Matthew Lloyd/Bloomberg

London stößt an seine Grenzen

Stadt, Land, Frust

von Gerald Hosp / 05.05.2016

London ist das Sinnbild einer Großstadt, die durch Globalisierung boomt und dem eigenen Land entwachsen ist. Der Erfolg der britischen Hauptstadt ist aber gefährdet.

Dunkle Häuserfronten und dreckige Fensterscheiben verleihen der Londoner Denmark Street einen schäbigen Hinterhof-Charme. Auffällig ist der Kontrast zur aggressiv-fröhlichen und bunten Fassade des angrenzenden Gebäudekomplexes Central Saint Giles. Seit kurzem stehen jedoch die Häuser Nummer sechs und sieben in der Denmark Street auf der Liste für Denkmalschutz in der zweithöchsten Kategorie – als besonders bedeutende Bauwerke von allgemeinem Interesse. Grund dafür sind vor allem Graffiti der berühmt-berüchtigten Punk-Band Sex Pistols, die als schützenswert gelten. Die Straße gilt ohnehin als spirituelles Epizentrum der britischen Pop- und Rock-Musik.

Einst größte Stadt der Welt

Die höhere Klassifizierung für die Gebäude gilt als Etappensieg gegen die rasante Veränderung des Viertels, die vor allem durch den Neubau des nahe liegenden U-Bahnhofs Tottenham Court Road angestoßen wird. Die Station soll zu einem Verkehrsknotenpunkt für die Bahnlinie Crossrail werden, das größte Infrastrukturprojekt Europas, das quer durch London von Westen nach Osten verlaufen wird. Die Sex Pistols, die Verkünder der Anarchie, werden durch die Aktion ironischerweise zu Stützen der Strukturerhaltung.

Einst größte Stadt der Welt

Der Kampf um den Charakter der Denmark Street und des einst verrufenen Stadtviertels Soho zeigt, wie in einem Brennglas die Probleme der Metropole an der Themse auf, in der am 5. Mai ein neuer Bürgermeister gewählt wird. Wer auch immer dies sein wird, er (oder weniger wahrscheinlich sie) wird sich dem Problem stellen müssen, wie das Freilassen kreativer und produktiver Kräfte, die Traditionen der Stadt, der Ausbau der Transportwege und der Bedarf an Wohn- und Büroflächen unter einen Hut zu bringen sind. Die gemeinsame Klammer sind die in die Höhe schießenden Wohn- und Lebenskosten in der britischen Hauptstadt, die gleichzeitig Ausdruck des Erfolgs, aber auch der Probleme sind.

Die Zeiten, als London im 19. Jahrhundert Peking als größte Stadt der Welt überholte und den Mittelpunkt des britischen Empires bildete, sind vorbei. Die Themsestadt ist aber Sinnbild einer Megacity, die durch Globalisierung und technologischen Wandel boomt. Ähnlich wie im Mittelalter, als Stadtluft frei gemacht hat, macht in der Neuzeit Londoner Stadtluft zumindest im Durchschnitt wohlhabend.

Im Londoner Großraum erwirtschaften rund 13 Prozent der Bevölkerung des Vereinigten Königreichs mehr als ein Fünftel der britischen Wirtschaftsleistung. In London wuchsen Bevölkerung und Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten stärker als im Rest des Landes. Die Produktivität in der Hauptstadt ist um 30 Prozent höher als im übrigen Großbritannien. International besticht London durch den Finanzplatz, die Dienstleistungswirtschaft, das kulturelle Angebot und die globale Ausrichtung. In Ranglisten, die die Bedeutung von Städten weltweit messen, rangiert London meist weit oder ganz oben.

Man kann Städte als Abwesenheit von räumlicher Distanz zwischen Personen und Unternehmen definieren. Diese Konstellation bringt offenbar Probleme der Dichte mit sich. Paradoxerweise hat aber die moderne Informationstechnologie, die kostengünstig Distanz überwindet, nicht den Effekt gehabt, dass Städte obsolet würden. Im Gegenteil: Es hat sich vielmehr gezeigt, dass Städte Brutstätten für Ideen und Innovationen sind. Durch die neuen Technologien wurden wissensintensive Branchen lukrativer, weil die Dienste global angeboten werden können. Die Distanz wurde zwar überwunden, die Frage nach dem Standort blieb.

