Theresa May im Aufwind: Profiteurin eines politischen Mordes

von Christian Weisflog / 01.07.2016

Nach dem Putsch gegen Boris Johnson sehen britische Medien Innenministerin Theresa May als kommende Premierministerin. Auch in den eigenen Reihen erhält sie mehr Unterstützung.

Fünf Kandidaten kämpfen um die Nachfolge des konservativen Parteichefs und Premierministers David Cameron. Nach der Ausbootung des ehemaligen Londoner Bürgermeisters Boris Johnson sehen die Buchmacher und die britischen Medien Innenministerin Theresa May in Front. Die 59-Jährige sei „die überwältigende Favoritin“, meint der Telegraph. Das Boulevardblatt Daily Mail stellt sich am Freitag auf der Titelseite direkt hinter May: „Eine Partei in Flammen und warum Theresa die neue Anführerin sein muss“.

Auch in der eigenen Partei und im Kabinett wächst offenbar der Rückhalt für May. Mit Verteidigungsminister Michael Fallon und Verkehrsminister Patrick McLoughlin stellten sich zwei weitere Regierungsmitglieder hinter die Innenministerin. „Ihr Leistungsausweis zeigt, dass die EU-Bosse ihr zuhören werden, wenn sie nach Brüssel reist“, schreibt McLoughlin in der Sun. Auch unter den konservativen Parlamentariern habe May viel mehr Zuspruch erhalten als die übrigen vier Kandidaten, schreibt die BBC.

May hat unter Cameron ihre Standhaftigkeit während sechs Jahren im Amt bewiesen. Die Financial Times bezeichnete sie als die „längst gediente Innenministerin der modernen britischen Geschichte“. In der Brexit-Abstimmung stellte sich May formell hinter Cameron und seine Bemühungen, Großbritannien in der EU zu halten. Während des Abstimmungskampfes verhielt sie sich allerdings zurückhaltend. Sie will das Votum der Briten respektieren und hat einen Verbleib in der EU „durch die Hintertür“ oder ein zweites Referendum ausgeschlossen. Sie verspricht einen EU-Austritt „unter den best möglichen Bedingungen“. Die Personenfreizügigkeit in ihrer heutigen Form werde sie aber auf keinen Fall akzeptieren.

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Aussichten auf die Cameron-Nachfolge hat auch der 48-jährige Justizminister Michael Gove, der eine führende Rolle in der Brexit-Kampagne gespielt hat. Sein „Putsch“ gegen seinen Verbündeten Boris Johnson, das eigentliche Zugpferd der Brexit-Befürworter und eigentlicher Favorit auf die Cameron-Nachfolge, dürfte ihm in der Öffentlichkeit aber wenig Sympathiepunkte bringen. Das Manöver sorgt im Brexit-Lager für Verwerfungen. „Brexiters at war“, titelte etwa die Financial Times. Der konservative Abgeordnete Jake Berry twitterte über Michael Gove: „Für solche wie ihn ist in der Hölle eine sehr tiefe Grube reserviert.“ Andere Johnson-Verbündete sprachen von einem „mitternächtlichen Betrug“. Der Herald titelte gar: „Gove der Mörder“. Nach der Ankündigung seiner Kandidatur soll Gove bald seine erste Rede halten. Man darf gespannt sein, ob es ihm gelingt, die Wogen zu glätten.

Die weiteren Kandidaten neben May und Gove sind der Arbeitsminister Stephen Crabb, Energieministerin Andrea Leadsom und der ehemalige Verteidigungsminister Liam Fox. In den kommenden Tagen wird sich die konservative Fraktion auf zwei Kandidaten einigen müssen. Danach wählen die Parteimitglieder in einer brieflichen Abstimmung einer dieser beiden Bewerber. Der neue Parteiführer und folglich Premierminister soll am 9. September feststehen.