FOTOS: FRANCESCO ALESI / PARALLELOZERO

Terrorangst in Rom

Stille Einkehr zum Heiligen Jahr

von Patricia Arnold / 27.12.2015

Aus Angst vor Terror ist in Rom der Ansturm der Pilger ausgeblieben. Ein riesiges Sicherheitsaufgebot schützt das von Papst Franziskus ausgerufene Jubiläum der Barmherzigkeit. NZZ-Korrespondentin Patricia Arnold berichtet aus Rom.

Kerzengerade ragt die frisch gehauene Fichte aus Deutschland in den azurblauen Himmel über Rom. Stolze 25 Meter hoch ist der Christbaum mitten auf dem weiten Petersplatz. In diesem Jahr hat die bayrische Gemeinde Ehenfeld den Baum spendiert. Jedes Jahr kommt dieser aus einer anderen Region. Der Schmuck in vielen Farben – rot, golden, orange, lila – funkelt im Sonnenlicht. Krebskranke Kinder in italienischen Spitälern entwarfen die bunte Weihnachtsdekoration.

Lebensgroß sind die Krippenfiguren aus Holz am Fuss des Baums. Ein Hirte stützt in der antiken Szene aus Bethlehem einen Greis, der strauchelt. Papst Franziskus hat für das Heilige Jahr an die Barmherzigkeit appelliert. Die Holzschnitzer aus dem Trentino nahmen diesen Ruf in ihrem Weihnachtsmotiv aus uralter Zeit auf.

Sobald es dunkel wird, verzaubern vielfarbige Lichtspiele die Fassaden der vatikanischen Paläste. Mit Tagesanbruch erlischt das magische Feuer. Betriebsamkeit erwacht. Mürrisch bauen Souvenirhändler ihre Stände auf. Aus Sicherheitsgründen wurden sie von ihren angestammten Plätzen an den Kolonnaden vor dem Petersdom verbannt. Nun stehen sie vor der Engelsburg. Ihre Mienen sind düster, denn die Geschäfte laufen schlecht. „So mies wie noch nie“, sagt Ahmed aus Bangladesh, der seit 20 Jahren in der Ewigen Stadt religiösen Tand aller Art verkauft.

Millionen Gäste erwartet

Mit 20 bis 30 Millionen Besuchern rechneten römische Tourismusverantwortliche im Heiligen Jahr, das am 20. November 2016 zu Ende geht. Doch bisher blieb der erwartete Ansturm aus. Nach Neujahr werde es besser, meinen Mitarbeiter des Pilgerzentrums. Sie weisen darauf hin, dass nach dem Willen von Papst Franziskus weltweit in den Diözesen das Heilige Jahr gefeiert werde und somit eine Pilgerfahrt nach Rom gar nicht zwingend notwendig sei, um von Sünden befreit zu werden. Im Heiligen Jahr 2000 war dafür die Wallfahrt zum Papst noch unumgänglich.

Die Besucher streben zu einem weißen Baldachin an der Straßenkreuzung zwischen Engelsburg und Via della Conciliazione, der Straße der Versöhnung. Hier treffen sich Wallfahrer für den Bußgang zum Petersdom. „Volontari“, freiwillige Helfer in gelben Windjacken, verteilen blau-weiß bedruckte Heftchen mit Gebeten und Gesängen. Ein junger Priester, ein Kreuz aus Holz in der Hand, führt den kleinen Pilgerzug an, etwa 20 Katholiken, die aus verschiedenen Ländern kommen. Sie sind einander fremd, doch der Glaube vereint sie.

Still und in sich gekehrt legen zwei Priester aus Mexiko den Bußgang zurück. Junge Polinnen fotografieren sich vergnügt gegenseitig. Drei italienische Kinder aus Reggio Calabria können allerdings ihre Langeweile kaum verbergen. Die Eltern bestanden auf dem Bußgang. Sie würden lieber das Kolosseum besichtigen. Die kleine Prozession windet sich durch Absperrgitter bis zur Basilika. Vom Verkehrschaos in der Stadt ist hier nichts zu spüren. Überall stehen Polizisten und Soldaten. Hoch zu Ross patrouillieren Carabinieri. Ein gewaltiges Aufgebot an Sicherheitskräften schützt das Heilige Jahr. Nach den Terroranschlägen in Paris wurden die Vorkehrungen verschärft. „Selbst bei uns sieht man nicht so viele Sicherheitskräfte wie hier“, meint Blandine Gibert. Die Französin aus Paris ist Krankenschwester. Nach den Attentaten vom 13. November versorgte sie Verletzte. Angst vor einem Anschlag in Rom hat sie nicht. Erklären kann sie jedoch nicht, warum sie sich hier sicher fühlt.

