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Extremismus

Terrorist unter falschem Namen

von Gordana Mijuk / 18.01.2016

Ein Mann reist durch Europa, erfindet Identitäten und stellt Asylanträge. Bald gibt er sich als Syrer, bald als Georgier aus. In Deutschland kommt er damit durch. Dann versucht er in Paris ein Attentat. Ein haarsträubender Fall.

Am Ende liegt er ausgestreckt auf dem Boden und rührt sich nicht mehr. Ein kleiner Roboter steuert auf ihn zu. Er inspiziert, ob der Mann Bomben auf sich trägt, ob von ihm noch eine Gefahr ausgeht. Ein Nachbar filmt die Szene.

Porträt des Mannes, der unter falschen Namen in Europa Asyl suchte und Straftaten beging.
Credits: LKA RECKLINGHAUSEN / AP

Der Mann ist nicht mehr gefährlich. Er ist tot. Sein Sprengstoffgürtel eine Attrappe. Hier, vor dem Pariser Polizeiposten im Quartier Goutte d’Or, endet sein Leben, endet seine Reise durch Europa.

Kurz zuvor wollte er die Polizeiwache stürmen. „Allahu akbar“ – Gott ist groß – soll er gerufen und dabei ein Schlachtmesser geschwungen haben. Die zwei Polizisten vor dem Gebäude forderten ihn auf, zu verschwinden. Er näherte sich den Beamten dennoch. Sie schossen. Drei Kugeln trafen ihn.

Die Polizei findet beim Toten ein Schreiben, in dem er seine Tat als Racheakt für die französischen Angriffe in Syrien bezeichnet. Er arbeite im Auftrag von Abu Bakr al-Baghdadi, dem Anführer des Islamischen Staates (IS). Außerdem steht auf einem Zettel „Abu Jihad Al Tounsi – Tarek Belgacem – Tunis“. Erst später wird die Bedeutung der Namen klar.

Die Attacke passierte am 7. Januar 2016, am Jahrestag des IS-Anschlags auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo und einen koscheren Supermarkt in Paris. Unweit der Polizeiwache gedenkt der französische Präsident François Hollande gleichentags der Beamten, die im Dienst vor einem Jahr ihr Leben verloren.

Syrer, Marokkaner, Tunesier und Georgier

Noch am selben Tag erklären die Behörden, die Fingerabdrücke des Mannes stimmten überein mit jenen eines 2013 wegen Diebstahls in Sainte-Maxime an der Côte d’Azur verhafteten Mannes: Ali Salah, 18-jährig, aus Casablanca, Marokko. Der Dieb konnte sich damals nicht ausweisen. Die Polizei hegte keinen Verdacht, dass es sich bei ihm um mehr als einen Kleinkriminellen handeln könnte. Sie forderte ihn auf, Frankreich zu verlassen.

In Paris findet die Polizei beim Erschossenen eine deutsche SIM-Karte. Die Spur führt nach Nordrhein-Westfalen. Zwei Tage nach dem versuchten Attentat meldet das dortige Landeskriminalamt: „Der Mann, der am 7. Januar 2016 vor einer Polizeistation in Frankreich erschossen wurde, wohnte in einer Wohnung auf dem Gelände einer Asylbewerberunterkunft in Recklinghausen.“ Der potenzielle Attentäter – ein Flüchtling.

Am folgenden Tag informiert der Direktor des Landeskriminalamtes, Uwe Jacob, über prekäre Details zum Fall. Der Mann war wahrscheinlich doch kein Flüchtling, sondern gab dies bloß vor. Laut Jacob bewegte er sich in Europa unter sieben verschiedenen Namen und Identitäten. „Wir sind uns nicht sicher, wer er tatsächlich ist.“ Der Mann gab sich als Syrer aus, als Marokkaner, als Tunesier, ja gar als Georgier namens Nika Khechuashvili reiste er herum, ersuchte um Asyl und verübte Straftaten. Laut dem Landeskriminalamt lebte er einige Jahre illegal in Frankreich, war aber auch in Luxemburg, Schweden und in der Schweiz.

Kriminell und gewalttätig

In Deutschland machte er den Behörden weis, er heiße Walid Salahi, sei 19-jährig und stamme aus Homs in Syrien. Im vergangenen August erhielt er vorübergehend Asyl. Dabei war derselbe Mann bereits als Walid Esalihi, geboren 1995, in Marokko, im deutschen Ausländer-Zentralregister aufgeführt. Unter diesem Tarnnamen soll er erstmals im Dezember 2013 eingereist sein. Auch den deutschen Strafbehörden war der Mann bekannt. Er weist ein langes Strafregister auf: Diebstahl, Rauschgifthandel, Beleidigung, Bedrohung, Körperverletzung, Erschleichung staatlicher Leistungen. Er verprügelte einen Obdachlosen, übergoss ihn mit Wein und Schnaps, in einer Kölner Disco begrapschte er Frauen. Im Asylbewerberheim ging er mit einem Messer auf einen Asylsuchenden los und verletzte ihn am Knie. Mehrmals saß er in deutschen Gefängnissen. Auch in der Flüchtlingsunterkunft in Recklinghausen fiel er auf. Er hatte eine IS-Fahne an die Wand gemalt, weshalb ihn die Behörden als Verdachtsfall einstuften.

