Rungroj Yongrit / EPA

Anschläge auf Ferienorte

Thailands trügerische Ruhe gestört

von Manfred Rist / 12.08.2016

Die Hintergründe für die Anschläge in Thailand sind unklar. In dem Land, das seit zwei Jahren von einer Militärjunta regiert wird, gibt es allerdings viele Spannungsfelder, die Motive liefern könnten.

Kleinere Bombenanschläge im Süden Thailands, die die Handschrift muslimischer Separatisten tragen, gehören seit Jahren fast zur Tagesordnung. Doch die Serie an Detonationen, die am Donnerstagabend und am Freitagmorgen das beliebte Reiseland erschüttert hat, ist neu. Erstmals sind nämlich unter anderem die bekannten Touristendestinationen Phuket und Hua Hin Ziele gewesen.

Gewaltbereitschaft am Feiertag

Durch insgesamt acht Explosionen, die sich innerhalb von 24 Stunden ereignet haben, sind nach vorläufigen Angaben vier Personen ums Leben gekommen und über dreissig verletzt worden, einige davon schwer. Unter den Opfern befinden sich auch Ausländer. Es handelte sich zwar um kleinere Sprengladungen, doch die Häufung lässt auf eine präzis koordinierte Aktion schliessen, die politisch motiviert ist.

Bemerkenswert ist auch der Zeitpunkt. Am Freitag feiert die Königin Sirikit ihren 84. Geburtstag. Auch wenn die Anschläge nicht direkt dem Königshaus gelten, kommt in den Aktionen eine Gewaltbereitschaft zum Ausdruck, die an einem solchen Feiertag in der Vergangenheit undenkbar war.

Durchzogenes Ja am Sonntag

Der todkranke 89jährige König Bhumibol Adulyadej wird in Thailand nach wie vor verehrt. Aber die Monarchie, in der sich nach sieben Jahrzehnten ein Generationenwechsel ankündigt, hat in weiten Teilen der Bevölkerung an Respekt eingebüsst. Dies kam in den vergangenen Jahren schon in den Wahlerfolgen von Thaksin Shinawatras Partei zum Ausdruck, die von gewissen Kreisen als «anti-monarchisch» bezeichnet wurde – trotzdem aber alle freien Wahlen deutlich gewann. Die Anschläge können auch in diese Richtung interpretiert werden.

Die Anschlagsserie begann ferner nur vier Tage nach dem Verfassungsreferendum. Eine Mehrheit der 50 Millionen stimmberechtigten Thailänder stimmten der Vorlage am Sonntag mit 61,4 Prozent Ja-Stimmen relativ deutlich zu. Das positive Ergebnis wurde in Thailand als Schritt in Richtung Neuwahlen und als politische Beruhigung interpretiert. Diese Deutung muss jetzt relativiert werden.

Abgesichertes Machtmonopol

Der Zusammenhang mit dem Referendum ist nicht zwingend. Aber es muss an die Worte von Premierminister Ministerpräsident Prayuth Chan-ocha, erinnert werden, wonach nun Ende 2017 Wahlen stattfinden können, sofern es im Land ruhig bleibt. Es könnte sich also auch um einen Versuch handeln, diesen Prozess zu torpedieren.

Die Verfassung garantiert im wesentlichen, dass die traditionell einflussreichen Kreise, darunter das Militär, das Königshaus und andere Eliten, die Macht in den Händen behalten. Auch die Wahl des nächsten Regierungschefs, der nicht aus dem Kreis gewählter Abgeordneten stammen muss, ist gemäss der angenommenen Vorlage gewissermassen vorbestimmt, weil Aussenseiter (wie seinerzeit Thaksin) keine Chancen haben.

Streit im Süden und Nordosten

In diesem Zusammenhang fällt auf, dass die Verfassungsvorlage im muslimischen Süden des Landes wie auch im Nordosten keine Mehrheit fand. In den südlichen Provinzen kämpfen Separatisten um Autonomie und um einen eigenen Staat. Der Nordosten ist die Hochburg der «Rothemden», in denen Thaksin und dessen Schwester nach wie vor grossen Rückhalt geniessen.

Rechnet man die landesweit geringe Stimmbeteiligung hinzu, die als Ausdruck des Protests interpretiert werden muss, zeigt sich, dass die neu ausgearbeitete Verfassung – die zwanzigste seit dem Übergang zur konstitutionellen Monarchie von 1932 – tatsächlich nur geringen Rückhalt in der Bevölkerung hat. Die Stimmbeteiligung wird offiziell mit 58 Prozent angegeben; die Zahl wird indessen angezweifelt.

Konflikte nur eingefroren

Die Anschläge rufen auf jeden Fall in Erinnerung, dass die Probleme Thailands nicht gelöst sind. Weder im Norden noch im Süden: Die Spaltung der Gesellschaft, die durch die grossen Einkommensunterschiede und das Machtgefälle verschärft wird, hält an. Im Urteil von politischen Beobachtern sind die Spannungen nur eingefroren. Im ethnisch-religiösen Konflikt im Süden, der von der Unterentwicklung überlagert wird, wartet man seit Jahren auf Verhandlungen.