenntnis half, die Angst zu überwinden und sich trotz Versammlungsverbot an den Demonstrationen gegen die Junta zu beteiligen. In der grössten dieser Kundgebungen, in Leningrad, versammelten sich am folgenden Tag rund 200 000 Menschen auf dem Schlossplatz vor dem Winterpalast – dort, wo 74 Jahre früher die kommunistische Oktoberrevolution ihren Anfang genommen hatte. Das Militär schritt wie auch in Moskau nicht gegen die Protestteilnehmer ein. In der Hauptstadt schützten Zehntausende von Demonstranten das Weisse Haus, den Amtssitz von Boris Jelzin, der als Präsident der russischen Teilrepublik den Widerstand gegen die Putschisten anführte.

Überstürztes Vorgehen

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nach der Verhaftung der Putschisten und die Memoiren von Zeitzeugen lieferten später eine Erklärung für die skurrile Rolle des knapp 54-jährigen Janajew. Der unvermittelt zum Staatsoberhaupt aufgerückte Sowjetfunktionär war weder der Inspirator noch der Kopf der Verschwörung vom August 1991. Wie der Historiker und Journalist Ignaz Lozo in seinem Buch „Der Putsch gegen Gorbatschow und das Ende der Sowjetunion“ nachzeichnet, erscheint Janajew vielmehr als ein beinahe tragischer Mitläufer, der sich in angetrunkenem Zustand in ein kriminelles Vorhaben hineinziehen liess. Treibende Kräfte waren der Leiter des Geheimdiensts KGB, Wladimir Krjutschkow, der zugleich als Hauptorganisator des Putsches wirkte, ferner der Zuständige für den militärisch-industriellen Komplex, Oleg Baklanow, und Oleg Schenin, ein hoher kommunistischer Parteifunktionär.

Ausgerechnet Janajew erfuhr jedoch als Letzter von den Putschplänen. Die Verschwörer brauchten ihn nur deshalb, weil er ihrer Aktion ein pseudolegales Feigenblatt verleihen konnte: Als geschäftsführender Staatschef während Gorbatschows „Krankheit“ hatte der Vizepräsident die Kompetenz, den Ausnahmezustand auszurufen. Krjutschkow rief ihn am Abend des 18. August in den Kreml, ohne ihm mitzuteilen, worum es ging. Janajew machte dort einen nicht mehr ganz nüchternen Eindruck. Als ihm die Verschwörer die Dokumente über den Staatsstreich vorlegte, verweigerte er zuerst seine Unterschrift. Unter Druck liess er sich dann aber zur Teilnahme überreden.

Keine Einigkeit über Gewalteinsatz

Drei Tage lang, bis zur Selbstauflösung des Notstandskomitees, konnte sich Janajew als nomineller Staatschef betrachten. Doch in dieser Position war er eine reine Marionette. Immerhin: Als die Hardliner im Notstandskomitee am zweiten Putschtag die Erstürmung des Weissen Hauses, Jelzins Amtssitz, planten, sprach er sich dagegen aus. Da auch die Militärführung einen Gewalteinsatz ablehnte, waren die Putschisten in dieser entscheidenden Frage beschlussunfähig.

So folgte am dritten Putschtag das endgültige Scheitern der Verschwörung. Janajew liess sich am 22. August widerstandslos im Kreml festnehmen und wanderte wie die übrigen überlebenden Mitglieder des Notstandskomitees (Innenminister Boris Pugo hatte Selbstmord begangen) für eine Weile in Untersuchungshaft. Als er im Januar 1993 freikam, gab es die Sowjetunion längst nicht mehr. Mit ihrem schlecht organisierten Putschversuch hatte die reaktionäre Verschwörergruppe dem Sowjetkommunismus unfreiwillig den Todesstoss versetzt. Der Weg war nun frei für den russischen Präsidenten Jelzin, noch im selben Jahr zusammen mit den Führern der beiden anderen slawischen Sowjetrepubliken, der Ukraine und Weissrussland, die Auflösung der Sowjetunion zu verkünden.