Das Landeskriminalamt äußert sich seit dem vergangenen Sonntag nicht mehr zu den laufenden Ermittlungen. 60 Sonderermittler untersuchen derzeit den Fall. In seinem Zimmer Nummer neun in der Asylunterkunft Recklinghausen fanden die Beamten bisher zwei Küchenmesser, doch keine Hinweise auf weitere Anschläge. Alles deutet darauf hin, dass er den Anschlag auf das Polizeirevier in Paris allein geplant und durchgeführt hat.

Im Januar 2013 bat er auch in der Schweiz um Asyl, wurde ein paar Monate später aber nach Italien abgeschoben. Wo genau und unter welchem Namen er in der Schweiz war, gibt das Bundesamt für Polizei nicht bekannt.

Mittlerweile haben sich Familienmitglieder gemeldet, die im jungen Mann Tarek Belgacem erkennen, einen 25-jährigen Tunesier. Tarek Belgacem: Diesen Namen hatte er an seinem Todestag auf den Zettel geschrieben, gleich neben seinem Kriegsnamen.

Rätselhaft und haarsträubend

Tareks Vater Taoufik ist untröstlich. Um den Medien vom Schicksal seines Sohnes zu erzählen, reiste er dieser Tage nach Tunis. Der 49-Jährige ist Bauer in Ouled Chamekh im Osten des Landes. Er baut Mandeln und Oliven an. Der französischen Zeitung Libération sagte er, sein Sohn habe wie tausende andere Tunesier in Europa sein Glück suchen wollen. Er habe ihm davon abgeraten, ja verboten habe er es ihm. Doch 2010, damals 19-jährig, stieg Tarek auf ein Boot nach Italien. Ohne die Eltern zu informieren.

„Nous sommes pas Daesh“ – sie seien nicht beim IS, beteuerte der Vater gegenüber dem französischen Sender BMF TV am Telefon. Sein Sohn habe doch nur Arbeit gesucht. Hamed Belgacem, ein Cousin, zeigt dem Sender Fotos von Tarek mit trendiger Sonnenbrille. Auch er will nicht an eine Radikalisierung des jungen Mannes glauben. „Tarek hat Alkohol getrunken, er ging in Clubs und war mit Frauen zusammen.“ Was er vor der Pariser Wache genau im Sinn hatte, kann sich aber auch die Familie nicht erklären.

Tarek Belgacem soll zuerst bei einem Verwandten an der französischen Riviera gearbeitet haben, in einem Plattenlegergeschäft, dann versuchte er offenbar, in Italien Fuß zu fassen. Einige Monate später wurde er aber wegen Diebstahls in Frankreich verhaftet. Bei seinem letzten Anruf nach Hause am 31. Dezember 2015 sagte Tarek seiner Mutter, sie solle ihm seine Geburtsurkunde schicken. Er wolle in Italien Arbeit finden.

Der Fall ist so rätselhaft wie haarsträubend. Weshalb konnte Tarek Belgacem unter falschem Namen problemlos in Europa herumvagabundieren? Wie konnte er die deutschen Behörden derart narren? Er war mehrfach registriert, ihm wurden die Fingerabdrücke mehrfach abgenommen, er saß mehrfach im Gefängnis. Wie war es möglich, dass man ihm den vorläufigen Aufenthalt zuerkannte?

Deutsches Registrierchaos

Der Fall rückt die Registrierpraxis und den Datenaustausch zwischen den Behörden in Deutschland in den Fokus. Die Fingerabdrücke von Flüchtlingen müssten eigentlich schon an der Grenze oder in einem Empfangszentrum abgenommen und mit polizeilichen Daten abgeglichen werden. Doch hier gibt es offenbar Probleme. Asylsuchende werden teils doppelt, teils gar nicht registriert. Die Behörden scheinen mit dem Flüchtlingsstrom maßlos überfordert zu sein. Sie wissen nicht, wie viele Flüchtlinge im Land sind und wo sie sich aufhalten. Im vergangenen November schrieben Mitarbeiter des deutschen Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in einem offenen Brief über Mängel bei der Flüchtlingsaufnahme. Das Bundesamt verzichte auf Identitätsprüfung. Ein Syrer sei für die Behörden, wenn jemand „sich schriftlich im Rahmen der Selbstauskunft als Syrer bezeichnet und ein Dolmetscher (in der Regel weder vereidigt noch aus Syrien kommend) dies bestätigt“.

Innenminister Thomas de Maizière will den Missstand mit der Einführung eines Flüchtlingsausweises beheben. Die zuständigen Stellen sollen dannzumal auf relevante Datensätze zugreifen können. Eigentlich müsste dies ja schon heute möglich sein.