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Terror in Istanbul: Ein verletztes Land

Meinung / von Daniel Steinvorth / 29.06.2016

Der Atatürk-Flughafen von Istanbul war ein ideales Terrorziel. Trotzdem gehörte er zu jenen Orten, an denen man sich bisher sicher gefühlt hatte. Indem die Attentäter hier zuschlugen, demonstrierten sie die Verwundbarkeit der Türkei.

Es nimmt kein Ende. Schon wieder schlagen Terroristen in der Türkei zu, werden dutzende von Menschenleben ausgelöscht, bleibt den Davongekommenen nichts als Entsetzen, Trauer, Zorn. Es gehört zur perfiden Strategie des Terrors, dass sich nicht nur die Überlebenden der Schreckensnacht von Istanbul, sondern wir alle uns als Davongekommene fühlen sollen.

Überall gefährdet

Denn der größte Flughafen der Türkei ist alles andere als ein abstraktes Terrorziel. Er ist eines der wichtigsten Drehkreuze des internationalen Flugverkehrs. Ein routinierter Ort, geschäftig, weltläufig. Auch faszinierend: Selten sieht man mehr Menschen aus allen Himmelsrichtungen, Usbeken, Afrikaner, Brasilianer, orthodoxe Juden, Pilger auf dem Weg nach Mekka. Wer den Atatürk-Flughafen kennt, spürte, dass die schlechten Nachrichten aus dem Inneren des Landes seltsamerweise nie wirklich bis hierher durchdrangen. Man durfte sich sicher fühlen.

Jetzt aber ist auch diesem Ort die Unschuld abhanden gekommen, allen Sicherheitskontrollen zum Trotz. Diese werden am Istanbuler Flughafen sogar doppelt durchgeführt, einmal am Eingang des Gebäudes, für alle Besucher, und einmal nach dem Aufgeben des Gepäcks. Wenn selbst hier, wo die Videoüberwachung omnipräsent ist und allzeit bewaffnetes Sicherheitspersonal patrouilliert, kein Schutz vor Terroranschlägen zu gewähren ist, wo dann? Die Türkei ist heute überall ein verletzliches, verletztes Land.

Nach Regierungsangaben deutet derzeit alles auf den Islamischen Staat (IS) als Urheber des Anschlags hin. Zu erwähnen, dass auch die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) dahinter stecken könnte, verkniffen sich die Behördenvertreter diesmal. Doch erschöpfen sich damit die Fragen nicht: Wie konnte es den Attentätern gelingen, mit Waffen in das Gebäude zu gelangen? Welche praktischen Folgen wird das Sicherheitsdesaster haben? Wird jemand Verantwortung übernehmen? Was sagt all dies über den Anti-Terror-Kampf der Regierung aus? Und wenn es der IS war: Warum verkündet der Justizminister, wie viele der Extremisten verhaftet, aber nicht, wie viele wieder auf freien Fuß gesetzt wurden? Warum wurde die Gefahr aus dem dschihadistischen Lager überhaupt so lange ignoriert?

Nicht nur eine Heimsuchung

Natürlich brauchen die Türken jetzt Beistand und Solidarität, keine Häme. Dem Schrecken vom Brüsseler Flughafen, wo sich am 22.März IS-Leute in die Luft sprengten, steht der 28. Juni in nichts nach. Die globale Teilnahme sollte entsprechend sein. Über 200 Zivilisten kamen durch Terroranschläge allein in Istanbul und Ankara seit vergangenem Herbst ums Leben. Hinzu kommen die zahlreichen Toten im ungelösten Kurdenkonflikt.

Doch der Terror ist eben nicht nur eine Heimsuchung, er ist auch das Resultat gewaltiger politischer Fehler, die man sich bis heute nicht eingestehen will. Wenn eine Staatsführung stattdessen martialische Durchhalteparolen verkündet und den Verdacht nährt, aus der weit verbreiteten Angst noch politisches Kapital zu schlagen, ist ihr kaum zu helfen.