Konkrete Terrorwarnungen lägen nicht vor, sagen Italiens Sicherheitskräfte. Die Alarmstufe ist jedoch hoch, denn schon vor Monaten ließen Milizen mittels Fotomontage die schwarze Fahne des „Kalifats“ auf dem Obelisken vor dem Petersdom wehen und riefen zum „Kreuzzug gegen die Christenheit“ auf. Eng an ihren Mann Hadrien geschmiegt, legt Blandine Gibert den etwa 500 Meter langen Pilgerweg zurück. Das Ehepaar will für Frieden beten. Gewalt dürfe nicht die Herzen verbittern, sagen beide.

An den Kolonnaden kommt der Pilgerzug zum Stillstand. Es ist zwar nicht viel los, aber vor den Dutzenden von Sicherheitsschleusen haben sich lange Warteschlangen gebildet. Den Kontrollen kann sich niemand entziehen. Jede Handtasche, jeder Rucksack wird durchleuchtet. Der römische Präfekt Franco Gabrielli hatte die Gläubigen dazu aufgerufen, „nicht den ganzen Hausstand“ einzupacken, wenn sie an der Heiligen Pforte um den Erlass der Sünden bitten. Der fromme Wunsch des römischen Polizeichefs blieb weitgehend ungehört. Manche Situation ist geradezu komisch. Eine ältere Dame wehrt sich heftig dagegen, zum Durchleuchten ihren Mantel auszuziehen. Eine Mutter schafft es nicht, einen Kinderwagen zusammenzuklappen, damit auch er ordnungsgemäß kontrolliert wird. Polizisten und Touristen bemühen sich gemeinsam, mit vielen Verrenkungen und lautem Schimpfen das Problem zu lösen.

Sündenerlass im Eiltempo

Tränen des Glücks fließen an der Bronzetür des Petersdoms, die Papst Franziskus am 8. Dezember zum Beginn des Jubeljahres schwungvoll öffnete. „Ein großartiger Moment“, sagt bewegt eine Amerikanerin aus Denver, Colorado. Mit ihren drei Söhnen verbringt sie Weihnachten in Rom. Eine Ordensschwester kniet vor der Pforte mit Darstellungen aus der Bibel nieder. Andere streichen rasch noch mit einer Hand über die bronzenen Figuren. Ordner lassen jedoch den Gläubigen kaum Zeit zur inneren Einkehr, obwohl der Papst dazu aufgerufen hat. Das Durchschreiten der Pforte verspricht schließlich den Erlass der Sünden.

Mit ihrem schneeweißen Kopftuch, einem Hijab, fällt die junge Muslimin Zovina im Petersdom auf. „Es ist wahnsinnig schön hier“, flüstert die 24-jährige Französin, die sich mit ihrem Vornamen vorstellt. Mit ihrer Mutter, die eine modische Mütze trägt, besucht sie die Basilika, das Symbol der Christenheit. Unbekümmert erzählt Zovina, dass sie mitunter misstrauisch angeschaut werde. „Manche Leute denken bestimmt, ich könnte gefährlich sein“, sagt sie. Zovina macht sich viele Gedanken, wie Hass überwunden und Kriege gestoppt werden können. Während ihres Rom-Aufenthalts will sie nach Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum suchen.

„Wo ist der Josefs-Altar?“ Kopfschüttelnd blickt Philippe Saks um sich. Er kann den italienischen Kirchenbesuchern nicht weiterhelfen. Noch kämpft der Australier mit der Sprache seiner neuen Heimat. Seit ein paar Monaten lebt der Rentner mit seiner Frau Barbara in Rom. „Wir haben zu Hause alles aufgegeben“, erzählt er, „weil wir in Italien leben wollen.“ Einmal im Monat stellen sie sich nun für sieben Tage als „volontari“ in den Dienst des Jubeljahrs. Sie machen Pilgern im Petersdom den Weg zum Hochaltar frei oder unterstützen die Sicherheitskräfte bei der Personenkontrolle. „Wir wollen dem Land, das uns so viel gibt, mit diesem freiwilligen Einsatz etwas zurückgeben“, erklärt Barbara Saks.

Die Glocken von Sankt Peter läuten zwölf Uhr Mittag. Die Laune der Händler an der Engelsburg ist immer noch schlecht. Kabil packt Hüte, Schals und Mützen wieder in Plastiksäcke. „Hier läuft heute nichts mehr“, seufzt er. Den ganzen Vormittag hat er keinen einzigen Euro eingenommen. „Die Terrorangst macht uns arm“, meint Kabil, der wie der Devotionalienhändler Ahmed aus Bangladesch kommt.

Nach den Anschlägen in Paris stornierten vor allem Japaner und Chinesen Reisen nach Europa. Laut dem römischen Hotelierverband bleiben deshalb 40 bis 50 Prozent der Gästebetten in der Ewigen Stadt unbelegt. Wegen des Besucherrückgangs setzten Hoteliers ihre Preise herunter. „Wir kommen sonst nicht über die Runden“, sagt die Chefin eines romantischen und gepflegten Hotels im Zentrum von Rom. Unter römischen Geschäftsleuten kursiert bereits ein Witz: „Ein Petersplatz voller Menschen zur Sonntagsmesse reicht uns nicht. Wir möchten auch eine Happy Hour am Samstagabend.“