Hohe Löhne und hohe Mieten

Der Ökonom Edward Glaeser von der Harvard University betont die Anziehungskraft von Städten für Personen mit hoher Ausbildung. Die unterschiedlichen Fähigkeiten der Leute führen dazu, dass die Beschäftigungsmöglichkeiten und das potenzielle Einkommen gesteigert werden. Ein schnellerer Austausch von Ideen führt zu einer höheren Produktivität. So lobt im Gespräch Mark Boleat von der Bezirksverwaltung des Bankenviertels City of London, die auch Sprachrohr der Finanzbranche ist, dass im Finanzzentrum alles nah und zu Fuß erreichbar sei. Dies geht auch so weit, dass räumlich-zünftisch die traditionellen Finanzinstitute in der City und in Canary Wharf, Hedge-Funds in Mayfair und die jungen Technologiefirmen in Shoreditch zu finden sind.

Höhere Produktivität schlägt sich in höheren Löhnen nieder. Laut Stadtökonomen müssen davon aber die Wohnkosten und die Netto-Unannehmlichkeiten des Lebens in einer Großstadt abgezogen werden, um die Attraktivität einer Metropole für einen einzelnen Arbeitnehmer zu bemessen. Diese Lohnentwicklung lässt sich auch in London beobachten. Die Kehrseite sind jedoch die nach oben schießenden Mieten und Häuserpreise. Dabei nimmt London weltweit gar eine Sonderstellung ein. Laut dem Immobilienunternehmen Savills sind die Kosten für Wohnung und Arbeitsplatz pro Person weltweit in London am höchsten, noch vor New York oder Hongkong.

Dies schmälert die Begeisterung, nach London zu ziehen oder dort zu bleiben. Von den hohen Kosten sind in besonderem Maße Jungunternehmen betroffen. Es ist auch keine Seltenheit, dass junge Berufstätige in Wohngemeinschaften leben müssen, um über die Runden zu kommen. Selbst in der Finanzbranche gibt es die Tendenz, Aktivitäten in Städte wie Birmingham oder Dublin umzusiedeln, um Kosten zu sparen. Die Produktivität in London hat sich in den Jahren 2012 und 2013 bereits verschlechtert, während sie im übrigen Land gestiegen ist.

Eng geschnallter Grüngürtel

Im Gegenzug dürfen sich Immobilienbesitzer freuen, denn die Einkommensverteilung, die auf künstlich knappem Land beruht, wirkt sich zu ihren Gunsten aus. Laut dem Ökonomen Paul Cheshire von der London School of Economics beruht das Problem auf jahrzehntelangen Fehlern bei der Raumplanung, die in Großbritannien aus Häusern buchstäblich Gold gemacht hätten. Dass reiche Ausländer Wohnungen in London kaufen, ist nicht die Ursache, sondern vielmehr eine Wirkung davon.

Eines der größten Hindernisse für ein zusätzliches Angebot ist der sogenannte Grüngürtel, auf dem weitestgehend nicht gebaut werden darf und der die Stadt an ihre Grenzen stoßen lässt. Der Grüngürtel macht mehr als einen Fünftel der Fläche des Großraums London aus und besteht zu 7Prozent aus Golfplätzen und mehrheitlich aus Agrarland. Zudem schränken Bauvorschriften die Verdichtung und das Streben nach Höhe ein. Cheshire und Christian Hilber haben berechnet, dass die Vorschriften den Preis für Büros in der City um 450 Prozent in die Höhe getrieben haben.

Damit beruht ein großer Teil des Wertes der Immobilien auf Regulierungen. Das geringe Raumangebot ist aber von den Wohneigentümern politisch gewollt, auch wenn die hohen Wohnkosten die wirtschaftliche Aktivität gefährden. Ein Ausbau der Transportwege ist nicht ausreichend, um das Problem zu lösen. Wie im Fall der Denmark Street gibt es zudem die Befürchtung, dass der Wandel den Charakter von Vierteln zerstört. Die zwei aussichtsreichsten Kandidaten in der Bürgermeisterwahl halten sich mit Vorschlägen für Reformen zurück. Dabei wären solche notwendig, damit der Mangel an Wohn- und Arbeitsraum den Erfolg der Megacity nicht hintertreibt.