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Gewalttat in München

Starke deutsche Bürgergesellschaft

von Peter Rásonyi / 23.07.2016

Deutschland ist zum zweiten Mal in einer Woche von einem beispiellosen Gewaltakt konfrontiert worden. Zu Wochenbeginn kam es zum Axtangriff durch einen 17-jährigen afghanischen Flüchtling in einem Regionalzug bei Würzburg mit vier Schwerverletzten. Am Freitagabend riss ein 18-jähriger Deutsch-Iraner mitten im Münchner Einkaufsrummel neun völlig unbeteiligte Personen mit Pistolenschüssen in den Tod. Das Ausmass der scheinbar spontan und sinnlos ausgebrochenen Gewalt und Brutalität ist in beiden Fällen atemraubend.

Beim Axt-Attentäter sind Sympathien zum Terror des Islamischen Staats nachgewiesen, wobei es keine Hinweise auf organisatorische Verbindungen zu der Terrororganisation gibt. Beim Münchner Pistolenschützen bleibt der Hintergrund noch unklar. Im ersten Fall drängt sich eine Verbindung zur Flüchtlingsthematik und damit eine politische Brisanz auf, wobei noch unklar ist, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. Der Jugendliche war offenbar gut und professionell von den deutschen Behörden aufgenommen und versorgt worden. Seine Gewaltbereitschaft war nicht vorhersehbar gewesen. Doch allein schon die Tatsache, dass es sich um einen Flüchtling handelte, wird die Kritiker der im vergangenen Jahr unbedacht und unkontrolliert wirkenden „Willkommenskultur“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel stärken.

Im zweiten Fall scheint es sich nicht um einen Flüchtling zu handeln, der im Rahmen der Willkommenskultur nach Deutschland gekommen ist. Der Mann sprach, wie Videoaufnahmen der Gewaltnacht zeigten, perfekt deutsch. Ein unmittelbarer Zusammenhang zur Flüchtlingsthematik ist somit unwahrscheinlich. Auf einen islamistischen Hintergrund gibt es zurzeit keinerlei Hinweise, wie die Polizei betont. Noch muss die Münchner Gewalttat als unfassbar gelten. Mit einiger Wahrscheinlichkeit dürften sich im Zuge weiterer Erkenntnisse auch in diesem Fall die Grenzen zwischen Wahnsinn, Amoklauf und Terror fliessend zeigen.

Für Deutschland als Gesellschaft bleibt zunächst als Erkenntnis aus dieser Terror-Woche, dass das Land selbst im Angesicht solch schockierender Ereignisse sich treu bleibt. Wohl nimmt die Kritik vom rechten politischen Rand zu, und wohl wirken manche ritualisierten Verdrängungsreflexe vonseiten links-grüner Kreise hilflos. Doch der deutsche Staat wird durch solche Gewaltakte nicht erschüttert. Die bayerischen Sicherheitskräfte haben in beiden Fällen beeindruckend schnell, kompetent und besonnen eingegriffen. Der Grosseinsatz am Freitagabend in München war geradezu eine Machtdemonstration der deutschen Abwehrbereitschaft gegen den Terror, ohne je arrogant oder überbordend zu wirken. Trotz massiven Einschränkungen in das pulsierende Leben der Stadt, die an dem Abend in weiten Teilen lahmgelegt wurde, wirkten die Massnahmen stets überlegt, kontrolliert und transparent und vom politischen Grundkonsens mitgetragen. Bayern hat offensichtlich die seit den Terrorangriffen in Paris vom vergangenen Jahr verstärkten Warnungen vor möglichen Anschlägen auch in Deutschland ernst genommen und sich gut vorbereitet. Beeindruckend war auch die Hilfsbereitschaft vieler Münchner, die in der Nacht gestrandete Reisende spontan aufnahmen.

Gewalttaten Einzelner wie bei Würzburg und in München sind schwer zu vermeiden, weil sie mit einfachen Mitteln und wenig Planung ausgeführt werden können. Doch immerhin dürfte dank den souveränen Einsätzen der bayerischen Sicherheitskräfte in der Bevölkerung das Vertrauen in ihren Staat, in ihr Land, in sich selbst im grossen Ganzen intakt bleiben. Deutschland ist nicht im Ausnahmezustand. Das ist die einzige gute Nachricht dieser Schreckenswoche.